Tipps für eine erfolgreiche Bewerbung: Anbeißen oder nicht?

Warum der souveräne Umgang mit einem Mandelhörnchen über den Berufseinstieg entscheiden kann.

Von Helene Bubrowski

Neben die Kaffeetasse hat die Sekretärin einen Teller mit Mandelhörnchen gestellt. Der Personalchef sagt: „Greifen Sie zu!“ und lächelt. Der Bewerber hat die Geschichte des Unternehmens auswendig gelernt, sich Antworten auf die Frage nach den eigenen Stärken und Schwächen zurechtgelegt und eine einigermaßen plausible Erklärung für die acht Monate Pause zwischen Examen und Jobeinstieg gefunden. Aber auf das Mandelhörnchen hat er sich nicht vorbereitet. Er muss spontan entscheiden: Reinbeißen oder nicht? Krümel auf dem weißen Hemd kommen gar nicht gut. Und klebrige Hände bei der Verabschiedung erst recht nicht.

Und was passiert erst, wenn ein Schokoladenstückchen auf das beige bezogene Sofa fällt? Ablehnen ist doch auch unhöflich. Und unsouverän dazu. Der Chef könnte denken, dass man sich in Konflikten niemals durchsetzen kann, wenn man sich noch nicht mal traut, in ein Mandelhörnchen zu beißen. Ein Nein zu der leckeren Süßigkeit könnte auch den Eindruck erwecken, man müsste auf seine Linie achten. Schließlich bringt man sich so auch um die Chance, dem Personaler zu beweisen, dass man weiß, dass man mit vollem Mund nicht spricht.

Jürgen Hesse von der Beratungsagentur Hesse/Schrader in Berlin hat seit mehr als dreißig Jahren Erfahrung mit Bewerbungsgesprächen. Aber die ideale Lösung für das Mandelhörnchen hat auch er nicht gefunden. „Man kann es eigentlich nur falsch machen“, sagt er. Beziehungsweise nur richtig. Denn die Losung, die Hesse seinen Klienten mitgibt, lautet: Verhalte dich im Bewerbungsgespräch wie im Spiel. Nicht wie in einem Strafprozess oder auf der Schlachtbank. Der Job steht und fällt also nicht mit der Frage, ob man das Mandelhörnchen isst, sondern wie auf die Aufforderung reagiert wird. Ein souveränes „Oh, gern, vielen Dank“ ist genauso möglich wie ein „Das ist sehr nett, aber jetzt nicht“. Nicht ausgeschlossen ist auch ein lächelndes „Nur wenn Sie eins mitessen“. Nur ein unsicheres oder gar verzweifeltes Schulterzucken wäre schlecht.

Wer die Bewerbung wie ein Spiel sehen kann, muss auch keine zehn Bewerbungsberater lesen, um die passende Antwort auf die Frage nach Stärken und Schwächen zu finden. Das kann sogar kontraproduktiv sein. Denn in den Hunderten von Beratern, die im Handel erhältlich sind, findet sich zum Thema größte Schwäche meistens die Empfehlung: „Nennen Sie Ungeduld oder Perfektionismus, denn das sind in Wirklichkeit ja Stärken.“ Davon rät Diplompsychologe Hesse aber ab – sogar jenen Menschen, die tatsächlich ungeduldig und perfektionistisch sind. „Jeder Personaler hat diese Antworten schon tausendmal gehört.“

Punkten lässt sich dagegen mit: ,Ich schaffe es nicht, Vegetarier zu sein, obwohl die Tiere mir leid tun, esse ich so gerne Fleisch.“ Oder etwa: „Meine große Schwäche ist dunkle Schokolade.“ Ebenso auch: „Ich liebe die französische Küche und habe viele französische Freunde, aber mein Französisch ist immer noch nicht so richtig gut.“ Fragen zum Beruf auf privater Ebene zu beantworten, nennt Hesse diese Taktik. Solche Antworten sind erfrischend, bisweilen sogar entwaffnend. Der Bewerber bestimmt so auf elegante Art und Weise die Spielregeln des Gesprächs. Und er kann beweisen, dass fehlende Schlagfertigkeit jedenfalls keine Schwäche ist. Wenn der Personaler danach meint, dass er mit dieser abgedroschenen Frage tatsächlich etwas über die beruflichen Schwächen herausfinden kann, muss er noch einmal nachhaken. Das Problem ist: Die meisten Bewerber trauen sich nicht, auf Schokolade oder französische Küche auszuweichen. Und in der Tat ergibt sich kein rundes Bild, wenn ein Bewerber in Schockstarre vor dem Personaler sitzt und stotternd den auswendig gelernten Satz von der Schwäche für Schokolade herausbringt. „Die Angst kann man gut wegtrainieren“, rät Hesse. „Man muss sie nur benennen können.“ Ähnlich wie bei der Trauma-Therapie. Der Bewerbungsberater nimmt dafür zwischen 120 und 170 Euro pro Stunde.

Um zum Gespräch eingeladen zu werden, muss der Bewerber aber erst einmal die erste Runde überstehen: die schriftliche Bewerbung. Ein schlampiges Anschreiben fällt negativ auf, auch heute noch führen Rechtschreibfehler in aller Regel dazu, dass der Kandidat von der Liste gestrichen wird – einmal abgesehen von Fehlern bei Getrennt- und Zusammenschreibung, die seit der Rechtschreibreform viele nicht mehr sicher beherrschen.

Schlecht ist auch, wenn man dem Anschreiben anmerkt, dass es in dieser Form an zehn Unternehmen geschickt wurde. „Sehr geehrte Damen und Herren“ ist zu anonym – es sollte nicht zu viel verlangt sein, den Namen des Personalchefs herauszufinden. „Ein Bewerbungsanschreiben hat Parallelen mit einem Liebesbrief“, sagt Hesse, „in beiden Fällen will man die Person von den Qualitäten des Absenders überzeugen.“ Und da ist es erlaubt, ein bisschen zu tricksen. „Nicht die Unwahrheit sagen, aber sich von seiner Schokoladenseite präsentieren.“

Die Welt da draußen kann ziemlich brutal sein. Wer Cindy oder Chantal heißt, hat oft schlechte Karten auf dem Arbeitsmarkt. Angeblich ordnen schon Grundschullehrer die Kevins, Marvins und Mandys eher unterbewusst einem bildungsfernen Milieu zu und geben ihnen meist schlechtere Noten. Der Arbeitgeber hat nicht nur seine eigenen Vorurteile, er stellt sich auch die Reaktionen seiner Kunden vor, wenn er seine neue Assistentin namentlich vorstellt. „Wer Chantal Müller heißt und mit zweitem Vornamen Michaela, kann überlegen, ob sie nicht auf ihrem Briefkopf C. Michaela Müller schreibt“, schlägt Hesse vor. Auch einen Studienabbruch kann man geschickt kaschieren. So muss etwa „Jura studiert haben“ keineswegs heißen, dass das Studium mit dem Staatsexamen abgeschlossen wurde. Selbst wenn der Bewerber nur drei Semester studiert hat, wäre das kein Fälschungsakt. Allerdings bringt die Schokoladenseiten-Taktik in diesem Fall wohl nur etwas für den allerersten Eindruck. Ob der Bewerber Rechtsanwalt ist oder nicht, lässt sich ja leicht herausfinden. Im Ergebnis kann so ein geschönter Lebenslauf sogar kontraproduktiv sein. „Aus Sicht des Arbeitgebers ist es das Wichtigste, dem Bewerber zu vertrauen“, lautet Hesses Fazit nach seiner mehrjährigen Erfahrung in der Branche. Wer schon bei den Basisdaten schummelt, schafft kein Fundament für Vertrauen. „Personalentscheidungen sind zutiefst irrationaler Natur“, ist er überzeugt. Objektivität sei in diesem Bereich illusionär. Daher hält er nichts von einer Anonymisierung der Bewerbungsunterlagen oder einem Verzicht auf das Foto, wie das in Amerika heute üblich ist. „Ein Banker würde ja auch nie einen Kredit geben, wenn er die Person nicht kennt und nicht weiß, ob sie mit dem Geld ein Haus kaufen oder ein Bordell eröffnen möchte.“

Für den Lebenslauf gibt der Berater einen wichtigen Tipp: Den Begriff „Lebenslauf“ nicht wörtlich zu nehmen. „Mit dem Lauf des Lebens hat das nichts zu tun“, sagt Hesse, „es geht um die Darstellung der beruflichen Entwicklung.“ Allerdings sollten auch die Kategorien „Sonstige Interessen/Hobbys“ in ihrer Bedeutung nicht unterschätzt werden. Man kann sich mit den Angaben „lesen, joggen, Fahrrad fahren“ aus der Affäre ziehen – aber dann auch darauf achten, dass man einen Buchtitel nennen kann, wenn man nach seiner letzten Lektüre gefragt wird. Von „fernsehen oder Computerspiele“ ist abzuraten, denn der Personaler verbindet damit einen klassischen Einzelgänger auf der Couch und nicht den dynamischen, teamfähigen Mitarbeiter – auch wenn sich längst herumgesprochen hat, dass manche Computerspiele das Gehirn durchaus im strategischen Denken schulen. Extremsportarten können die Befürchtung auslösen, dass Verletzungen die Einsatzfähigkeit im Büro beeinträchtigen.

Doch auch Höhlentaucher und Klippenspringer haben realistische Chancen. Viele Arbeitgeber sind weniger spießig als vermutet, und sie brauchen Mitarbeiter mit ihrem eigenen Kopf: Wer zu angepasst ist, hat selten kreative Ideen, heißt es. Dafür nimmt der Arbeitgeber die eine oder andere Schrulligkeit in Kauf. So gibt es selbst in der konservativen Branche der Wirtschaftskanzleien inzwischen Anwälte mit Zungenpiercing oder Tattoo. Mancher Senior-Partner runzelt darüber heute noch die Stirn. Aber er wird nichts sagen, wenn der Anwalt seine Arbeit gut macht – und im Mandantengespräch nicht die Zunge rausstreckt oder im kurzärmligen Hemd ins Büro kommt.

Zu mehr Toleranz zwingt auch der wachsende Fachkräftemangel. Selbst Traditionsunternehmen müssen manche Etikette aufgeben, wenn sie im Kampf um die besten Köpfe nicht ins Hintertreffen geraten wollen. Bereits jetzt können Betriebe vor allem in der Technikbranche ihre freien Stellen nicht mehr besetzen. Das Problem wird sich verschärfen, wenn die Generation der Babyboomer in Rente geht. Dann werden Arbeitgeber zu Bewerbern. Und Berufseinsteiger können sich dann vielleicht aussuchen, in welchem Unternehmen es die besten Mandelhörnchen gibt.

„Personalentscheidungen in Unternehmen sind zutiefst irrationaler Natur.“
Jürgen Hesse, Bewerbungsberater