Berufswege: Wie wird man eigentlich Astronaut?

Der neueste deutsche Raumfahrer Matthias Maurer war Sanitäter, Rucksacktourist und Forscher in der Medizintechnik.

Im zweiten Anlauf kam er doch noch ins Korps der Astronauten. Sein Rezept: ein krummer Lebenslauf.

Von Nadine Bös

Wer Matthias Maurer nach den kleinen Kuriositäten im Astronautenalltag fragt, dem erzählt er vom Toilettentraining im Weltraum: Die Schwerelosigkeit sei im Alltag ganz schön unpraktisch. Einfach alles schwebe umher: Staubkörnchen, Laptops, Essen, Kleidung, die Menschen selbst – und eben auch deren Exkremente. Deshalb sei es nicht nur nötig, dass ein Astronautenklo funktioniert wie ein Staubsauger. Es brauche außerdem etwas Übung, um die Weltraumtoilette zu benutzen. Dafür müsse man sein eigenes Geschäft trainingshalber per Videokamera verfolgen und das punktgenaue „Treffen“ üben.

Maurer ist der neueste deutsche Astronaut im Korps der European Space Agency (ESA). Wenn er von seinem Beruf erzählt, dann klingt das nicht immer nur nach Kleine-Jungen-Traum und großem Abenteuer, sondern vor allem nach viel, viel Training. Der Toilettengang ist nur ein winziger Bestandteil dessen, was ein Raumfahrer lernen muss, bevor er sich auf die große Reise begibt. Angehende Astronauten werden durch Zentrifugen geschleudert und auf lange Tauchgänge unter Wasser geschickt. In der großen Trainingshalle des European Space Center steht ein Nachbau der Internationalen Raumstation (ISS), in dem Astronauten ihre Alltagskompetenzen fürs All üben: wie man Steckdosen abdeckt, damit herumschwebende Teilchen sie nicht lahmlegen. Wie man die Hände in riesige, schwarze, in der Wand eingelassene Gummihandschuhe versenkt, um in Gehäusen hinter der Wand Experimente mit Kleinteilen zu machen. Wo man die Füße einhaken kann, um in der Raumstation an einer Stelle zu verharren. Ja, sogar, wie man den Schlafsack anzieht, der senkrecht an der Wand befestigt ist, was den Astronauten in der Schwerelosigkeit vor unfreiwilligem Schlafwandeln bewahrt.

Matthias Maurer ist noch gar nicht im Weltraum gewesen; derzeit bereitet er sich auf seinen ersten Flug vor. Dass er es bis ins Training des ESA-Korps geschafft hat, als einer von derzeit zehn europäischen Raumfahrern, war ein hartes Stück Arbeit. Das weiß kaum einer besser als Maurer, denn er ist erst im zweiten Anlauf hier gelandet: In einem komplizierten, mehrstufigen Auswahlverfahren mit Pilotentests, Gesundheitsprüfungen, Psychotests, Interviews und vielem mehr war er schon 2008 unter die besten zehn gekommen, die alle Prüfungen bestanden hatten – und dann daran gescheitert, dass es nur sechs Plätze für neue Jungastronauten gab.

Von den vier Abgewiesenen war er der Einzige, der trotzdem bei der ESA anheuerte – beim Bodenpersonal. „Hinfallen gehört zum Handwerk“ ist seine Devise. Maurer ist Materialwissenschaftler und arbeitete zunächst als Astronauten-Unterstützungsingenieur. Dann wurde er „Eurocom-ISS-Flight-Controller“, das ist sozusagen das menschliche Sprachrohr zwischen den Raumfahrern auf der ISS und dem Bodenpersonal. „Damit nicht alle über Funk durcheinanderreden und der Nachrichtenfluss zwischen ISS und Bodenpersonal geordnet verläuft, muss es immer einen Menschen geben, der als Dolmetscher fungiert“, erklärt er. „Sonst gäbe es ein riesiges Kuddelmuddel.“

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Weil Maurer sieben Sprachen spricht und sich als Ingenieur auch inhaltlich auskennt, war er für die Position ideal. „In dieser Zeit habe ich meine heutigen Kollegen schon sehr genau kennengelernt. Es gibt quasi keinen näheren Einblick in das Leben auf der ISS, solange man nicht selbst hinfliegt“, sagt er. Von der Raumfahrt begeisterten Jungingenieuren rät er, sich neben einer Astronautenkarriere die beruflichen Möglichkeiten drum herum anzuschauen: Beim ESA-Bodenpersonal und in den Forschungs- und Entwicklungszentren fänden sie in jedem Fall eine gute Heimat, davon ist Maurer überzeugt. „Raumfahrt ist vor allem Teamwork und Teamerfolg. Dass nur der Astronaut im Rampenlicht steht, ist unfair.“

Für diejenigen, die trotzdem davon träumen, selbst ins Weltall zu fliegen, hat er dagegen recht ernüchternde Botschaften: „Eine Astronautenkarriere kann man nicht planen“, sagt er. „Ich kenne Leute in Amerika, die siebenmal durchs Nasa-Bewerbungsverfahren gegangen sind. Hier in Europa müsste man 120 Jahre alt werden, um sich so oft bewerben zu können.“ Insgesamt hat es nämlich erst vier Auswahlrunden gegeben, bei denen deutsche Astronauten ausgewählt wurden; die letzte im Jahr 2008. Damals gab es 8413 ernstzunehmende Bewerbungen – auf sechs Stellen. Die ESA startet ihr Recruiting üblicherweise, wenn die aktuelle Raumfahrergeneration zu alt für Flüge ins All geworden ist – ungefähr alle 20 Jahre. Maurer glaubt zwar, dass es in Zukunft etwas häufiger werden könnte, aber die absolute Zahl derer, die es am Ende schaffen, wird klein bleiben. Ein Hoffnungsschimmer für Raumfahrt-Träumer ist, dass es mittlerweile mehr sogenannte „Fluggelegenheiten“ gibt als früher. Das sind Tickets ins All, zum Beispiel weil Personal für die Raumstation gebraucht wird. Durch die Verlängerung der ISS-Mission und durch Verrentungen sind zuletzt zusätzliche Fluggelegenheiten entstanden. Wenn sich dieser Trend fortsetzt, heißt das tendenziell: mehr Chancen, Astronaut zu werden. Wer derzeit in die Oberstufe oder zur Uni geht, ist übrigens vom Timing her gut dran: Bei Ausbildungsbeginn bei der ESA sollte man am besten zwischen 27 und 37 Jahre alt sein. Allerdings ist auch hier keine Regel ohne Ausnahme: Matthias Maurer war schon 46, als er seine Raumfahrer-Ausbildung startete.

Üblicherweise gibt es zwei Einstiegsmöglichkeiten: eine Ingenieurwissenschaft zu studieren oder Testpilot zu werden. Während den Ingenieuren neben dem Astronautenjob bei der ESA auch viele berufliche Möglichkeiten rund um die Raumfahrt offenstehen, gibt es für Testpiloten die besten Alternativkarrieren bei Flugzeugherstellern oder beim Militär.

Wichtig für Astronauten ist ein guter Gesundheitszustand: Träger starker Brillen sind meist raus – wenn die Sehkraft zu stark beeinträchtigt ist, lässt sich die Rakete nicht sicher fliegen. Eine Neigung zu Nierensteinen ist ebenfalls ein absolutes Ausschlusskriterium; im Weltraum bauen die Knochen nämlich verstärkt Kalzium ab, die Kristalle können sich in den Nieren sammeln und als Nierensteine den Astronauten außer Gefecht setzen. Auch Raucher haben keine Chance. Spitzensportler müssen Astronauten dagegen nicht sein, im Gegenteil: Ein zu stark entwickelter Muskelapparat oder ein vergrößertes Herz könnten im All sogar zum Problem werden. „Der Körper kocht sozusagen auf Sparflamme in der Schwerelosigkeit“, erklärt Maurer.

Er selbst ist der erste Profiteur der neuen Fluggelegenheiten: Weil es aktuell wieder mehr Tickets ins All gab, entschloss sich die ESA, ihr Korps um einen weiteren Astronauten aufzustocken, und Maurer wurde als Nachrücker ins Team befördert. Seither trainiert er für seinen ersten Flug. „An meinem ersten Arbeitstag als Astronaut habe ich erst einmal innegehalten und versucht, mir klarzumachen, wie sich mein Leben jetzt ändern wird“, sagt er.

Zwei Erfolgsrezepte hat Maurer für junge Menschen, die vom Weltraum träumen. Das eine ist: dranbleiben. Bei seiner ersten Bewerbung für das Astronauten-Auswahlverfahren etwa war ein Empfehlungsschreiben vom Chef gefragt. „Aber der wies mich ab mit den Worten: ,Ich kann dir einen Tritt in den Arsch geben, aber kein Empfehlungsschreiben.‘ Da musste ich halt sehen, wie ich ohne weiterkam.“ Sein zweites Erfolgsrezept ist ein krummer Lebenslauf. Wegen einer überraschenden Zivildienstverkürzung verpasste er den Einschreibetermin für Luft- und Raumfahrt und studierte stattdessen in Saarbrücken Werkstoffwissenschaften. Dort landete er in einem internationalen Programm mit Auslandsaufenthalten in England, Frankreich, Spanien und Praktika in Argentinien und Südkorea. Das Uni-Programm gibt es noch heute, die teilnehmenden Studenten rekrutiert Maurer regelmäßig als ESA-Praktikanten. „Die machen für mich die Werkstoffe für den Mond“, sagt er. Auch das ist eine Einstiegsmöglichkeit in die Branche. Wobei in der Raumfahrt alle Ingenieursdisziplinen gefragt sind – „das ist ein ultrabreites Spektrum“, sagt Maurer. „Man braucht Elektrotechniker, Projektingenieure, Werkstoffwissenschaftler, Orbitalmechaniker, aber auch Controller, Physiker, Informatiker. Was man genau macht, ist gar nicht so wichtig“, findet er. „Viel wichtiger ist, dass man unterwegs ständig rechts und links guckt und Spaß an dem hat, was man tut.“

Maurer profitierte am Ende von einer Kombination aus Ingenieurskunst, sehr guten Sprachkenntnissen und interkultureller Kompetenz. „Du bist ein halbes Jahr weggesperrt mit unterschiedlichen Leuten aus unterschiedlichen Kulturkreisen“, sagt er. „Und in diesem Gefüge musst du funktionieren. Wenn nicht, taugst du nicht zum Astronauten.“ Den Umgang mit den verschiedensten Menschen hat er in seinem Studentenjob als Rettungssanitäter ständig geübt – und den mit fremden Kulturen während seiner vielen Studienaufenthalte im Ausland und auf einer halbjährigen Rucksacktour durch Indien. „Da habe ich Gelassenheit gelernt. Und dass es mehr als nur den einen, deutschen Weg gibt, Probleme zu lösen“, sagt er. Ohne diese Haltung hätte es wohl bei ihm auch gar nicht geklappt mit dem Astronautenberuf. Denn der Moment, als er alle Prüfungen bestanden hatte und wegen der mangelnden Fluggelegenheiten doch nicht zum Zuge kam, „der war echt richtig hart“, sagt Maurer. „Das ist, wie wenn dir als Kind an Weihnachten das schöne Spielzeug wieder weggenommen wird, das du gerade ausgepackt hast, weil es doch nicht für dich, sondern für deinen Bruder war.“ Er habe dann recht schnell beschlossen, „darauf zu schauen, dass das Glas für mich noch halbvoll war und nicht halbleer“. Eine Haltung, die ihn womöglich eines Tages noch bis auf den Mond begleiten wird.

Matthias Maurer

Markenzeichen: Matthias Maurer ist mittlerweile irgendetwas zwischen Kölner und Weltbürger. Im Herzen aber bleibt er Saarländer. Geboren und aufgewachsen ist er in St. Wendel, studiert hat er in Saarbrücken, und noch heute betont er zu wissen, wie man Steaks auf einem echt saarländischen Schwenkgrill brutzelt.

Meilensteine: 1989 macht Maurer Abitur, 2004 erhält er seinen Doktortitel. Nach einer Weltreise lässt er sich „in einem Labor einsperren“ und forscht an Dialysetechnik. 2008 schafft er den ESA-Aufnahmetest, arbeitet aber zunächst vom Boden aus als Astronauten-Unterstützungsingenieur und Eurocom-ISS-Flight-Controller. 2015 erhält er sein „Ticket ins Weltall“ und wird offiziell ESA-Astronaut.

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