Bewerbung in fünf Zeilen

Stellenanzeigen in eigener Sache wollen sorgsam formuliert sein.

Je konkreter, desto besser. Floskeln wie ‚erfolgreich‘ oder ‚teamfähig‘ sprechen Personalchefs nicht an.


Quelle: Reuters

Von Martin Dommer

Vollblutkaufmann, 49 Jahre, sucht neuen Job. 30 Jahre im B2B Bereich, Einkauf, Verkauf, Schulung, erfolgreich im erklärungsbedürftigen Verkauf, fit in Medientechnik. Telefon . . .“ So oder ähnlich formuliert, finden sie sich in Lokalblättern und überregionalen Tageszeitungen häufig: Stellengesuche. Das hier zitierte stammt von Bernhard Milthaler aus Norderstedt. Bis vor zwei Jahren verkaufte der 49 Jahre alte Mann für ein Unternehmen in Schleswig-Holstein deutschlandweit technische Präsentationsmittel wie Beamer, Overhead-Projektoren und Leinwände an Bürofachhändler. Dann brach der Umsatz ein. Milthaler wurde betriebsbedingt gekündigt. Seit Anfang des Jahres sucht der gelernte Fotograf und Kaufmann eine neue Stelle. „Leider war die Resonanz auf mein Inserat bislang bescheiden“, erzählt er. Zwei „eher windige Angebote von Strukturvertriebsfirmen“ – die magere Ausbeute von drei Wochen. Seine Frau hatte mehr Glück mit ihrer Annonce: Nach einer erziehungsbedingten Auszeit konnte sie sich über gleich zwei seriöse Stellenangebote freuen.

Ein glücklicher Ausnahmefall? Wer mit Anja Kettner vom Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg spricht, muss diese Frage wohl mit Ja beantworten. Die von ihr geleitete „IAB-Erhebung des gesamtwirtschaftlichen Stellenangebots“ für 2009 ergab: Bei gerade einmal 4 Prozent aller Neueinstellungen haben Deutschlands Betriebe auf die Inserate Arbeitsuchender geantwortet, um neues Personal zu rekrutieren. „Nur ein Prozent aller Neueinstellungen kam tatsächlich über diesen Weg zustande“, sagt Kettner. Insgesamt stellten die Firmen im vergangenen Jahr rund 6,5 Millionen Menschen sozialversicherungspflichtig ein. Etwa 15 000 Betriebe und Behörden beteiligten sich an der Erhebung des IAB.

Einige Konzerne, etwa Siemens in München, setzen in der Personalsuche seit Jahren ausschließlich auf Online-Ausschreibungen. „Das, was sie sonst in einen Briefumschlag stecken würden, können Bewerber elektronisch an ihr Online-Formular dranhängen, sagt ein Siemens-Sprecher. So könne das Unternehmen innerhalb weniger Arbeitstage mit einer Eingangsbestätigung oder Absage reagieren. Die Unterlagen bleiben für „Matching-Zwecke“ bei Siemens gespeichert. „Sobald das Profil einer neuen Stelle zu dem eines Kandidaten im Bestand unseres Talentpools passt, sprechen wir den Bewerber an.“ Ähnliches vermeldet Lufthansa in Frankfurt am Main: Die Fluggesellschaft bekommt im Jahr mehr als 100 000 Bewerbungen über ihr Online-Karriereportal, hat einen „mehrere tausend Kandidaten umfassenden Talentpool“, wie ein Sprecher sagt. „Stellengesuche spielen daher für uns keine Rolle bei Stellenbesetzungen mehr, auch wenn diese sehr spezifische Anforderungen an den Kandidaten stellen.“

Angesichts der angespannten Lage am Arbeitsmarkt registriert Thomas Rübel, Geschäftsführer im Berliner Büro für Berufsstrategie Hesse/Schrader, dagegen gerade eine „kleine Renaissance des klassischen Stellengesuchs“. Der 45 Jahre alte Berater betont, dass gerade in ländlichen Gebieten der Stellenmarkt noch immer zu den meistgelesenen Teilen der Tages- und Wochenpresse zähle. Während sich in den späten neunziger Jahren vor allem Führungskräfte aus Wirtschaft und Wissenschaft per Inserat auf Arbeitssuche begaben, würde heute „querbeet durch alle Bevölkerungsschichten inseriert“. Rübel: „Von der Putzfrau auf 400-Euro-Basis bis zum hochqualifizierten Manager ist alles dabei.“ Wer wo seine Anzeige schalte, ob lokal oder überregional, hänge dabei entscheidend von der Mobilität des Suchenden ab.

Im Unterschied zur kurzfristig ausgerichteten Initiativbewerbung eignet sich ein Stellengesuch in erster Linie für jene, die mittelfristig eine berufliche Veränderung anstreben, denn selbst, wenn es optimal läuft – sich also ein potentieller Arbeitgeber meldet -, schließt sich das eigentliche Bewerbungsverfahren ja noch an. Dazu passt, dass die Inserierenden häufig ein erhöhtes Interesse an Anonymität haben. Offenbar zu Recht, denn „viele Chefs nehmen ihren Mitarbeitern eine öffentlich geäußerte Wechselbereitschaft übel und werten das als Illoyalität“, berichtet Karrierecoach Rübel. Andererseits seien Mitarbeiter, die sich aus einem bestehenden Arbeitsverhältnis um eine neue Position bewerben, aus Arbeitgebersicht interessanter und erzielten in der Regel auch höhere Gehälter.

Umso wichtiger ist eine kluge Vorbereitung, geht es doch darum, das eigene Können ins rechte Licht zu rücken. Bernhard Milthaler zog zur Formulierung seines Gesuchs eine befreundete Personalfachfrau zu Rate. „Man glaubt zwar, man ist qualifiziert, weiß viel und hat Erfahrung; aber das muss man ja erst einmal im Stil der Zeit und auf kleinem Raum mit wenigen Worten auch so verkaufen“, bekennt er. Berater Rübel empfiehlt seinen Klienten neben entsprechender Fachliteratur zunächst die Analyse fremder Stellengesuche. Von welchen fühlt man sich angesprochen? Was schreckt eher ab? Letztlich sei entscheidend, dass ein Bewerber seine Alleinstellungsmerkmale, „die eigene Botschaft“ auf fünf bis zehn Zeilen herausarbeite.

Zu deren formell zwingendem Inhalt zählen neben der angestrebten Funktion die erworbenen Abschlüsse, Berufserfahrung in der Branche und eine Umschreibung der aktuellen oder zuletzt ausgeübten Tätigkeit. Erwähnt werden sollte auch Sonderwissen, sofern es für einen Arbeitgeber interessant sein könnte, beispielsweise Personalführungserfahrung. „Der Leser eines Stellengesuchs erwartet verwertbare Informationen, deshalb sind Faktenreichtum und Präzision bei der Umschreibung des eigenen Könnens die obersten Gebote“, sagt Rübel. Ohne entsprechende Belege aus der Vita blieben pauschale Behauptungen wie „verhandlungssicher“, „teamfähig“ oder „erfolgreich“ nichts als Worthülsen – phantasie- und wirkungslos.

Besser fährt, wer Softskills mit Fakten verbinden kann. Denn dadurch bekommen diese ein deutlich höheres Gewicht. Beispiel: „IT-Vertriebsmanager aus der Halbleiter-Industrie sucht Job im Mittelstand. 20 Jahre Führungserfahrung in Teams von sechs bis 46 Personen. Budgetverantwortung von 2,8 Millionen. Vertriebserfolge in Bezug auf die Markteinführung von . . .“ Wie humorvoll es werden darf, hängt vom Kreis der Adressaten ab. Für Werbeagenturen gelten sicher weniger strenge Regeln als in der Industrie. Phantasie ist aber durchaus auch dort gefragt. Ein Rübel-Beispiel für einen Finanzspezialisten: „Controlling-Experte, der Excel-Zahlen zum Sprechen bringt und Menschen die Unternehmensstrategie nachvollziehbar vermitteln kann, sucht …“

Natürlich durchforstet auch Bernhard Milthaler parallel zu seiner Anzeige längst Online-Job-Börsen und bewirbt sich initiativ. Ganz aufgegeben hat er die Hoffnung auf den Erfolg seines Inserats aber noch nicht. „Das Schöne, wenn man tatsächlich einen Anruf bekommt, ist doch, dass man nicht einer unter 300 ist, die sich bei einem Personalchef vorstellen.“

Papier oder online?

Schon jedes vierte Unternehmen erhält Bewerbungen am liebsten elektronisch. Das ergab eine Umfrage des IT-Verbandes BITKOM. Insgesamt 27 Prozent der befragten Firmen bevorzugen Bewerbungen über das Netz – 19 Prozent schätzen E-Mails, 8 Prozent wünschen sich Bewerbungen über ein Formular auf der Homepage. Für eine schriftliche Bewerbungsmappe plädieren noch 61 Prozent der befragten Unternehmen, 12 Prozent haben keine Präferenz. Arbeitgeber aus der Informationstechnik und Telekommunikationsbranche setzen stärker auf Online-Bewerbungen als andere Branchen. 95 Prozent aller Unternehmen in Deutschland schreiben dem Verband zufolge freie Stellen online aus. 85 Prozent nutzen Zeitungen und Fachmagazine, um Stellenangebote zu veröffentlichen. Befragt wurden mehr als 1300 Unternehmen in Deutschland.