Ein Bewerbungsgespräch ist wie ein gutes Date

Was haben Partnervermittlung und Jobsuche gemein?

Viel. Leider haben das bisher nur wenige erkannt.


Quelle: Reuters

Von Inge Kloepfer

In Deutschland gibt es kaum einen ineffizienteren Markt als den für Berufseinsteiger. Bewerber füllen im Internet haufenweise standardisierte Formulare aus oder verschicken wie in früheren Zeiten postalisch umfangreiche Mappen. Sie sagen darin möglichst viel über ihre Leistung und möglichst wenig über sich selbst. Antworten erhalten sie – wenn überhaupt – nach vier bis sechs Wochen. In der Mehrzahl sind es Absagen, ohne Begründung. Und wenn man dann doch einmal zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen wird, besteht nur eine Chance von gut 20 Prozent, dass die Vorstellungsrunde tatsächlich in ein Arbeitsverhältnis mündet.

In einer Befragung von 250 deutschen Unternehmen im vergangenen Jahr ergab sich denn auch ein denkwürdiger Befund: Von 170 000 eingegangenen Bewerbungen wurden gerade einmal 13 Prozent positiv beantwortet. Aus den 22 500 darauf hin geführten Vorstellungsgesprächen ergaben sich knapp 5000 Arbeitsverhältnisse. Jeder, der schon einmal einen Job gesucht hat, kennt diese Malaise.

Auch Robin Sudermann. Vor sechs Jahren schrieb sich der studierte Wirtschaftspsychologe und Marketingfachmann reichlich orientierungslos in diesen Bewerbungsmarkt hinein, verschickte seine Leistungsnachweise ins Off größerer und kleinerer Unternehmen und wartete. Irgendwann landete er bei einer Werbeagentur. Und fragte sich: Warum eigentlich?

„Das war mehr Zufall als wirklich geplant“, sagt er 31-Jährige heute. In der Agentur beschäftigte er sich – wieder zufällig – mit der Frage, wie gut Marken und Zielgruppen zusammenpassen. Immerhin eine Chance: „Da erwarb ich mir in dem Prozess des Matchings schon ziemlich gute Erfahrung.“ Doch der Neue blieb nicht lange.

Seit Mitte 2013 ist Sudermann nämlich gemeinsam mit drei anderen Unternehmensgründern mit der Plattform Talents Connect am Markt und will die veralteten Gepflogenheiten auf dem Bewerbungsmarkt revolutionieren. Die Geschäftsidee des Kölner Start-ups ist einfach: Wenn es seit Jahren gelingt, über das Internet traurige Singles in glückliche Paare zu verwandeln, warum sollte diese recht effiziente Form nicht auch auf dem ersten Arbeitsmarkt funktionieren? Einen Vorteil hätten beide Seiten: Die Berufseinsteiger ersparten sich den zeitaufwendigen Bewerbungsprozess und die Frustration durch reihenweise Absagen, die Unternehmen eine Flut von Bewerbungen, die sie eigentlich nicht brauchen können.

Die Geschichte des Start-ups verlief erstaunlich stolperfrei: Erste Ideen kamen Sudermann und seinen Freunden schon auf dem Campus 2011. Im November 2012 hatten die Gründer eine Testversion ihrer Matching-Software erstellt, die immerhin so erfolgreich lief, dass sie im Frühjahr 2013 beschlossen, die 22Connect AG zu gründen – mit Talents Connect als deren wichtigstem Produkt. Sie operierten mit einer Handvoll Mitarbeitern aus einer Drei-Zimmer-Wohnung in Köln heraus. Als Startkapital sammelten sie bei Privatpersonen in einer ersten Runde immerhin 450 000 Euro ein. Das Unternehmen zog in veritable Büroräume und stellt seither immer neue Mitarbeiter ein. Inzwischen sind es 35. Die Investoren haben nachgeschossen und ihren Einsatz auf insgesamt zwei Millionen Euro erhöht.

Weniger simpel als die Geschäftsidee ist der dahinterliegende Algorithmus, den man benötigt, um Bewerber und potentielle Arbeitgeber möglichst passgenau zu verbinden. Zumindest so, wie Sudermann und sein Team es für sinnvoll halten. Denn sie setzen nicht nur auf die Leistungsnachweise der Bewerber und die Fähigkeitsanforderungen auf der Arbeitgeberseite, sondern vor allem auf die Persönlichkeitsprofile der Jobsucher. Die erstellt Talents Connect mit einem Fragebogen, der neben Ausbildungsabschlüssen auch gleich die Wünsche an Arbeitsform, Umfeld und Arbeitszeit abfragt. Den Fragebogen entwickelte Sudermann mit seinem ehemaligen Professor.

„In traditionellen Bewerbungsverfahren trimmen die Bewerber ihre Bewerbungen auf die Anforderungen des Unternehmens“, sagt er. Die junge Start-up-Truppe will das verändern: Auf der Plattform stellen sich Bewerber dar, wie sie wirklich sind. Das Motto „Du bist mehr als Dein Lebenslauf!“ ist dabei mehr als ein hübscher Schlachtruf. Dahinter steht die Vorstellung, dass es sich lohnen könnte, sich bei der Vermittlung zwischen Arbeitsuchendem und Unternehmen auf die Zukunft zu konzentrieren, also darauf, was ein Bewerber zu leisten bereit ist und wie er sich seine Zukunft im Unternehmen vorstellt. Weniger wichtig sei, was er in der Vergangenheit geleistet habe. „Das finden die Unternehmen relativ schnell selbst heraus“, sagt Sudermann. „Spätestens im Assessment Center.“

Kaum dass die Profile online stehen, beginnt der Algorithmus mit der Arbeit. Den Unternehmen werden auf ihre Stellenangebote hin passende Bewerber vorgeschlagen. Stoßen diese auf Interesse, kann sich das Unternehmen beim Bewerber seinerseits bewerben. Eon hat es getan und arbeitet in der Rekrutierung der Azubis mit der Kölner Software. Gleiches machen der Schwäbische Verlag und inzwischen auch Aldi-Süd, die über die Plattform Trainees und „Young Professionals“ rekrutieren will. Andere Unternehmen, wie der Sporthersteller Nike zum Beispiel, stellen ihre Angebote einfach ein und warten darauf, dass ihnen der Algorithmus Bewerber vorschlägt, auf die sie dann ihrerseits zugehen können. Derzeit sind 1200 Stellen auf der Plattform. 6300 Job-Vermittlungen hat es vergangenes Jahr gegeben. 36 000 Personen haben inzwischen ihre Profile eingestellt. Monatlich kommen 1000 dazu.

Nicht einmal ein Tag vergeht, bis der Bewerber auf sein Profil hin eine Anfrage von einem Unternehmen erhält. Gefällt ihm eine Stelle, nimmt er Kontakt auf. In Zeiten des Fachkräftemangels ist auch das Vermittlungstempo von Bedeutung. Mit Ineffizienz soll jetzt Schluss sein.