Jobsuche per Handy: Stellensuche auf Giraffenart

In Südafrika floriert die Arbeitsvermittlung per Handy 

In Südafrika werden Jobs auf dem Handy gesucht

 

Das Bild hat sich Autofahrern in Johannesburgs Geschäftsviertel Sandton eingeprägt. Da stand im vergangenen Jahr ein ordentlich gekleideter junger Mann an einer großen Straßenkreuzung und bettelte. Tankiso Motaung wollte kein Geld. Er wollte einen Arbeitsplatz: „Ich habe einen Bachelor-Abschluss in Elektroingenieurwesen, bitte hilf“, hatte Motaung auf einen Pappkarton geschrieben.

Südafrika leidet unter chronisch hoher Arbeitslosigkeit. Offiziell liegt die Quote bei 25 Prozent, aber unter jungen Menschen sucht ungefähr jeder Zweite nach einer Arbeit. Die Verzweiflungsaktion von Motaung sorgte für viel Aufsehen, denn sie zeigte, dass selbst gut ausgebildete schwarze Südafrikaner der Jobmisere nicht entkommen. Seit dem Ende der Rassentrennung werden sie auf dem Arbeitsmarkt gegenüber weißen Bewerbern bevorzugt.

Ideen, wie mehr Menschen in Arbeit gebracht werden können, gibt es auch in Südafrika viele. Für Furore sorgen gerade vier Johannesburger Unternehmer mit einer für den Kontinent maßgeschneiderten Idee: der Arbeitsvermittlung über das Handy. Auf einem Start-up-Gipfeltreffen in der Schweiz setzte sich ihr Unternehmen Giraffe gegen 63 Konkurrenten aus 55 Ländern durch und sicherte sich eine Starthilfe von 500 000 Dollar. Jetzt ist sogar das Silicon Valley auf die Südafrikaner mit dem tierischen Unternehmensnamen aufmerksam geworden. Wie Giraffe vor kurzem mitteilte, will die Wagniskapitalgesellschaft Omidyar Network einsteigen. Hinter ihr steckt der einstige Ebay-Gründer und wohltätig engagierte Milliardär Pierre Omidyar.

Handy-Apps, die Arbeitssuchende und Arbeitgeber nach dem Muster von Kennenlern-Diensten wie Tinder zusammenbringen, gibt es auch international. Die Giraffe-Gründer jedoch gehören zu den Vorreitern in Schwellenländern, wo Mobiltelefone für die von Infrastrukturproblemen geplagte Bevölkerung häufig die erste Wahl sind, um überhaupt in Datennetze einzusteigen. „Wir wollen vor allem Menschen mit geringen und mittleren Qualifikationen zum Sprung auf den Arbeitsmarkt verhelfen“, sagt Giraffe-Gründer und Vorstandschef Anish Shivdasani. Angeblich tut sich diese Gruppe besonders schwer, auf sich aufmerksam zu machen und Zugang zu Arbeitsplätzen zu bekommen. „Die wenigsten in dieser Gruppe haben einen Computer oder eine schnelle Internetverbindung, aber ein Handy besitzt wirklich jeder.“

Tatsächlich haben sich Mobiltelefone auf dem afrikanischen Kontinent rasant verbreitet. Schon vor der Smartphone-Ära gab es zum Beispiel in Südafrika einen äußerst beliebten Kurznachrichtendienst, einen Vorreiter von Whatsapp. Heute bestimmen den Markt günstige Einsteiger-Smartphones und Multimedia-Telefone – eine Zwischenform zwischen Smartphone und einfachem Handy. Der Handel mit Telefonen aus zweiter Hand floriert.

Nach einer Studie von Boston Consulting nutzen in Kenia 68 Prozent der Erwachsenen das Handy für Banküberweisungen, in Südafrika etwa 30 Prozent. Dort ist auch das Bezahlen per App fast schon gang und gäbe; mehr als 20 000 Händler hat der Marktführer Snapscan unter Vertrag. Selbst die Verkäufer von Obdachlosenzeitungen tragen auf ihren Westen einen zweidimensionalen schwarzweißen QR-Code, den der Zeitungskäufer mit der Telefonkamera scannen kann, um so zu bezahlen.

Auch im Bildungswesen, in der Landwirtschaft bis hin zum Schutz von Wildtieren gibt es innovative Ideen für den Einsatz von mobiler Technik. Amerikanische Wissenschaftler haben es beispielsweise geschafft, ein Mobiltelefon mit einer Anwendung in ein mobiles Mikroskop umzuwandeln, um Malaria an Patienten in weit entlegenen Dörfern zu diagnostizieren. Ein Unternehmen namens M-Pedigree aus Ghana wiederum versucht, den Handel mit gefälschten Konsumgütern und Arzneimitteln zu unterbinden. Zu Prüfzwecken müssen Handynutzer lediglich die Seriennummer auf dem Produkt per Kurznachricht verschicken.

Jetzt kommt also auch die Arbeitsvermittlung per Tastendruck: An den afrikanischen Markt angepasst, funktioniert auch der Giraffe-Dienst auf einfachen internetfähigen Telefonen. Sehr geringe Datenmengen werden benötigt, denn die Kosten für Datendienste sind in Afrika immer noch deutlich höher als in Europa oder in den Vereinigten Staaten. Wer eine Arbeit sucht, gibt über das Handy seinen Lebenslauf in ein Formular ein. Ein Algorithmus vergleicht dann die Profile mit den Wünschen der Arbeitgeber und versendet vollautomatisch Bewerberlisten und Termine für Vorstellungsgespräche. Die Nutzer auf beiden Seiten müssen diese dann nur noch bestätigen oder ablehnen. Bei erfolgreicher Vermittlung ist eine Gebühr vom Arbeitgeber fällig. Ob das Geschäft langfristig profitabel ist und ob ein Algorithmus bei der Vorauswahl von Bewerbern das wache Auge eines erfahrenen Vermittlers ersetzen kann, muss sich noch zeigen.

Mittlerweile sind nach Unternehmensangaben mehr als 90 000 Arbeitssuchende registriert, jeden Monat würden mehrere hundert vermittelt. Bisher arbeitet Giraffe in Johannesburg, bis Ende des Jahres soll es das Angebot in ganz Südafrika geben.

Als Tankiso Motaung damals mit seinem Karton an der Straßenecke stand, waren Giraffe und andere Dienste noch nicht lange auf dem Markt. Doch auch er verdankte letztlich einem Handy seinen Erfolg, wenn auch auf unerwartete Weise. Ein Autofahrer machte mit dem Telefon ein Foto von Motaung und verbreitete es über soziale Medien, wo es in Windeseile von vielen Menschen weiter geteilt wurde. Kurz danach füllte sich der elektronische Postkasten des Autofahrers mit Anfragen von Unternehmen, die mehr über den Mann erfahren wollten. Schließlich wurde der Telekommunikationskonzern Vodacom aufmerksam und heuerte Motaung für ein sechs Monate langes Praktikum an. Motaung habe in der Zwischenzeit sein Praktikum erfolgreich absolviert, Vodacom habe ihn fest angestellt in das Graduiertenprogramm aufgenommen, sagte Unternehmenssprecher Tshepo Ramodibe dieser Zeitung. Man sei immer auf der Suche nach Mitarbeitern mit Ehrgeiz, Elan und innovativen Ideen. „Es ist einem Zufall zu verdanken, dass unsere Personalabteilung auf Tankisos Geschichte aufmerksam wurde. Wir haben dadurch einen talentierten und hart arbeitenden jungen Mitarbeiter gefunden, dem sicher eine strahlende Zukunft bevorsteht.“

 

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