Blaumann und Krawattenträger an einem Tisch

Die Werkshallen werden nicht menschenleer sein. Und der Manager wird sich auch mal was von Untergebenen sagen lassen müssen.

Gedanken der Personalchefin von Siemens, Janina Kugel, zur digitalen Arbeitswelt.

Schweißnähte an Gasturbinen werden mit Gefühl gesetzt. Sie müssen genau passen, dürfen weder Unebenheiten haben noch den kleinsten Fehler aufweisen. Vor allem aber ist jede Schweißnaht anders. Das verlangt die Sinne des Menschen: sehen und fühlen. Deswegen, ist Janina Kugel überzeugt, wird es den Beruf des Schweißers selbst in einer Welt der digitalen Produktion auch noch in vielen Jahren geben. „Bestimmte Arbeiten werden auch weiterhin von Menschenhand erledigt werden, besonders wenn es sich um hochpräzise und qualitativ anspruchsvolle Teile handelt, wie sie zum Beispiel in Gasturbinen zum Einsatz kommen“, sagt der Personalvorstand von Siemens. „Ein Roboter kann keine Schweißnaht ,spüren‘; nicht umsonst suchen wir im Augenblick an vielen Stellen händeringend Schweißer.“
Und das in einer Zeit, in der sich Siemens in der digitalen Transformation befindet und eigentlich nur noch die Rede von Digitalisierung ist. Für die Spitzenmanagerin eines der größten deutschen Industriekonzerne heißt das längst nicht, dass alles so weitergeht wie bisher. „Arbeiten im klassischen Sinne wird es weiter geben, aber mit neuen Methoden, neuem Wissen; und es wird andere Fähigkeiten verlangen.“ Das betrifft den Arbeitsplatz in der Werkshalle genauso wie am Schreibtisch in Führungsetagen. Die Herausforderungen von Industrie 4.0 und deren Nachfolgegeneration mit dem Einzug von künstlicher Intelligenz, die Siemens-Vorstandschef Joe Kaeser schon als „Industrie 6.0“ bezeichnete, nehmen zu. „Wir müssen deutlich agiler, mobiler und flexibler in unseren Entscheidungsprozessen werden“, warnt die Arbeitsdirektorin.
Die vierte industrielle Revolution wird jedoch nicht zu menschenleeren Produktionshallen führen. „Selbst wenn der Roboter vieles übernehmen könnte, macht das gar nicht immer Sinn.“ Kugel ist überzeugt: „Es wird auch in Zukunft den Blaumann geben“, sagt sie. „Ich glaube nicht, dass Roboter den Menschen in der Produktion in absehbarer Zeit ersetzen.“ Sicherlich: Tätigkeiten würden wegfallen, dafür kämen neue hinzu. Deswegen folgt sie auch nicht der These, dass mit jeder industriellen Revolution massenweise Arbeitsplätze vernichtet worden sind. Es seien immer wieder neue hinzugekommen. Was jedoch nichts daran ändert, dass sich vieles in der Arbeitswelt ändern wird, sei es für Mechatroniker, Elektriker oder Schweißer. Deren Berufsbild wird künftig immer stärker dadurch bestimmt, dass auf Veränderungen sehr viel schneller als bisher zu reagieren sein wird – und sich alle einem ständigen Lernprozess unterwerfen müssen. Beispiel: 3D-Drucker. Er wird in der Produktion vieles ersetzen können; fräsen, schweißen oder kleben. Dennoch wird immer ein Mechaniker mit dem 3D-Drucker arbeiten, der schneller produzieren und Komponenten in kleinen Losgrößen fertigen mag. Das allerdings erfordert aber auch eine ständige Kontrolle und Aufsicht.
Die klassischen Modelle der Arbeitsteilung indes sind überholt. „Strenggenommen, wird in der Zukunft nicht mehr zwischen dem Blaumann und dem Krawattenträger unterschieden“, sagt sie. „Eine interdisziplinäre, offene, agile Arbeitswelt verlangt eine völlig neue Denke; sie fordert Fähigkeiten in verschiedenen Kanälen und auf mehr Ebenen.“ Produktdesign, Produktion und Services wie Wartung wachsen eng zusammen. Aufträge in kleineren Losgrößen müssen schneller abgewickelt werden und den Bedürfnissen mit Änderungen der Kundenwünsche noch im Entstehungsprozess immer wieder angepasst werden. Das geht nur, wenn Mitarbeiter aus der Fertigung sehr viel früher in die Entwicklung eingebunden werden, also der Blaumann eng mit Ingenieuren und Entscheidungsträgern zusammenarbeitet. So können viele Prozesse problemfreier ablaufen und beschleunigt werden. Und es spart Kosten.
Der Druck und das wachsende Tempo werden sich nicht vermeiden lassen, was auch Auswirkung auf die Qualifizierung hat – durchaus mit einem möglichen Nutzen für die Beschäftigten. „Für die digitale Arbeit der Zukunft müssen die Ausbildungsprozesse stärker auf individuelle Fähigkeiten und auf die Kompetenzen des Einzelnen zugeschnitten werden“, fordert die Siemens-Managerin. „Das wird noch eine große Herausforderung sein; für Unternehmen, für Schulen und für Universitäten – aber sie ist aus meiner Sicht zu bewältigen.“
Kugel macht aber auch Verlierer in dem industriellen Wandel aus. „Sicher ist, dass in dem Umfeld einer hochtechnisierten Industrie der Anteil ungelernter Arbeiter ohne Schul- oder Ausbildungsabschluss sinken wird.“ Das sei eine ernste Herausforderung für das Ausbildungssystem in Deutschland. „Wenn wir nicht in der Lage sind, junge Menschen an den Schulen so auszubilden, dass sie einen qualifizierten Beruf lernen können, ist das langfristig riskant.“ Mit einer fehlenden Vorqualifizierung sei es kaum möglich, eine Weiterbildung im Beruf zu ermöglichen. „Die ist unverzichtbar in der sich schnell ändernden digitalen Welt.“ Indirekt kritisiert sie die unverändert existierenden Verkrustungen, die in die neue Welt von Industrie 4.0 nicht hineinpassen. Deutschland sei in vielen Strukturen noch extrem hierarchisch; in den Unternehmen, in der Politik, in den Hochschulen. „Damit werden wir nicht weiterkommen und, wenn wir das nicht ändern, auf Dauer im internationalen Vergleich das Nachsehen haben.“
Die Arbeitsdirektorin von Siemens zeichnet ein Zukunftsbild, das nicht nur von den Mitarbeitern in der Werkshalle den mentalen Umbruch erfordert, sondern auch in den Chefetagen. „Ein Manager wird nicht mehr hierarchisch, sondern horizontal denken müssen“, lautet die künftige Jobbeschreibung für den Krawattenträger. „Er wird nicht nur Vorgesetzter sein und Mitarbeiter fördern; er wird nicht allein Mentor, sondern auch Mentee sein, indem auch er von Mitarbeitern Ratschläge anhört und von ihnen lernt.“ Manager müssen wie Schweißer oder Fräser genauso anpassungsfähig werden: „Da gilt es, Berührungsängste zu beseitigen und authentisch zu sein.“

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