Den Revolutionären fehlt die Hilfe vom Staat

Die Vernetzung der Produktion soll die Wirtschaft verändern.

Bei der Finanzierung dieses Wandels jedoch fühlen sich Unternehmer alleinegelassen.

WIESBADEN. Fabian Strohschein ist ein Vorzeige-Revolutionär: Im Alter von 27 gründete er vor fünf Jahren das Start-up 3D Activation in Wiesbaden, das Prototypen für Autozulieferer fertigt, und zwar nicht in mehreren Wochen, so wie früher, sondern innerhalb weniger Stunden oder Tagen. Möglich ist das, weil Strohschein nicht nur modernste 3D-Drucker einsetzt, sondern weil er seine Druckmaschinen mit den Konstrukteurbüros seiner Kunden vernetzte. Und so ein neues Geschäftsmodell entwickelte. Sein Start-up mit heute zehn Mitarbeitern war bereits ein Industrie-4.0-Unternehmen, als kaum jemand das Wort „Industrie 4.0“ – Chiffre für die vierte industrielle Revolution – überhaupt gehört hatte. Strohschein wurde seitdem mehrfach ausgezeichnet, Politiker wie Verbände schmücken Verlautbarungen gern mit seiner Erfolgsgeschichte.

Das war am Anfang anders: „Als wir damals anfingen, glaubte keine der für eine Finanzierung angefragten Banken an unser Geschäftsmodell.“ Vom Staat, der Industrie 4.0 zur Gesellschaftsaufgabe ausgerufen hat, gab es auch nichts. „Wir haben keine Förderprogramme gefunden, die für uns passten.“

Strohschein ist nicht der einzige Unternehmer, dem diese Diskrepanz zwischen politischem Anspruch und finanzieller Wirklichkeit auffällt. Das Unternehmen Wetropa in Mörfelden hat eine Plattform entwickelt, mit der Kunden individuelle Schaumstoffverpackungen in beliebiger Stückzahl selbst gestalten können. 130 Mitarbeiter sind mittlerweile angestellt, 2010 waren es noch 65. Zweimal, sagt Geschäftsführer Dirk Breitkreuz, habe er Förderanträge bei der EU gestellt, zweimal sei er abgeblitzt. „Wir haben nie erfahren, warum.“ Und bei Bund oder Land habe er überhaupt keine Fördermöglichkeit gefunden, um die er sich bewerben könne – zumindest keine, die für einen Mittelständler passen, der im Gegensatz zu Konzernen nicht alles alleine stemmen kann. „Jeder sagt ,klasse‘, wenn wir unser Modell vorstellen, aber an echter Unterstützung mangelt es dann.“ Das Problem sieht auch die Industrie- und Handelskammer. Zwar sei zu loben, dass das Land nicht untätig sei. So hat Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Die Grünen) im März eine „Digitalstrategie“ für Hessen vorgestellt. „Die Strategie muss aber auch operativ umgesetzt werden“, fordert Roland Lentz, Leiter des Geschäftsbereichs Innovation und Umwelt bei der IHK Darmstadt.

Das zeigt sich etwa beim Mittelstand-4.0-Kompetenzzentrum in Darmstadt. Rund sechs Millionen Euro gab es für dieses Zentrum, das Handwerker und Betriebe bei der Digitalisierung und Vernetzung unterstützt. Gefördert wird es von den Kammern der Region, den Fraunhofer Instituten sowie vom Bundeswirtschaftsministerium. Das Land Hessen, so die IHK, habe dem Zentrum bereits zu Jahresanfang eine zusätzliche Stelle versprochen – besetzt ist sie aber bis heute nicht, sagt Lentz, „weil die notwendigen Mittel vom Land nicht bereitgestellt wurden“. Nordrhein-Westfalen dagegen investiere 12,5 Millionen Euro in sechs Zentren für die digitale Wirtschaft, Baden-Württemberg 6,5 Millionen in den Aufbau von Lernfabriken.

Mitunter mangelt es nicht einmal am Geld: Über die EU stünden Fördermittel aus dem Fonds für Regionale Entwicklung bereit. Sie können aber nicht abgerufen werden, weil das Land eine dafür nötige Richtlinie noch nicht fertig hat. Man arbeite „mit Hochdruck“ daran, heißt es aus dem Wirtschaftsministerium. Es sei aber nicht so einfach, da dafür mehrere Ressorts sowie der Rechnungshof einbezogen werden müssten. Man hoffe, sie bis Ende des Jahres vorlegen zu können.

Auch der Breitbandausbau, von Al-Wazir groß angekündigt, geht Unternehmern nicht schnell genug. Damit Wetropa-Kunden am Bürorechner Schaumstoffverpackungen entwerfen können, müssen große Mengen an Daten zwischen ihnen und dem Mörfelder Unternehmen hin und her wandern. Daran, sagt Wetropa-Chef Breitkreuz, scheitere es aber leider oft, weil die Kapazitäten der Leitungen in vielen Regionen zu gering sind.

Bis Ende 2018 soll jeder Hesse mit mindestens 50 Megabit pro Sekunde ins Internet gehen können, ab 2020 in vielen Regionen sogar mit 400 Megabit. Ein ehrgeiziges Ziel, denn noch hat mehr als ein Viertel des Landes gar keinen Breitbandzugang. Für den Ausbau stellte Al-Wazir im März 36 Millionen Euro bereit, das Geld stammt aus der Versteigerung von Mobilfunkfrequenzen. „Punktuell und halbherzig“ bewertet Breitkreuz dieses Engagement jedoch. Auch der IHK Darmstadt ist das zu wenig.

Den Vorwurf mangelnder Förderung will Al-Wazirs Ministerium aber nicht gelten lassen: Nicht nur unterstütze man das Kompetenzzentrum in Darmstadt, es gebe auch ein eigenes Projektbüro „Industrie 4.0“ bei der Fördergesellschaft Hessen Trade&Invest, und man habe bestehende Programme für Bürgschaften und Mikrodarlehen aufgestockt. „Bei der Digitalisierung gibt es keine Standardlösungen, jedes Unternehmen muss seinen eigenen Weg finden“, so das Ministerium.

3D Activation und Wetropa haben es auch ohne zusätzliche Förderprogramme geschafft, sich zu etablieren. Das räumt Wetropa-Chef Breitkreuz durchaus ein. Allerdings: „Wir haben viele Jahre jeweils sechsstellige Beträge investiert, bevor es sich anfing zu lohnen – das können nicht viele Mittelständler.“

Von Falk Heunemann

 

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