Der englische Patient

Zwischen Geldsorgen und Torschlusspanik: Das Brexit-Votum hat Forscher und Studenten kalt erwischt.

Wäre das Schweizer Modell ein Ausweg für britische Universitäten?

Es gibt keine Gebrauchsanleitung. Ich habe online nachgeschaut, und niemand bekommt es zum Laufen“, sagt Mike Galsworthy in einem mehr als eine Million Mal angesehenen Video auf seiner Facebook-Seite „Scientists for EU“. Die Rede ist vom Brexit, und Galsworthy möchte diesen in seinem Sketch gewissermaßen wieder zurückgeben und ruft deshalb symbolisch den Kundenservice an. Schließlich hätten seine Eltern den Brexit auf der Basis irreführender Werbung „gekauft“. Dies ist zum einen eine Anspielung auf den unsachlichen Diskurs vor dem Referendum. Zum anderen zielt es darauf ab, dass vor allem die ältere Generation der Briten für den EU-Austritt gestimmt hatte, während fast drei Viertel der 18 bis 24 Jahre alten Wähler in der EU bleiben wollten.

Diese frustrierende Erfahrung teilt auch Kyle Mayers. Der 25 Jahre alte Doktorand der Meeresbiologie hatte für den Verbleib Großbritanniens in der EU gestimmt und wurde von dem Ergebnis überrumpelt – insbesondere als Akademiker. „Wissenschaftler waren vor dem Referendum ziemlich selbstgefällig“, sagt er. Denn die Diskussionen seien damals so offensichtlich mit falschen Behauptungen geführt worden, dass jeder sie als Propaganda hätte entlarven müssen. Er erklärt sich die Diskrepanz zwischen eigener Wahrnehmung und Realität mit seiner Facebook-Blase. Denn in dem sozialen Netzwerk hätte er durch seine Freunde nur pro-europäische Stimmen gehört.

Grund dafür ist sicherlich auch, dass Wissenschaft und Forschung sehr internationale Gebiete sind und dementsprechend auch die Universitäten. „Die Schönheit der akademischen Welt ist es, Menschen und Perspektiven aus der ganzen Welt kennenzulernen“, sagt Mayers. Allein 40 Prozent seiner Kollegen an der Universität von Southampton kämen aus anderen europäischen Ländern. Im Vereinigten Königreich sind insgesamt 15 Prozent der akademischen Arbeitskräfte sowie fünf Prozent der Studenten EU-Bürger. An vielen Eliteuniversitäten ist der Anteil jedoch wesentlich größer. Schließlich profitieren die Wissenschaft und damit die Universitäten von heterogenen Forschungsgruppen, die kreativer sind und Probleme schneller lösen als homogene Gruppen. Publikationen mit Autoren aus mehreren Ländern seien besser und würden häufiger zitiert, sagen Fachleute. Doch nach der Brexit-Entscheidung befürchtet Mayers: „Wir könnten so enden wie die Schweiz.“

Im Februar 2014 hatten sich die Schweizer in einem Referendum dafür entschieden, Quoten für die Einwanderung von EU-Inländern in die Schweiz einzuführen. Damit hatten sie als Nicht-EU-Land auch ihre Abkommen mit der EU aufs Spiel gesetzt, die auf der Personenfreizügigkeit basierten. Diese Entscheidung weist Parallelen zum britischen Referendum auf. Denn einer der Hauptgründe der sogenannten Brexiteers, also der EU-Gegner, für das Verlassen der EU war es, die Einwanderung aus anderen EU-Ländern nach Großbritannien stoppen zu können.

Aber abgesehen von diesem Punkt stellt sich für die Hochschulsysteme der Schweiz und Großbritanniens die Frage, wie es weitergeht – ohne den Zugriff auf die Geldtöpfe, die die EU den Hochschulen ihrer Mitgliedstaaten jedes Jahr zur Verfügung stellt. Ein mögliches Szenario für Großbritannien wäre, sich nach dem Brexit in das aktuelle Forschungsförderprogramm der EU namens Horizont 2020 einzukaufen. 16 Nichtmitgliedstaaten nehmen schon heute an dem Programm teil, darunter Israel, Norwegen und die Schweiz.

Optimal ist diese Lösung nicht. Gerade das Beispiel des EU-Musterpartners Schweiz führt den Briten vor Augen, wie fragil der Status als assoziiertes Drittland sein kann. Weil die Schweiz mit der sogenannten Masseneinwanderungsinitiative gegen das bilaterale Abkommen mit der EU verstoßen hat, das neben der Personenfreizügigkeit auch die wissenschaftliche Zusammenarbeit regelt, reagierte die EU sofort. Ein halbes Jahr lang war die Schweiz aus Horizont 2020 sowie aus dem EU-Austauschprogramm für Studenten, Erasmus Plus, ausgeschlossen. Zwar wurde das Land schon im September 2014 wieder in das Förderprogramm aufgenommen, allerdings unter einem befristeten Sonderstatus. In Teilbereichen wie der Mobilitätsforschung erlangte die Schweiz ihren Status als „assoziierter Staat“ zurück – und erhielt damit wieder vollen Zugriff auf die Fördergelder, die an die Projekte gekoppelt sind. In anderen Projektgruppen, etwa der Industrieforschung, blieb dem Land hingegen nur der Status eines Drittstaates.

Die Maßnahmen der EU zeigten prompt ihre Wirkung. Um den Forschungsstandort vor den Folgen des Teilausschlusses zu schützen, machte der Bund finanzielle Ersatzmittel locker: Allein im vergangenen Jahr stellte der Schweizer Nationalfonds (SNF) Fördergelder in Höhe von insgesamt 94 Millionen Schweizer Franken (87 Millionen Euro) zur Verfügung. Die Folgen der Maßnahmen bekamen die Hochschulen dennoch zu spüren: Bis Ende 2015 sank der Anteil an EU-geförderten Projekten, an denen Schweizer Hochschulen beteiligt sind, von 3,2 auf 1,8 Prozent. Auch die Führungsrolle der Schweiz in der internationalen Forschung blieb nicht unversehrt: Standen ihre Hochschulen vor dem Teilausschluss noch an der Spitze von knapp vier Prozent aller Förderprojekte, so ist der Anteil in dem Zeitraum auf 0,3 Prozent gesunken.

Großbritannien hat noch weitaus mehr zu verlieren an Geld, Einfluss und Bedeutung. Denn von der Insel werden knapp 20 Prozent aller Horizont-2020-Projekte angeführt, was es zum Land mit den meisten Programmteilnehmern und Publikationen macht. Finanziert wird das Förderprogramm vom Europäischen Forschungsrat (ERC). Vor zwei Jahren hat der ERC ermittelt, dass sechs der zehn am erfolgreichsten geförderten Universitäten im Vereinigten Königreich liegen. Dabei ist allerdings zu beachten, dass gut 40 Prozent der Forscher, die an britischen Universitäten eine ERC-Förderung erhalten haben, aus dem Ausland kommen. Damit importiert das Land mit Abstand die meisten hervorragenden Wissenschaftler und zwar hauptsächlich aus der EU, meint Professor Jan Palmowski.

„Die Botschaft ist klar“, sagt der akademische Vizepräsident der University of Warwick in England. „Wir brauchen Großbritannien in der europäischen Forschungslandschaft, aber auch Großbritannien braucht die Freizügigkeit in der Forschung und Lehre; Freizügigkeit und herausragende britische Forschung sind untrennbar miteinander verbunden.“ Die Brexit-Hardliner schließen Personenfreizügigkeit jedoch aus. „Hard Brexit wäre der Super-GAU. Da sind sich alle Universitäten einig“, sagt Palmowski. „Britische Universitäten sind natürlich sehr besorgt.“ Denn der Zugang zum Förderprogramm könne, was die finanziellen Anforderungen betrifft, nur bedingt vom Vereinigten Königreich selbst aufgefangen werden.

Immerhin habe die britische Regierung jetzt verkündet, bis zum Jahr 2020 zusätzliche zwei Milliarden Pfund im Jahr in Forschung und Entwicklung investieren zu wollen, sagt Lucy Shackleton von Universities UK (UUK). Das sei ein gutes Zeichen für Universitäten und Wirtschaft, denn dorthin werde jeweils ein wesentlicher Teil des Geldes fließen. „Die Regierung erkennt den Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum sowie Wissenschaft und Innovation“, meint Shackleton. Doch es reiche nicht, nur die nationale Forschungsgrundlage zu fördern. „Wir müssen international arbeiten“, sagt Shackleton. „Britische Universitäten wären nicht annähernd so erfolgreich, wenn sie nicht Studenten und Mitarbeiter aus aller Welt hätten.“

Shackleton war bis zum Brexit-Referendum Pro-EU-Kampagnenleiterin für UUK, die als Interessengemeinschaft die Führungsriege aller britischen Universitäten vertritt. Bis dahin sei UUK nie offen politisch aktiv gewesen. Doch die politischen Entwicklungen hätten es dieses Mal unabdingbar gemacht. Zumal sich die Führung ausnahmslos jeder Universität in Großbritannien für den Verbleib in der EU ausgesprochen habe. So entstand die UUK-Kampagne „Universitäten für Europa“. Für Shackleton war das die logische Konsequenz aus der gelebten Wirklichkeit britischer Universitäten. Nun setzt sie sich gegenüber der britischen Regierung für die Interessen der Universitäten ein. Das aktuelle Hauptproblem ist die durch das Brexit-Votum verursachte Unsicherheit darüber, was nun kommen wird. Deshalb konnte der Regierung laut Shackleton zumindest eine Versicherung dafür abgerungen werden, dass alle EU-Studenten, die bis einschließlich des Studienjahrs 2017/18 ihr Studium in Großbritannien beginnen werden, unter denselben Bedingungen wie bisher ihr Studium auch werden beenden können.

Nach dieser Zeit erwartet Jan Palmowski von der University of Warwick allerdings, dass EU-Studenten dieselben Studiengebühren zahlen müssen wie internationale Nicht-EU-Studenten, sobald Großbritannien die EU verlässt. Dies entspreche im Schnitt einer Verdoppelung der Studiengebühren, also aktuell mehr als 20 000 Euro im Jahr. Da verwundert es nicht, dass es kurz nach dem Referendum einen spürbaren Anstieg an Studienbewerbungen von EU-Bürgern in Großbritannien gegeben habe. Allerdings scheint schon jetzt der Bewerbungseifer wieder nachzulassen. Mike Galsworthy von „Scientists for EU“ zufolge kann das britische Hochschulbewerbungssystem UCAS einen Bewerbungsrückgang von neun Prozent bei Erststudenten aus der EU ausmachen, im Fach Medizin seien die Bewerbungen sogar um 16 Prozent zurückgegangen.

Da ergibt es Sinn, dass die britische Regierung mittlerweile auch garantiert habe, alle Forschungsprojekte, die mit Horizont-2020-Geldern begonnen werden, nach dem Brexit weiter zu finanzieren. Laut Palmowski führe dieses Versprechen dazu, dass britische Wissenschaftler momentan mehr Bewerbungen denn je für die EU-Fördergelder einreichen – Torschlusspanik sozusagen. In diesem Prozess werde Großbritannien von der EU nach wie vor als vollwertiges EU-Mitglied behandelt.

Die Erfahrungen der Kollegen des 25 Jahre alten Adam Roer, Doktorand am University College London (UCL), bestätigen das nur teils. Er berichtet, dass Kollegen damit Probleme hätten, von anderen EU-Universitäten als Partner für internationale Forschungsprojekte ausgewählt zu werden. Offenbar ist auch im Ausland die Angst zu groß, dass ein angefangenes Projekt abgebrochen werden muss, sobald der Brexit eintritt.

Diese Erfahrung spiegelt auch eine Umfrage von Mike Galsworthy wider, in der von Problemen und Sorgen um die Horizont-2020-Förderung berichtet wird. Er hatte mit der Gründung von „Scientists for EU“ ursprünglich eine Kampagne von Wissenschaftlern gegen den Brexit gestartet. Nun macht er sich Sorgen, dass das britische Hochschulsystem seinen Wettbewerbsvorteil mit der Attraktivität für internationale Talente verlieren könnte. Es kommt immer wieder zur Sprache, dass sich Mitarbeiter aus EU-Ländern nach dem Brexit-Votum weniger vom Land willkommen fühlen. Grund sei, dass sie den Ausgang des Referendums als klare Ansage gegen Einwanderer verstünden und dass es seitdem vermehrt Berichte von Fremdenhass in Großbritannien gebe.

Galsworthy möchte auf jeden Fall einen harten Brexit ohne Personenfreizügigkeit verhindern, da die erfolgreichsten Forschungsprojekte von der Internationalität ihrer Teams abhängen. Auch Lucy Shackleton sieht eine der größten Gefahren darin, internationale Akademiker in Großbritannien zu verlieren. Um das zu verhindern, kämpfen beide rund um die Uhr.

Von Bettina Wolff und Maja Brankovic

 

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