Die afrikanische Bildungsmisere

Warum Unternehmen verzweifelt gutausgebildete schwarze Talente suchen und gleichzeitig jeder vierte Jungakademiker arbeitslos ist

clb./tos. KAPSTADT/NAIROBI, 2. März. Südafrikas Finanzwelt braucht eine Talenteschmiede: Alan Winde musste für diese Idee nicht lange trommeln. Im Nu hatte der Wirtschaftsminister der südafrikanischen Provinz Westkap mehrere Sponsoren für das neue African Institute of Financial Markets and Risk Management (AIFMRM) an der Universität Kapstadt beisammen. Barclays Africa, die Großbank First Rand und andere steuerten insgesamt 60 Millionen Rand (4 Millionen Euro) bei, um jedes Jahr 50 Studenten für eine Karriere in der Finanzbranche zu rüsten. Die Arbeitslosigkeit in Südafrika verharrt zwar auf chronisch hohem Niveau von derzeit 26 Prozent nach der offiziellen Statistik, die Wirtschaft lahmt. Doch auch gut zwei Jahrzehnte nach Ende der Rassentrennung herrscht an Fachkräften ein solcher Mangel, dass sich Arbeitgeber mit ausgefallenen Ideen auf der Suche nach geeigneten Kandidaten überbieten. Das größte Problem: Die Politik des „Black Economic Empowerment“ schreibt ihnen faktisch vor, schwarze einheimische Mitarbeiter auf allen Hierarchieebenen einzustellen und zu fördern. Aber woher soll man die nehmen?

„Wir werden mit Anfragen buchstäblich überschüttet“, erzählt Co-Pierre Georg, aus Deutschland stammender Dozent und Forschungskoordinator am Finanzinstitut der Uni Kapstadt. Einladungen in Sterne-Restaurants, Geschenke für neue Mitarbeiter, stattliche Einstiegsgehälter seien schon fast üblich. Als eine schwarze Studentin ihre Dissertation abbrach, reagierte ein Unternehmen sofort und mailte: „Wir kennen Sie, wir wollen Sie!“ Manchmal müsse man sich schützend vor die Studenten stellen, sagt Georg, der auch an der Frankfurter Goethe-Universität forschte. „Sonst nehmen sie womöglich schon das erste Angebot an.“

Südafrika ist der wichtigste Finanzplatz auf dem Kontinent und die am weitesten entwickelte Volkswirtschaft. Doch in internationalen Bildungsvergleichen muss sich das Land seit Jahren mit den hinteren Plätzen zufriedengeben. Besonders schlecht ist es um die Ausbildung in Mathematik und Naturwissenschaften bestellt. In einer Rangliste des Weltwirtschaftsforums über die Bildungssysteme landet die stolze Nation sogar auf dem letzten Platz unter 139 Ländern. Selbst afrikanische Armenhäuser wie Moçambique und Malawi liegen weiter vorne.

Nicht zu Unrecht verweist die Regierung als Grund auf die Vergangenheit. Während der Apartheid-Zeit wurde die Mehrheit der Bevölkerung in „Bantu-Schulen“ verbannt, die nur Grundkenntnisse vermittelten. Hendrik Verwoerd, damaliger Bildungs- und später Premierminister, sagte einmal den oft zitierten Satz: „In der Ausbildung eines afrikanischen Kindes hat Mathematik nichts zu suchen.“ Dessen Aufgabe sei es, „Holz zu schlagen und Wasser zu holen“. Die Folgen sind bis heute spürbar.

Seit diesem düsteren Kapitel in der Geschichte gab es unzählige Versuche, das staatliche Bildungswesen auszubauen und zu reformieren. Doch selbst die Regierung gesteht ein, dass sich ein großer Teil der Schulen in einem maroden Zustand befindet. Der Staat gibt zwar mehr Geld für die Bildung aus als andere afrikanische Länder, die in den Ranglisten besser abschneiden. Missmanagement und Korruption aber führen dazu, dass die Mittel oft irgendwo verschwinden. In der Provinz Limpopo beispielsweise begann das neue Schuljahr für viele Schüler wieder einmal ohne Bücher. Überdies blockiert eine streitbare Lehrergewerkschaft Reformversuche und ruft zu Streiks auf. In einem Land mit eklatantem Fachkräftemangel fehlt es natürlich auch an gutausgebildeten motivierten Lehrkräften. In Behörden oder Unternehmen zu arbeiten ist lukrativer als in einer Schule im Armenviertel.

Die Bildungsmisere ist indes nicht auf Südafrika beschränkt. Sie betrifft den ganzen Kontinent. Zwar steigen überall die Zahlen der Absolventen im Sekundarunterricht. Doch die Universitäten sind dem Ansturm weder personell noch materiell gewachsen. Allein in den frankophonen Ländern Afrikas hat sich die Zahl der Studenten seit 2005 verfünffacht, ohne dass die Universitäten die Mittel bekommen hätten, mit den Studentenmassen fertig zu werden. Die Konsequenz ist eine stetig gesunkene Qualität der Ausbildung. In Kamerun, der Elfenbeinküste und Senegal wird teils mit Lehrmaterial aus den siebziger Jahren unterrichtet, und in den naturwissenschaftlichen Fächern balgen sich bis zu 500 Studenten um ein einziges Labor.

In den anglophonen Ländern Afrikas ist die Situation ähnlich. Dort versucht man die Zahl der Immatrikulierten durch Aufnahmeprüfungen und höhere Studiengebühren auf einem erträglichen Niveau zu halten. Gemeinsam aber ist den afrikanischen Universitäten, dass sie am Bedarf der wenigen Unternehmen vorbei ausbilden. Nach wie vor gilt für einen afrikanischen Akademiker der öffentliche Dienst als begehrtester Arbeitgeber. So wird statt Ingenieurwissenschaften eher Verwaltungsrecht gepaukt, obwohl die Zahl der offenen Stellen im öffentlichen Dienst rückläufig ist. Die Konsequenz ist dramatisch: 25 Prozent aller Jungakademiker auf dem Kontinent sind arbeitslos, weitere 30 Prozent arbeiten in Berufen, die weit unter ihrer Qualifikation liegen.

In Südafrika, dem einzigen Industrieland in Afrika, nimmt die Privatwirtschaft die Bildungsaufgabe nun zunehmend selbst in die Hand. Unermüdlich ruft der Johannesburger Radiosender „702“ Vorstandschefs auf, noch mehr Praktikanten- und Ausbildungsstellen auszuschreiben. Jetzt schon bieten so gut wie alle größeren Unternehmen Stipendien an, investieren hohe Summen in eigene Trainingsprogramme. Vor allem Anstrengungen deutscher Konzerne gelten als vorbildlich. Siemens gründete sogar eine Schule für mehr als 700 Schüler im Geburtsort von Nelson Mandela.

Das staatliche Versagen lässt auch private Bildungskonzerne Geschäftschancen wittern. So baut ein von einem ehemaligen Rektor gegründetes Unternehmen namens Curro eine Schule nach der anderen für Familien mit mittleren Einkommen. Der Curro-Aktienkurs ist in fünf Jahren um mehr als 300 Prozent gestiegen. Für den Konkurrenten Adv-Tech weist die Kursentwicklung an der Börse ebenfalls kräftig nach oben.

Alle privaten Initiativen können jedoch kein staatliches Schulwesen ersetzen. Das weiß auch Südafrikas Bildungsministerin Angie Motshekga. Trotzdem machte sie – wohl ermüdet von der Dauerdebatte um Reformen und Mathe-Noten – jüngst kurzen Prozess: Tausende Schüler der 7., 8. und 9. Klassen durften Ende 2016 ausnahmsweise mit Note Fünf (20 Prozent nach südafrikanischem Schema) in die nächste Klasse aufrücken. Niemand stelle die Bedeutung von Mathematik in Frage, sagte die Ministerin nach lautem Protest, aber das Fach sei auch nicht alles entscheidend. „Sitzenbleiben kann für die Schüler viele schlimme Folgen haben.“ Und den Staat in der eigenen Bildungsstatistik schlecht aussehen lassen.

CLAUDIA BRÖLL, THOMAS SCHEEN

 

 

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