EU-Jugendarbeitslosigkeit sinkt – nicht wegen Brüssel

Die Zahl der arbeitslosen Jugendlichen geht inzwischen in Europa zurück.

 Das hat viele Gründe. Die diskutierten Brüsseler Förderprogramme zählen aber nicht dazu.

svs. FRANKFURT, 5. November. Die Statistik spricht eine klare Sprache: Die Zahl der jungen Arbeitslosen in Europa sinkt deutlich. Wie die europäische Statistikbehörde Eurostat gerade mitgeteilt hat, waren im September in den 28 EU-Staaten rund 3,7 Millionen Personen im Alter von 15 bis 24 Jahren auf Stellensuche – kein Vergleich mehr zu den 5,5 Millionen jungen Arbeitslosen aus dem Frühjahr 2013, als die Beschäftigungsmisere infolge der Wirtschafts- und Finanzkrise auf dem traurigen Höhepunkt war. Laut Zahlen der Industrieländerorganisation OECD ging während der Krise jeder zehnte Arbeitsplatz von Beschäftigten unter dreißig Jahren verloren, besonders betroffen waren Geringqualifizierte und Migranten.

Für eine Entwarnung in Sachen Jugendarbeitslosigkeit gebe es allerdings trotz der günstigeren Zahlen noch keinen Anlass, warnt der renommierte Arbeitsmarktforscher Karl Brenke. Der Ökonom vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin hat die Ursachen für den Rückgang der Jugendarbeitslosigkeit und die Wirksamkeit politischer Programme im Rahmen einer Studie näher untersucht. Seine Befunde lassen aufhorchen: Ein Grund für die sinkenden Zahlen sei schlicht die demographische Entwicklung – es gibt weniger Jugendliche in Europa, also auch weniger arbeitslose.

Dazu kommt eine geringere Erwerbsbeteiligung in der Zielgruppe: Weil die Lage auf dem Arbeitsmarkt schwierig ist, weichen mehr Jugendliche auf ein Studium oder eine Ausbildung aus oder nutzen andere Wege, um länger im Bildungssystem zu bleiben. Überdies handele es sich bei den neu entstandenen Arbeitsplätzen für Jüngere zu 90 Prozent um befristete Tätigkeiten, so Brenke. „Das Problem ist besonders groß in Südeuropa“, hält er fest. Doch auch Skandinavien und Osteuropa stünden vor großen Herausforderungen. Am besten sei die Lage in Mitteleuropa.

Die Statistik stützt Brenkes Aussagen: Im zweiten Quartal dieses Jahres lag die Jugendarbeitslosigkeit in Griechenland immer noch bei 44 Prozent, in Spanien bei knapp 40 Prozent und in Italien bei 35 Prozent. Auffällig ist auch: In Frankreich liegt die Quote mit 22 Prozent fast noch auf dem Niveau von 2013. Am anderen Ende der Skala steht Deutschland mit gerade einmal 7 Prozent im Zeitraum von April bis Juni. Tendenz: weiter sinkend.

Brenke findet diese Unterschiede nicht überraschend, denn Jugendarbeitslosigkeit sei „kein isoliertes Phänomen, sondern immer auch Ausdruck der allgemeinen Arbeitsmarktsituation“. Und diese ist in Deutschland, wo in manchen Regionen schon Vollbeschäftigung herrscht, einfach weitaus günstiger als etwa im Mittelmeerraum, der sich nur langsam und regional sehr unterschiedlich von der großen Krise erholt.

Besonders hart geht Brenke mit den politischen Maßnahmen auf europäischer Ebene in Form der „Jugendgarantie“ ins Gericht. Im Jahr 2013 hatten sich die EU-Staaten auf das Versprechen geeinigt, jedem arbeitslosen Jugendlichen einen Arbeits- oder Ausbildungsplatz oder zumindest eine Qualifizierungsmöglichkeit zu beschaffen. Dafür wurden 6 Milliarden Euro zugesagt, doch schon die Umsetzung in nationale Aktionspläne kam oft nur schleppend voran. Im Frühjahr zog der Europäische Rechnungshof die ernüchternde Zwischenbilanz, dass keiner der besonders betroffenen Staaten die ursprünglichen Erwartungen an das Programm erfüllen konnte. „Die politischen Entscheidungsträger sollten dafür sorgen, dass mit den Programmen zur Unterstützung junger Menschen keine Erwartungen geweckt werden, die nicht erfüllt werden können“, heißt es in dem Sonderbericht.

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Auch DIW-Forscher Brenke kommt zu dem Ergebnis, dass die politischen Maßnahmen wenig gebracht haben. „Wahrscheinlich wurden die Möglichkeiten der sogenannten aktiven Arbeitsmarktpolitik einmal mehr überschätzt“, urteilt er. Vielmehr müsse der Hebel bei den Berufsbildungssystemen angesetzt werden. Dass die Ausbildung in vielen Ländern zu schulisch und praxisfern läuft und damit den Übergang in den Arbeitsmarkt erschwert, ist dabei keine ganz neue Erkenntnis. Viele Staaten, allen voran Spanien, bemühen sich seit Jahren, Elemente der dualen Ausbildung in Deutschland auf ihre Verhältnisse zu übertragen. Allerdings erweisen sich der Aufbau von Berufsschulen und die Qualifizierung von Ausbildern in der Praxis als überaus herausfordernd. In China scheiterten einst kostspielige Bemühungen der deutschen Industrie, das duale System einzuführen.

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