Frankreichs Personalchefin

Sie fühlt sich in ihrem Element.

Muriel Pénicaud verantwortet mit dem Umbau des Arbeitsrechts die erste große Reform von Emmanuel Macron.

Sie ist die weibliche und französische Ausgabe eines Peter Hartz: In ihrem Reformprojekt geht sie zwar nicht so weit wie der ehemalige Personalchef von Volkswagen, der im vergangenen Jahrzehnt die deutsche Arbeitsmarkt- und Sozialreform ausarbeitete. Das französische Sozialsystem etwa tastet die französische Arbeitsministerin Muriel Pénicaud nicht an. Dennoch verantwortet sie heute ein ähnliches Schlüsselpaket des Reformprogramms von Emmanuel Macron wie Hartz damals bei Bundeskanzler Schröder. Und auch sie war einst für die Personalabteilung eines Weltkonzerns tätig, in ihrem Fall des Milchprodukte- und Mineralwasserherstellers Danone.

Am Donnerstag stand die 62 Jahre alte Französin zusammen mit Premierminister Édouard Philippe den Journalisten Rede und Antwort, um die Details der französischen Arbeitsmarktreform zu präsentieren. Pénicaud ist die Architektin dieses Projektes, das eine Fortsetzung der Vorarbeiten unter der sozialistischen Regierung von François Hollande darstellt. Doch anders als unter Hollande sind wütende Demonstrationen der Gewerkschaften bisher ausgeblieben. Das ist teilweise der langen französischen Sommerpause geschuldet, doch auch ihrem Verhandlungsgeschick. Pénicaud ist durch und durch eine Expertin des französischen Arbeitsrechts und genießt aufgrund ihrer Fachkenntnisse auch bei den Gewerkschaften Ansehen. Damit hatte sie von Anfang an bessere Voraussetzungen als ihre unerfahrene Vorgängerin Myriam El Khomri. Zusammen mit Macron und Philippe hat sich Pénicaud in den Verhandlungen auch flexibler gezeigt als die sozialistischen Vorgänger, die einen Teil ihrer Reform erst einsackten, als die Gewerkschaften wiederholt auf die Straße gegangen waren. Pénicaud hat mit der Rückendeckung von Macron und Philippe etwa Verhandlungskompetenz von Arbeitgebern und Arbeitnehmern auf Branchenebene gestärkt – und weniger, wie zuvor angekündigt, auf Unternehmensebene. Damit holte sie die Gewerkschaft Force Ouvrière (FO) ins Boot. FO-Chef Jean-Claude Mailly findet seitdem viele lobende Worte für die Regierung. So bläst in isolierter Position derzeit nur die traditionell links stehende Gewerkschaft CGT zum Widerstand gegen die Arbeitsrechtsreform.

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Pénicaud ist in einem Pariser Vorort neben der konservativen Kleinstadt Versailles aufgewachsen. Als Spross einer gutbürgerlichen Familie ging sie auf eine katholische Privatschule. Danach wählte sie nicht den Königsweg der französischen Elite-Universitäten, sondern studierte an einer herkömmlichen Hochschule Geschichte und Bildungspädagogik. In den neunziger Jahren ergänzte sie ihre Ausbildung durch einen Abschluss an der Managementschule Insead. Schon mit 21 Jahren trat sie als Mitarbeiterin eines kommunalen Ausbildungszentrums ins Berufsleben ein. Zum öffentlichen Dienst war es da nicht weit, und so kletterte sie im Arbeitsministerium bald die Karriereleiter hoch, bis sie 1991 im Beraterstab der sozialistischen Arbeitsministerin Martine Aubry, der Tochter des ehemaligen EU-Präsidenten Jacques Delors, ankam. Pénicaud profilierte sich als kompetente und als praxisorientierte Beraterin, wie andere Kabinettsmitglieder jener Zeit, etwa der heutige SNCF-Chef Guillaume Pepy, berichten.

Im öffentlichen Dienst wollte sie jedoch nicht bleiben, und so trat sie Anfang der neunziger Jahre in ein Vorgängerunternehmen des heutigen Danone-Konzerns ein. Das Personalwesen war damals schon ihre Lieblingsdomäne, und sie blieb ihm mehr als zwei Jahrzehnte treu. Auch bei Danone blieb sie den Großteil ihres Berufslebens – nur unterbrochen von einer sechsjährigen Tätigkeit als stellvertretende Personalchefin des Softwarehauses Daussault Systèmes. Der Danone-Gründer Antoine Riboud, der einer der für Frankreich typischen „linken Unternehmer“ war, ist nach ihren Angaben ihr geistiger Vater, weil er wirtschaftliche mit sozialen Belangen vereinbarte. Sein Sohn Franck holte Pénicaud 2008 zurück ins Unternehmen und machte sie zur Personalchefin von Danone. Dort setzte sie unter anderem eine einheitliche Sozialversicherung für alle Danone-Mitarbeiter in der Welt durch – ein System, das auch in anderen Unternehmen Schule machte. Außerdem steuerte sie den Konzern im Jahr 2013 vergleichsweise geräuschlos durch eine Durststrecke mit dem Abbau von 900 Arbeitsplätzen.

Die Geräuschkulisse baute sich in Form von Protesten im Parlament allerdings vor wenigen Wochen auf. Die linke Oppositionspartei erinnerte daran, dass die Danone-Aktie aufgrund des Personalabbaus damals stark an Wert gewann – und damit um mehr als eine Million Euro auch die Aktienoptionen der späteren Ministerin. Als geldgierige Kostenschlächterin haben sie die Französin in der Öffentlichkeit hinstellen wollen, obwohl alles legal im Rahmen des automatisch reagierenden Vergütungssystems für den Gesamtvorstand verlief. Zudem wird der Ministerin eine Affäre aus der Zeit angehängt, als sie die staatliche Wirtschaftsförderungsbehörde Business France leitete: Diese finanzierte dem damaligen Wirtschaftsminister Macron einen Aufenthalt auf einer Technologiemesse in Las Vegas und verzichtete bei der Wahl des Reiseorganisators auf eine Ausschreibung.

Mancher Beobachter hält die Ministerin seither für geschwächt. Sie versucht, solche Urteile zu ignorieren und in ihrer unaufgeregten Art bei der Sacharbeit zu bleiben.

CHRISTIAN SCHUBERT

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