Kinder der Krise

Spaniens Wirtschaft wächst rasant, das Land gilt als Musterknabe Europas.

Doch die Jugend hangelt sich von Job zu Job, ohne Aussicht auf eine sichere Zukunft.

Erst rollt sie die Mülltonnen ins Haus. Dann fegt Julia García den Bürgersteig, wischt das Treppenhaus und poliert die Glasscheiben des alten Aufzugs. Den Rest ihrer Zeit verbringt sie in dem Kämmerchen neben dem Eingang. „Ich muss froh sein, dass ich diesen Job habe“, sagt die 23 Jahre alte Spanierin. Freundlich grüßt Julia García alle Bewohner, die das Madrider Jahrhundertwende-Wohnhaus betreten und verlassen. Bevor sie die Halbtagsstelle als Aushilfsportier erhielt, arbeitete sie in einem Fitnessclub. Jetzt hat sie wenigstens am Nachmittag frei und kann sich als Kindermädchen etwas dazuverdienen. „Ich würde gerne Erzieherin werden oder Krankenschwester“, sagt sie.

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Doch davon ist sie weit entfernt. Was Julia García verdient, reicht gerade aus, um zu überleben. Von einer Wohnung nur für sich und einer eigenen Familie kann sie nur träumen. Dabei hat sie mit ihrer Stelle noch Glück: Mehr als 90 Prozent aller Arbeitsverträge, die junge Menschen in den vergangenen Monaten unterzeichneten, sind nach Angaben des Spanischen Jugendrats befristet – vierzig Prozent der neuen Arbeitsverhältnisse dauerten im vergangenen Jahr weniger als einen Monat, ein Viertel nur eine Woche. Gelegenheitsjobs also. „Es gibt junge Leute, die im Jahr 30 bis 50 Verträge haben“, sagt der spanische Wirtschaftswissenschaftler Marcel Jansen von der Universidad Autónoma in Madrid.

Dabei ist das Land grundsätzlich auf einem so guten Weg: Mehr als 1,4 Millionen Arbeitsplätze sind in Spanien in den vergangenen Jahren entstanden. Das südeuropäische Land erholt sich schnell von der schwersten Wirtschafts- und Finanzkrise seiner Geschichte. Investoren haben wieder Vertrauen gefasst, die Fondsgesellschaft Blackstone übernahm kürzlich für mehr als 5 Milliarden Dollar Immobilien und Kredite in Spanien. Doch der Aufschwung kommt bei den jungen Spaniern bestenfalls in Bruchteilen an. Schon während der Krise, als die Jugendarbeitslosigkeit eine Quote von 53 Prozent erreichte, gehörten sie zu den großen Verlierern. Heute haben immer noch knapp 40 Prozent von denjenigen, die nicht studieren oder eine Ausbildung machen, keine Stelle. Und das, obwohl die Arbeitslosenquote für die gesamte Bevölkerung auf 17 Prozent gefallen ist. Die vielen neuen Stellen lassen sich auch darauf zurückführen, dass der konservative Ministerpräsident Mariano Rajoy Kündigungen und befristete Neueinstellungen stark erleichterte.

Das ist der Preis des Aufschwungs, der aus dem großen südeuropäischen Sorgenkind den wirtschaftlichen Musterknabe gemacht hat. In den beiden vergangenen Jahren wuchs die Wirtschaft um 3,2 Prozent. In diesem Jahr erwartet man abermals mehr als 3 Prozent Wachstum. Damit liegt Spanien in der Spitzengruppe der neunzehn Euroländer, die 2016 im Schnitt um 1,8 Prozent gewachsen sind. Nach dem Willen der Regierung in Madrid soll das Haushaltsdefizit in diesem Jahr nur noch bei 3,1 Prozent liegen, nur knapp über der Maastricht-Obergrenze und 2018 dann darunter. Optimistisch verspricht Wirtschaftsminister Luis de Guindos, die Arbeitslosenquote bis im Jahr 2020 auf elf Prozent zu senken.

Wie kompliziert die Lage ist, zeigen die Analysen der internationalen Organisationen. Die EU, der Internationale Währungsfonds, und die Industriestaatenorganisation OECD loben und kritisieren das Land in einem Atemzug. „Reformen, Reformen, Reformen“, verlangt OECD-Generalsekretär Ángel Gurría und meint damit besonders den Arbeitsmarkt, auf dem zwar die Zahl der Stellen, aber nicht ihre Qualität gewachsen ist.

Eigentlich ist Vanessa Camba Grafikdesignerin, aber in ihrem Beruf hat sie schon viele Jahre lang nicht mehr gearbeitet. Die 29 Jahre alte Frau aus dem Madrider Stadtviertel Las Delicias ist dankbar, dass sie wenigstens für 20 Stunden in der Woche Arbeit im Laden eines Kosmetik-Discounters hat. „Sie rufen mich kurzfristig an und sagen mir, wann ich kommen muss. Von Montag bis Sonntag“, berichtet die alleinerziehende Mutter. Vorher hat sie in einem Supermarkt gearbeitet. Aber dort entließ man sie, als sie Krebs bekam und zu lange krank war. Jetzt verdient sie 500 Euro im Monat. „Ohne die Unterstützung meiner Eltern und die subventionierte Sozialwohnung, die mir die Stadt zur Verfügung stellt, käme ich nicht über die Runden“, sagt sie. Ein zweiter Job kommt für die junge Mutter nicht in Frage, weil sie sich sonst nicht um ihr elf Jahre altes Kind kümmern könnte. Die Krise hat die wirtschaftliche Kluft unter den Spaniern noch weiter vertieft. Der wohlhabende Teil der Bevölkerung hat sie weitgehend unbeschadet überlebt, wie die Hilfsorganisation Oxfam mitteilte – im vergangenen Jahr gab es in Spanien sogar 7000 neue Millionäre. Gleichzeitig habe das einkommensschwächste Drittel der Bürger im vergangenen Jahrzehnt 23 Prozent an Kaufkraft eingebüßt. Von der wirtschaftlichen Belebung profitiere nur eine Minderheit, während die Ungleichheit wachse, warnt Oxfam.

Berufsanfänger trifft es besonders hart. Ihnen steht heute kaum mehr Geld zur Verfügung als ihren Eltern Ende der achtziger Jahre. Nur jeder fünfte Spanier, der jünger als dreißig Jahre ist, kann es sich heute leisten, das Elternhaus zu verlassen und eine eigene Wohnung zu suchen. Dieses Schicksal teilen die jungen Spanier mit vielen Altersgenossen in anderen von der Krise getroffenen Ländern. Während sich junge Nordeuropäer aufmachen, im ersten Job den Grundstein für eine Karriere zu legen, starten zum Beispiel viele Italiener mit Gelegenheitsarbeiten. Auch dort sind Dreißigjährige auf Taschengeld von Eltern oder der Oma angewiesen. Das Schlimme daran: Der vermasselte Start hängt vielen Betroffenen das gesamte Berufsleben nach – etwa bei der Bezahlung, zeigen zahlreiche Studien.

Fehlende Abschlüsse sind das große Problem

Mittlerweile ist es schon ein erträumtes Zeile, „Mileurista“ zu werden. Den Begriff verwendet man in Spanien für Menschen, die höchstens tausend Euro („Mil Euro“) im Monat verdienen. Vor der großen Krise nannte man in Spanien diejenigen so, denen der Start ins Berufsleben nicht gelungen war. Heute müssen immer mehr Menschen vierzig Stunden oder länger arbeiten, um mehr als den Mindestlohn von 700 Euro zu verdienen. Das gilt selbst für die Branchen, in denen es an Arbeit nicht mangelt. Zimmermädchen in Madrider Hotels klagen darüber, dass ihnen Leiharbeitsfirmen nur rund 830 Euro im Monat zahlen wollen. Dafür müssen sie im Akkord Zimmer und Bäder putzen.

Vielen Spaniern bleibt jedoch wenig anderes übrig, als Gästezimmer sauber zu machen oder in den Restaurants an der Küste zu jobben. Angesichts des boomenden Tourismus drohe Spanien zu einem „Land der Kellner“ zu werden, warnen Kommentatoren. Das liegt auch an ihrer fehlenden Ausbildung. Ein Fünftel verlässt die Schule ohne Abschluss – so viel wie in keinem anderen europäischen Land. Ein weiteres Fünftel der Spanier unter 25 Jahren hat nur einen Hauptschul- und Realschulabschluss und keine zusätzliche Ausbildung. Während des Baubooms vor der Krise war das nicht so schlimm. Damals zogen es viele junge Männer vor, auf den Baustellen gut zu verdienen, statt die Schule zu beenden. Es handele sich um ein „strukturelles Problem“, mit dem Spanien schon vor der Krise zu kämpfen hatte, sagt deshalb Wirtschaftswissenschaftler Jansen: Der Nachwuchs sei entweder unter- oder überqualifiziert ist. Rund ein Drittel der Absolventen findet keine Stelle, weil die Universitäten am Bedarf vorbei ausbilden. „Die neu entstandenen Arbeitsplätze kurieren nur die Symptome, statt das Problem an der Wurzel anzugehen“, kritisiert Jansen. Damit meint er besonders die dringend notwendige Reform der Berufsbildung und die Qualifizierung der vielen Spanier ohne Abschluss oder Ausbildung. Für vorbildlich hält er die deutschen Berufsschulen und das duale Ausbildungssystem.

Mit Berufserfahrung aus Deutschland kehren inzwischen immer mehr Spanier in ihre Heimat zurück. Hunderttausende verließen während des Krisenjahrzehnts ihr Land. Raúl Gil Benito lebte und arbeitete vier Jahre lang in Berlin. Er fühlte sich in Kreuzberg wohl, doch am Ende wollte er wieder nach Hause. Aus diesem weitverbreiteten Gefühl machte er ein Geschäft: „Volvemos“ („Wir kehren zurück“) heißt die Agentur, die er zusammen mit zwei Freunden gegründet hat. Mehr als 7000 Spanier, die wieder heimkehren wollen, haben auf der Internet-Plattform ihr Profil hinterlassen, um spanische Arbeitgeber für sie zu interessieren. „Im vergangenen Jahr kehrten zum ersten Mal mehr Spanier zurück als weggingen“, sagt Raúl Benito. Bei Volvemos hat man aber nicht den Eindruck, dass das vor allem am wirtschaftlichen Aufschwung liegt. „Nach vier, fünf Jahren im Ausland zieht es viele aus persönlichen Gründen zurück“, beobachtet er. Einigen helfen ihre Auslandserfahrung und Fremdsprachenkenntnisse bei der Suche nach einer neuen Stelle. Das bedeutet aber nicht, dass Spanien die Rückkehrer mit offenen Armen empfängt, obwohl ihre Talente dringend gebraucht werden. Zu Hause verdienen sie oft weniger als in Deutschland oder Britannien. Für sie sei die Nähe zu ihrer großen Familie ausschlaggebend. Ohne die Solidarität der Eltern, Großeltern und Verwandten hätten viele Spanier die Krise nicht überlebt.

 

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