Kleine Mathesoldaten

Singapur hat die besten Schüler. Selbst in den großen Ferien wird gebüffelt.

Besuch in einer Arena für Pisa-Gladiatoren.

Eine Kaderschmiede für die Bildungselite stellt man sich anders vor. Schon die Umgebung, in der die „Mathe-Arena“ liegt, entspricht nicht dem Klischee des hochmodernen Stadtstaats Singapur. Der Stadtteil Tampines im Osten wurde auf ehemaligem Sumpfgelände gebaut. Bis in die achtziger Jahre übte hier das Militär. Heute ragen eintönige Hochhausblocks in die Höhe. Die Straßen tragen keine Namen, sondern sind durchnumeriert. So ähnlich, nur viel ärmer und grauer, müssen auch die Wohnstädte in Pjöngjang aussehen.

Die Mathe-Arena liegt im Wohnblock 488B. Der Eingang lässt sich durch eine etwa zwanzig Zentimeter dicke Stahltür verschließen. Die kleine Nachmittagsschule ist in einem Luftschutzbunker untergebracht. Einen solchen Bunker muss in Singapur jede größere Wohneinheit haben. Gründervater Lee Kuan Yew war der Ansicht, dass ein Kleinstaat mit Nachbarn wie Indonesien, Indien und China wehrhaft sein müsste.

Deshalb gibt Singapur auch jedes Jahr das meiste Geld für sein Militär aus. Gleich danach kommt aber schon das Erziehungssystem. Die hohen Investitionen in den Bildungssektor sind einer der Gründe, die für den Erfolg der Singapurer Schüler im diesjährigen Pisa-Vergleich angeführt werden. Die 15 Jahre alten Jugendlichen des Stadtstaats sind laut der Studie Schülern aus anderen Ländern in Mathe, Naturwissenschaften und Leseverständnis um Jahre voraus. Auch das glaubte Patriarch Lee: Ein kleines Land ohne Rohstoffe ist auf die Köpfe seiner Bewohner angewiesen.

Das exzellente Abschneiden der Singapurer Schüler ist auch Anlass für den Besuch in Tampines. Mal sehen, was die in einer „Mathe-Arena“ so machen. Über dem Eingang hängt ein gelbes Warndreieck mit dem Hinweis „Schutzraum“. An der geöffneten grauen Stahltür lädt ein zaghaftes „Willkommen“ aus ausgeschnittenen Papierbuchstaben zum Eintreten ein. Im Flur stehen Kinderschuhe, Flip-Flops und Sandalen vor den Gemeinschaftstoiletten, mit denen der zur Schule zweckentfremdete Bunker ausgestattet ist.

Dahinter führt ein mit Teppich ausgelegtes Treppenhaus tief in den Untergrund hinein. Die Atmosphäre in dem Bunker ist freundlicher, als es der Eingang vermuten lässt. Die gelben Wände sind mit kleinen gemalten Bildchen von Heißluftballons und Schoßhunden verziert. Unten geht es an einem Empfangstresen vorbei in die Klassenräume. Auf dem Weg können die Kinder für ein paar Cents Bonbons erwerben.

Hier, mehrere Meter unter der Erde, wird gerade ein Teil der weltweiten Mathe-Elite geschult. Die Mathe-Arena ist nicht in erster Linie für schlechte Schüler gedacht, die Nachhilfe brauchen. Hier schicken die Eltern ihre begabten Kinder hin, damit sie noch besser werden. Und so kommt es, dass in der Nachmittagsschule auch jetzt viel Betrieb herrscht, obwohl die Schulen in Singapur eigentlich gerade große Ferien haben.

In einem der fensterlosen Klassenräume sitzen vier Jungen um einen ovalen Tisch herum. Sie schauen auf die weiße Tafel an der Wand, auf die mit dem Beamer eine Matheaufgabe projiziert ist. Sie lautet: „Ein Lieferwagen startet um 12 Uhr mittags in Stadt B mit einer konstanten Geschwindigkeit von 50 km/h. Zwei Stunden später fährt ein Auto von dem gleichen Ort los, in gleicher Richtung und auf der gleichen Strecke wie der Lieferwagen, mit einer konstanten Geschwindigkeit von 75 km/h. Um wieviel Uhr wird das Auto den Lieferwagen überholen?“

An sich unterscheidet sich die Aufgabe nicht sehr von denen, die auch Schülern in Deutschland gestellt werden. Aber den Kindern in Singapur wird nicht vorgeschrieben, dass sie einen bestimmten Lösungsweg gehen müssen. Die vier Jungen fangen fleißig an, auf ihre Zettel zu kritzeln. Sie schreiben sogar mit Markern auf die Tischplatte. Nur als ein elf Jahre alter Singapurer mit dem englischen Namen Gabriel seinen Taschenrechner benutzen will, interveniert die Lehrerin: „Das ist doch einfach, das kannst du im Kopf ausrechnen.“ Am Ende kommen alle zu dem richtigen Ergebnis. Das Auto hat den Vorsprung des Lieferwagens vier Stunden nach seiner Abfahrt aufgeholt. Die korrekte Antwort lautet deshalb „18 Uhr“.

Dreieinhalb Stunden verbringen die Kinder hier am Tag, und das eine ganze Ferienwoche lang. Alle vier Jungen sind gut in Mathe, aber einer wird von der Lehrerin als besonders großes Talent vorgestellt. Seinen Namen gibt er bekannt, indem er ihn von sich aus gesehen verkehrt herum auf den Tisch schreibt: „Zixuan“. Zweifellos handelt es sich bei Zixuan nicht um einen Durchschnittsjungen, der seine Zeit lieber mit Fußballspielen verbringen würde. Er nimmt unter anderem an „Mathe-Olympiaden“ teil, die mehrere Nachmittagsschulen gemeinsam veranstalten. Das mache ihm Spaß, sagt er. Aber er gibt zu, dass er unter Druck steht. Zuerst nennt er nicht die Eltern, sondern „peer pressure“, also den Anpassungsdruck unter Gleichaltrigen.

Das gibt es in Singapur also auch: Zehnjährige, die sich zu mathematischen Leistungen anstacheln. Und so führt der Leiter des Mathe-Zentrums, Teow Siang, die Erfolge der Singapurer Schüler auf „die asiatische Kultur“ zurück. Bildung und Erfolg sind für Ostasiaten die wichtigsten Lebensziele. Den gesellschaftlichen Druck beschreiben sie hier mit einem Wort aus dem chinesischen Hokkien-Dialekt: „Kiasu“. Das ist die Angst, zu kurz zu kommen und das Gefühl, deshalb immer der Erste sein zu müssen. Niemand auf der Welt arbeitet so viel wie die Singapurer. Auf einem Gebiet, das in seiner Gesamtfläche etwa der Größe Hamburgs entspricht, kämpfen 5,3 Millionen Menschen um Wohnraum, Kindergarten- und Studienplätze, um die besten Jobs und Karrieren.

Im konfuzianisch geprägten Singapur wird auch den Kindern viel abverlangt. Im Alltag bedeutet das für die Schüler, dass sie deutlich weniger Zeit mit Spielen verbringen als mit dem Lernen. Schon im Kindergartenalter fangen sie mit dem Rechnen und Lesen an. Zixuan sagt, dass seine Eltern „sehr enttäuscht“ wären, wenn er schlechte Noten mit nach Hause bringen würde. Bis spät abends brüten Kinder wie er über ihren Hausaufgaben. In ihrer Freizeit belegen sie zusätzlich noch Musik-, Sport- oder eben Mathekurse. „Klavierspielen, Schach“, gibt Zixuan als außerschulische Aktivitäten an. „Luftgewehrschießen“, wirft sein Nachbar Gabriel ein.

Das sind nicht nur Hobbys, sondern auch Wege, auf eine gute Schule zu kommen. Denn Schüler, die in bestimmten Disziplinen besondere Leistungen erbringen, werden von den Schulen auch ohne Tests aufgenommen. Und so werden eben auch sehr gute Schüler zur Nachhilfe geschickt. „Enrichment“ nennt Siang das, „Bereicherung“. Das klingt zweideutig, denn in Singapur werden mit außerschulischer Bildung Millionen verdient. Doch bei all dem Druck sieht der Leiter der Mathe-Arena auch einen Wandel. „Wir Singapurer werden langsam etwas entspannter. Chinesen und Inder sind noch mehr auf Konkurrenz gepolt“, sagt er. Auch seine Schule bemühe sich, nicht nur ein weiterer „Dampfkochtopf“ zu sein, wie er es nennt. Es gehe weniger um die Vermittlung von möglichst viel Wissen, sondern mehr um die Aneignung von Methoden zur Problemlösung.

Als die vier Nachmittagsschüler zur Pause aus dem Klassenzimmer stürmen, sitzt am anderen Ende des Flurs noch ein Junge nahezu regungslos vor einem kleinen Schreibtisch. Vor dem acht Jahre alten Rayson liegen diverse Denk- und Geschicklichkeitsspiele, darunter ein ganzer Stapel von Zauberwürfeln. Sein Lehrer lobt die Beschäftigung mit dem Spielzeug aus den achtziger Jahren. „Im Endeffekt geht es um die Fähigkeit, ein Puzzle zu lösen. Das lässt sich dann auch auf andere Aufgaben übertragen.“ Der Junge versucht gerade, aus einer Plastikschlange einen Ball zu formen. Es ist Lernen, das wie Spielen aussieht. Die Kinder werden in Singapur nicht nur wie Soldaten gedrillt. Tatsächlich bemühen sich die Schulen seit Jahren, das stupide Auswendiglernen durch moderne Methoden zu ersetzen. Da werden Mitschüler und Türen vermessen, um den Kindern ein Gefühl für Längenmaße zu geben. Aus Mathe-Problemen werden Denksportaufgaben.

Außerdem konzentrieren sie sich in Singapur auf wenige Fächer. „Der Stoff ist in Amerika oder Deutschland viel weiter gefasst. In den hiesigen Schulen wird enger und tiefer gegangen“, sagt Leiter Siang. Die Schulen legen auch mehr Wert auf Naturwissenschaften und Mathematik als auf andere Fächer. Der Hintergedanke lautet, dass es auf dem Arbeitsmarkt mehr Forscher und Ingenieure brauche als Linguisten und Historiker. Diese Denkweise entspricht ganz der Singapurer Tradition, Talente schon früh zu fördern und auf bestimmte Berufe vorzubereiten.

Der 14 Jahre alten Keiko ist gleichwohl schon länger klar, dass sie später wohl nicht Chemikerin werden will. Sie ist an diesem Tag die einzige Schülerin in der Mathe-Arena, die ursprünglich wegen schlechter Noten gekommen ist. Die haben sich mittlerweile zwar verbessert. „Aber meine Eltern schicken mich weiter hierher, damit ich meinen Schnitt aufbessere“, sagt sie. Das Mädchen sitzt allein mit seiner Lehrerin im Klassenraum. Es schaut sich ein Video über chemische Verbindungen an. Danach erklärt die Lehrerin die Grundlagen noch einmal mit einem Molekülmodell. Der Stadtstaat investiert sehr stark in seine Lehrkräfte. Sie werden sorgfältig ausgewählt, gut bezahlt und ständig fortgebildet. Streng geht es manchmal dennoch zu. So gehört Singapur zu den wenigen Ländern, die immer noch die Prügelstrafe an Schulen erlauben. Der Lernstress ist hoch, Depressionen unter Schülern nicht gerade selten.

Trotzdem führt die Kombination aus Druck, sanfteren Methoden und viel Unterricht hier offenbar zum Erfolg. Und auch in einem anderen Feld ist Singapur die Nummer eins: Nirgendwo sonst gibt es in der Altersstufe der Sieben- bis Neunjährigen so viele Kurzsichtige. Sie verbringen zu viel Zeit vor Bildschirmen und Büchern. Auch im Luftschutzbunker tragen die meisten Kinder Brillen mit dicken Gläsern.

Von Till Fähnders
Alle Rechte vorbehalten © Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt am Main
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte für F.A.Z.-Inhalte erwerben Sie auf www.faz-rechte.de