Öffnung statt Abschottung

BERLIN, 1. Februar
Im Zeitalter der „alternativen Fakten“ ist auch die Internationalität der Wissenschaft bedroht: durch den Brexit sowie durch den Protektionismus des amerikanischen Präsidenten Trump und dessen Einreiseverbot, dessen langfristige Wirkungen noch nicht absehbar sind. Dabei ist eine Selbstverständlichkeit, dass Forschung immer schon international war und im Zeitalter der Digitalisierung noch internationaler wird. Dieser Tage hat auch der Direktor des Hasso-Plattner-Instituts in Potsdam (HPI) auf die jetzt schon spürbaren Folgen des Einreiseverbots für Bürger sieben muslimischer Länder hingewiesen und die massive Gefährdung der seit Jahren gepflegten Zusammenarbeit mit der Stanford University beklagt. Eine Doktorandin des HPI, die einen einmonatigen Forschungsaufenthalt im Februar geplant hatte, wird der Einladung Stanfords trotz eines bereits erteilten Visums nun nicht folgen können.

Jürgen Mlynek, der Sprecher des Hightech-Fachforums „Internationalisierung“, das sich derzeit vor allem mit der Weiterentwicklung der Quantentechnologie befasst, verwies darauf, dass die Zusammenarbeit mit britischen wie auch Schweizer Forschern (nach der Volksabstimmung über die Einwanderungskontingente) zwar weitergehe, aber keine Wissenschaftler mehr aus diesen Ländern führende Koordinierungsfunktionen übernehmen könnten. Der Präsident der nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina, Jörg Hacker, verweist darauf, dass 40 Prozent der Mitglieder in den wissenschaftlichen Akademien nicht aus Deutschland kommen. Fast die Hälfte aller Publikationen aus Deutschland entsteht inzwischen in internationaler Zusammenarbeit.

Konkrete Folgen hat der neue amerikanische Protektionismus auch für die Kooperationsverträge, in denen es etwa um Patente geht. Deutschland werde darauf achten, nicht alle Rechte zu verlieren, wenn die Zusammenarbeit mittelfristig nicht mehr möglich sei, sagte Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) am Mittwoch in Berlin. Sie verwies auch darauf, dass die englische Premierministerin Theresa May bekräftigt habe, dass eine internationale Wissenschaft für sie unabdingbar sei. Einzelheiten ließen sich jedoch erst sagen, wenn der Vertrag mit der EU vorliege. Jedenfalls sei Großbritannien sowohl bei der beruflichen Bildung als auch in der Wissenschaft der wichtigste Partner Deutschlands. Erst dann wird Klarheit darüber bestehen, wie es mit dem Erasmus-Programm zum europäischen Austausch von Studenten weitergeht. In den vergangenen dreißig Jahren haben eine Million junge Europäer eines oder mehr Semester in einem anderen europäischen Land verbracht. In Großbritannien waren sie von Studiengebühren befreit. Sollte sich das ändern, wird sich das Austauschprogramm in der gegenwärtigen Form nicht mehr aufrechterhalten lassen. Anwerbestrategien für Forscher aus diesen Ländern hält Wanka gegenwärtig für „kontraproduktiv“, doch die „Tore sind offen“, sagte sie, verweist aber auch darauf, dass dann entsprechend gute Angebote gemacht werden müssten.

Öffnung statt Abschottung, Kooperation statt Eigenbrötlertum sind deshalb die Leitmotive für eine Internationalisierungsstrategie, die das Bundeskabinett am Mittwoch verabschiedete. Die öffentlichen Bildungsausgaben in Deutschland sind von 2008 bis 2015 um ein Drittel auf fast 124 Milliarden Euro gestiegen. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) wird allein in diesem Jahr die Zusammenarbeit mit Schwellen- und Entwicklungsländern mit 41 Millionen Euro für den Aufbau von Forschungs- und Bildungskapazitäten in Subsahara-Afrika fördern. Von Mitte 2017 an werden fünf Millionen Euro im Jahr in die internationale Berufsbildungskooperation mit Industrie- und Schwellenländern durch öffentlich-private Partnerschaften fließen.

Konkret werden deutsche Bildungsanbieter, die sich in der beruflichen Bildung bewährt haben, nach Griechenland oder Spanien gehen, um dort mit dem Zielland zusammenzuarbeiten. Solche Kooperationen gibt es schon mit Griechenland im Tourismus und Einzelhandel, aber auch mit anderen südeuropäischen Staaten. Deutschland will dadurch helfen, die enorm hohe Jugendarbeitslosigkeit etwa in Griechenland (46 Prozent) und Spanien (44 Prozent) zu senken. In der Forschungs- und Wissenschaftskooperation liegt ein Schwerpunkt in China. Seit dem Jahr 2002 haben sich die Finanzmittel des BMBF auf etwa 20 Millionen Euro im Jahr verdreifacht. China gab im Jahr 2013 rund 336 Milliarden Dollar für Forschung und Entwicklung aus, in Deutschland waren es 101 Milliarden.

Von Heike Schmoll

 

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