Streit über Gastarbeiter im Silicon Valley

Rund eine halbe Million studierte Fachkräfte aus dem Ausland dürfen in Amerika arbeiten.

Doch ihr Visum H 1B ist in Verruf gekommen. Nicht nur bei Donald Trump.

Im Visier stehen die sogenannten H 1B-Visa, die qualifizierten Ausländern temporäre Arbeit in den Vereinigten Staaten erlauben. Jedes Jahr werden aus den Bewerbungen 65 000 Kandidaten ausgewählt, dazu kommen noch 20 000 in Amerika studierende Ausländer, die in den Genuss des Visums kommen. Antragsteller sind die Unternehmen, von denen die Ausländer eingestellt werden. Die Fachkräfte können für drei Jahre bleiben und noch einmal um drei Jahre verlängern.

Der Zweck des Gastarbeiterprogramms war und ist es, eine Lücke an qualifizierten Fachkräften zu schließen. Die Gastarbeiter sollten aber auf keinen Fall die Löhne drücken. In den neunziger Jahren war das Visumprogramm ohne Fanfare und weiteres Aufhebens eingeführt worden. Das war die Zeit, da in den Industrienationen Schreckensszenarien kursierten, denen zufolge die gesamte Wirtschaft zusammenbrechen würde, weil Programmierer fehlten, welche die Zeitumstellung in das neue Jahrtausend programmieren konnten. Die Umstellung gelang dann ohne Reibungsverluste. Die Programmierer aber blieben, wie auch das Visumprogramm.

Vor allem Software-Spezialisten und Ingenieure wurden ins Land gelassen, zwischen 450 000 und 600 000 sind aktuell in den Vereinigten Staaten, schätzt der Immigrationsexperte Ronil Hira. Die meisten kamen aus Indien und China. Voraussetzung war mindestens ein Bachelor-Abschluss, außer bei einer Untergruppe, den Mode-Models. Sie mussten eine gewisse Prominenz vorweisen. Es gibt die von der Trump-Familie unbestätigte Vermutung, dass die Frau des Präsidenten, Melania Trump über ein H 1B-Visum in die Vereinigten Staaten kam.

Nun lässt Melanias Ehemann in seiner Eigenschaft als Präsident der Vereinigten Staaten die Visums-Kategorie auf Missbrauch durchleuchten. Der neue Ton ist schon in den Verlautbarungen der Immigrationsbehörde erkennbar. Häufig seien qualifizierte Amerikaner bei der Rekrutierung ignoriert oder benachteiligt worden. Die Beamten würden deshalb vor allem Arbeitgeber überprüfen, die einen hohen Anteil an qualifizierten Gastarbeitern haben. Die neue Politik hat das Silicon Valley aufgescheucht und Personalchefs veranlasst, beruhigende Mails an die Mitarbeiter zu schicken.
Zur Unruhe trägt bei, dass Immigrationsgegner Jeff Sessions nun als Justizminister mit der Exekution des Immigrationsrechts betraut ist. Sessions hatte in der Vergangenheit Microsoft aufs Korn genommen. Das Unternehmen habe sich von knapp einem Fünftel seiner Arbeitnehmer getrennt und verlange mehr als jedes andere Unternehmen qualifizierte Gastarbeiter, weil es in den Vereinigten Staaten scheinbar einen Mangel an qualifizierten Kräften gebe. Tatsächlich haben Silicon-Valley-Konzerne um Mark Zuckerberg, Eric Schmidt und Bill Gates Millionen für Lobbyarbeit zugunsten der Ausweitung der Gastarbeiterprogramme und der Liberalisierung der Immigration ausgegeben. Das ist aus ihrer Sicht dringend geboten: Denn inzwischen gibt es einen über Parteigrenzen hinwegreichenden Konsens, dass die H 1B-Visa amerikanischen Arbeitnehmern schaden. Trump denkt das, Linksaußen Bernie Sanders ohnehin, aber auch der indischstämmige Kongressabgeordnete aus dem Silicon Valley, Ro Khanna.

Ronil Hira, indischstämmiger Politikprofessor an der Howard-Universität, findet, es werde langsam Zeit, dass sich die Politik des Problems annehme. Er lobt Trump ausdrücklich. Für Hira, der ein Buch über Outsourcing verfasst hat, ist die Angelegenheit eindeutig. Amerikanische Unternehmen nutzen das Visumprogramm, um ausländische Spezialisten zu rekrutieren, weil sie billiger seien als die heimische Konkurrenz. Es sei ein großer Mythos, dass die Unternehmen zuvor den Arbeitsmarkt nach geeigneten Amerikanern durchleuchteten. Sie entließen Amerikaner, die vor ihrem Ausscheiden gelegentlich sogar die Ausländer anlernen müssten, wenn sie eine Abfindung haben wollten.
Ein vom Arbeitsministerium untersuchter Fall hat die Gemüter besonders bewegt: Ein Elektrizitätswerk in Kalifornien entließ 300 Mitarbeiter und vergab die Arbeit an Gastarbeiter, die von den ausscheidenden Amerikanern eingearbeitet werden mussten. Das Arbeitsministerium fand, dass die neuen Arbeiter 40 Prozent weniger verdienten und offenkundig keinen Mangel an qualifizierten Kräften ausglichen. Trotzdem wurde die Praxis für legal erklärt. Hira nennt ähnliche Fälle bei Disney, Toys’R’us und zahlreichen weiteren Unternehmen. Und das sei nur die Spitze des Eisbergs.
Eine jüngere Studie des Arbeitsmarktökonomen John Bound zeigt, dass die H1B-Visa der Volkswirtschaft als Ganzes nützen, zugleich Löhne drücken und Einheimische verdrängen.
Hira schlägt als Lösung vor, dass die Firmen nachweisen müssen, geeignete Amerikaner gesucht zu haben. Sie dürfen niemanden entlassen für den Gastarbeiter, und sie müssen den gleichen Lohn zahlen. Der Harvard-Ökonom George Borjas regt an, Mark Zuckerberg und Bill Gates, die Cheflobbyisten für qualifizierte Einwanderung, sollten für die gewünschten Visa schlicht ein paar tausend Dollar zahlen. Mit dem Geld könnte man amerikanische Fachkräfte trainieren.

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