Völkerverständigung unter Trump

Er will andere Prioritäten setzen.

Sollte Donald Trump sein Wahlversprechen halten, könnten es deutsche Austauschschüler in Zukunft deutlich schwerer haben.

Am Telefon klingt Marco Maier verunsichert. Er hat die amerikanischen Präsidentenwahlen als Austauschschüler in Rochester im Bundesstaat New York hautnah miterlebt. Als Donald Trump zum Sieger erklärt wurde, hatten seine Freunde aus der Heimat gleich alarmiert angerufen und gefragt, ob er nun vielleicht frühzeitig nach Deutschland zurückkommen müsse. „Und das war nicht einfach nur ein Scherz. Schließlich bin ich mir ja auch nicht ganz so sicher, was Trumps Sieg für mich oder künftige Austauschschüler bedeuten könnte“, erzählt der 16 Jahre alte Schüler aus Grabenstätt in Bayern. Als Teilnehmer am Parlamentarischen Patenschaftsprogramm des Deutschen Bundestags und des amerikanischen Kongresses verfolgt er die politische Situation mit großem Interesse – und zunehmend mit Sorge.

Wie viele andere fragt sich Marco, welchen Wahlkampfversprechen des gewählten Präsidenten Trump nun auch tatsächlich Pläne folgen sollen. Denn davon hängt auch die Zukunft der deutsch-amerikanischen Kulturpolitik ab.

Hintergrund ist Trumps Ankündigung von August, das sogenannte J-1-Visumsprogramm für ausländische Schüler und Studenten als Präsident komplett abzuschaffen. Auf genau diese Visumskategorie sind aber die Teilnehmer des Parlamentarischen Patenschaftsprogramms und anderer Austauschprogramme angewiesen. Nur das J-1-Visum garantiert die nötigen Rahmenbedingungen, zum Beispiel dass die Gastfamilie für einen Schüler geeignet ist.
Austauschaufenthalte könnten schon schwieriger werden, wenn es nur zu Einschränkungen des Visumsprogramms kommt. Aktuell garantiert es zum Beispiel den Erlass von Schulgebühren an amerikanischen Schulen, wie Susanne Kordasch der Austauschorganisation „Youth for Understanding“ erklärt. Fiele diese indirekte finanzielle Unterstützung weg, würden die Aufenthalte noch teurer, nachdem schon in den vergangenen Jahren die Kosten gestiegen waren. Als Grund für sein Versprechen hatte der Wahlkämpfer Trump angegeben, stattdessen Jugendlichen aus amerikanischen Städten mehr Chancen eröffnen zu wollen. Außer im Falle von Praktika bei amerikanischen Arbeitgebern blieb der damalige Präsidentschaftskandidat jedoch eine Erklärung schuldig, inwieweit sich die Visavergabe an ausländische Schüler nachteilig auf Jugendliche im eigenen Land auswirken würde. „Wir sind ja keine bösen Leute, die nach Amerika kommen, um irgendjemandem etwas wegzunehmen“, sagt Marco besorgt.

Vielleicht fällt die Politik des Präsidenten letztlich moderater aus, als die Rhetorik des Wahlkämpfers vermuten ließ – doch ist man sich in Berlin da nicht so sicher. „Ich mache mir schon Sorgen über die Zukunft der Austauschprogramme. Das transatlantische Verhältnis wird mit dem künftigen Präsidenten Trump sicherlich schwieriger werden“, sagt die Vorsitzende der deutsch-amerikanischen Parlamentariergruppe im Bundestag, Dagmar Freitag (SPD). Sie weist auf mögliche Diskriminierung von muslimischen Austauschschülern aus Deutschland hin: „Sollte es tatsächlich zu US-Einreiseverboten oder -einschränkungen auf Grundlage des religiösen Hintergrunds kommen, hätten wir ein großes Problem.“

In Rochester denkt Marco insbesondere an die Zukunft seines eigenen Programms. Seit 1983 ermöglicht das Patenschaftsprogramm jährlich insgesamt rund 700 Jugendlichen aus Deutschland und den Vereinigten Staaten, durch ein Vollstipendium ein Auslandsjahr im jeweils anderen Land zu verbringen. Bundestags- und Kongressabgeordnete werden selbst zu politischen Paten der Teilnehmer. Doch trotz seines besonderen Anspruchs stand das Patenschaftsprogramm gerade erst vor eineinhalb Jahren vor drastischen Einschnitten. Die Regierung Obamas hatte ihren Budgetbeitrag für das gesamte Programm im Januar 2015 um die Hälfte gekürzt. Die freiwerdenden finanziellen Mittel sollten dem Austausch mit aktuell strategisch wichtigen Regionen zukommen.

In Washington hatte man aber die Entschlossenheit der deutschen Seite unterschätzt. Parteiübergreifend flogen deutsche Abgeordnete, um sich für den vollständigen Erhalt des Programms einzusetzen, über den Atlantik. Gerade Marcos Austauschorganisation, der American Field Service, war in der Kampagne sehr aktiv. Sogar die deutsche Bundeskanzlerin sprach das Problem bei einem Treffen mit Präsident Obama an. Mitte 2015 wurde so der Erhalt des Programms gesichert.

Gerade erst gerettet, könnte dem Patenschaftsprogramm nun neue Gefahr drohen. Deshalb werden die Kontakte zum Kongress, der die Macht des amerikanischen Präsidenten kontrollieren soll, bedeutend wichtiger. Freitag ist entschlossen, den Rückhalt für Austauschprogramme so zu sichern. Für Marco wären schon Einschränkungen der Programme vollkommen unverständlich: „Es geht doch relativ gesehen um so kleine Summen – aber es doch ein so wichtiges Programm.“ Grund zur Hoffnung könnten die anderen Wahlergebnisse des 8. November geben: Zumindest die wichtigen Unterstützer des Patenschaftsprogramms im Kongress wurden wiedergewählt.

Von Jonathan Hackenbroich

 

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