Alle suchen nach Dieter Zetsche

Wer unten auf der Liste steht, muss sich nicht grämen.

Google hat für diese Zeitung ausgewertet, nach welchen Dax-Vorstandsvorsitzenden in diesem Jahr am häufigsten im Internet gesucht wurde.

Kno. FRANKFURT, 14. Dezember. Der deutsche Manager eines Dax-Konzerns, dessen Name in diesem Jahr am häufigsten mit der Hilfe der Suchmaschine von Google im Internet gesucht wurde, heißt Dieter Zetsche. Für diese Zeitung hat Google im Vorgriff auf die Veröffentlichung seiner „Google Trends“-Auswertungen exklusiv nachgesehen, welche der vermeintlichen oder tatsächlichen deutschen Wirtschaftsgrößen 2016 das größte (Such-)Interesse auf sich gezogen haben. Und Zetsche liegt nun vor dem Spitzenreiter des vergangenen Jahres, dem von Skandalen heimgesuchten und in der Kommunikation nicht immer geschickten Matthias Müller von Volkswagen, und dem Vorstandsvorsitzenden von Siemens, Joe Kaeser, der auf dem dritten Platz zu finden ist.

Wer aber glaubt, die besondere Aufmerksamkeit, die Zetsche in diesem Jahr zuteilgeworden ist, habe allein oder auch nur vor allem mit dem durchaus vorhandenen Absatzerfolg seiner Automodelle zu tun, dürfte irren. Die Erklärungen klingen anders: Der Vorstandsvorsitzende von Daimler auf dem Parteitag der Grünen? So etwas hätte es früher nicht gegeben – mit Dieter Zetsche aber schon. Natürlich war damit einiger Streit verbunden, Gegenstimmen, Zwischenrufe. Aber an der Tatsache änderte sich nichts: Auf Antrag des Bundesvorstands der Grünen sprach Zetsche an einem Sonntag im Herbst in der Halle Münsterland, und die Aufmerksamkeit auch vieler Menschen außerhalb des Saals in Münster war ihm gewiss.

Mit anderen Themen weiß Zetsche ebenfalls zu punkten, jedenfalls wenn es um reine Aufmerksamkeitswerte geht. Ob Elektromobilität, Abgasregulierung, Flüchtlingspolitik – Zetsche lässt im Zweifel von sich hören. Zudem macht er mit seiner Garderobe von sich reden. Seit einiger Zeit lässt Zetsche Anzug und Krawatte immer häufiger im Schrank und ersetzt die Manager-Uniform durch Sneaker und Jeans. Das soll so etwas wie einen Kulturwandel bei Daimler symbolisieren, auch wenn man das Wort nach den entsprechenden Erfahrungen der Deutschen Bank nicht überstrapazieren sollte.

Und dann gibt es natürlich noch den Zetsche für die Gesellschaftsspalten: Denn der Daimler-Chef ist obendrein im Liebesglück. In diesem Jahr hat Zetsche zum zweiten Mal „Ja“ gesagt und nach nur anderthalb Jahren Beziehung seine Lebensgefährtin Anne geheiratet. Wie die „Bunte“ berichtete, wussten nur engste Freunde und die Familien der beiden von dem Termin. Zunächst gab es nach Informationen des Blattes eine standesamtliche Trauung, danach wurde in der kleinen evangelischen Christuskirche geheiratet. Anne und Dieter Zetsche lernten sich 2015 kennen, im April 2016 zeigte er sie zum ersten Mal der Öffentlichkeit. Nur ein halbes Jahr später folgte das Jawort. Von welchem Manager in Deutschland möchte die Öffentlichkeit so etwas überhaupt wissen? Wenn, dann von Dieter Zetsche.

Reinhard Ploss, den Vorstandsvorsitzenden des Halbleiterunternehmens Infineon zum Beispiel, oder Rice Powell, den Vorstandsvorsitzenden des Dialysespezialisten Fresenius Medical Care, kennt hierzulande kaum jemand – und auch nur wenige wollen wissen, wer sich hinter diesen Namen verbirgt. Ploss und Powell jedenfalls finden sich auf der Google-Liste auf den letzten Plätzen wieder. Und Bernd Scheifele, dem Vorstandsvorsitzenden von Heidelberg-Cement geht es nicht viel besser.

Nun ist das angesichts der Bekanntheit der jeweiligen Unternehmen, für die diese Manager arbeiten, keine große Überraschung. Aber wer hätte gedacht, dass der Vorstandsvorsitzende von Bayer trotz der unglaublich teuren und sehr umstrittenen Übernahme des amerikanischen Saatgutherstellers Monsanto nicht der absolute Topaufsteiger unter den Manager-Suchanfragen ist? Hier hat es nämlich Hans van Bylen, der neue Vorstandsvorsitzende von Henkel, nach oben geschafft, auch wenn das Interesse an ihm insgesamt geringer ist als an Bayer-Chef Werner Baumann. Doch Baumann rangiert auch beim Blick auf alle Suchanfragen insgesamt lediglich auf dem zwölften Platz und damit knapp im oberen Mittelfeld.

Das ist erstaunlich, denn Baumann macht gerade die größte Übernahme perfekt, die ein deutsches Unternehmen jemals durchgezogen hat – und das nur wenige Tage nach seinem Amtsantritt. Knapp 66 Milliarden Dollar legt Bayer für den umstrittenen Saatgut- und Agrarchemiekonzern auf den Tisch. Das hat das Interesse der Öffentlichkeit durchaus geweckt, aber ein wahrer Sturm der Entrüstung über das Geschäft sieht anders aus, was man in Leverkusen mit Wohlwollen registriert hat. Dabei hat Monsanto einen höchst zweifelhaften Ruf, und auch viele Bayer-Aktionäre sind oder waren nicht begeistert. Aber was ist das schon gegen den Tausendsassa Zetsche oder die Skandalnudel Volkswagen mit Matthias Müller an der Spitze.

Und wer jetzt doch noch wissen will, wer Reinhard Ploss ist, dem seien die wichtigsten Daten genannt: Ploss ist schon seit dem 1. Oktober 2012 Vorstandsvorsitzender der Infineon AG. Er studierte Verfahrenstechnik an der TU München und schloss mit einer Promotion ab. Der Titel der Doktorarbeit lautete „Modell zur Kontaktkeimbildung durch Rührer-Kristall-Kollisionen in Leitrohrkristallisatoren“. Sein Leben lang war und ist er bei Siemens oder der Abspaltung Infineon tätig. Wer den Aktienkurs des Unternehmens verfolgt, wird Ploss für einen guten Mann halten – und feststellen, dass große öffentliche Aufmerksamkeit rein gar nichts mit geschäftlichem Erfolg zu tun hat. Insofern darf sich auch Carsten Spohr, der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Lufthansa, freuen. Das Interesse an ihm ist zwar immer noch überdurchschnittlich groß, ist aber in diesem Jahr so stark erlahmt wie bei keinem anderen Vorstandsvorsitzenden im Dax. Kein Wunder: Es gab zwar keine Ruhe an der Streikfront, aber keinen spektakulären Flugzeugabsturz. Auch er wird sich denken, dass das ruhig so bleiben und in Sachen Streiks auch noch besser werden darf.

Übrigens: Unter der Internetadresse „google.de/trends“ ist es jedermann und jederzeit möglich, zu analysieren, was zu einem bestimmten Zeitpunkt das meiste Interesse auf sich zieht.

 

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