Azubis für die Dax-Vorstände

Die Bildungskarrieren deutscher Konzernchefs sind überraschend gleichförmig - Fachleute finden das gar nicht gut.

Er ist eine absolute Ausnahmeerscheinung: Johannes Dietsch sitzt seit Herbst 2014 beim Chemie- und Pharmakonzern Bayer fürs Ressort Finanzen im Vorstand. Eine Ausnahmeerscheinung ist er, weil er das ohne ein Hochschulstudium geschafft hat: Er ist gelernter Industriekaufmann – und ein echtes Bayer-Eigengewächs: Auf satte 33 Jahre im Unternehmen bringt er es; die Lehrzeit eingerechnet, wären es sogar noch mehr. Solche Aufsteiger-Biographien sind selten. „Dass sich jemand ohne akademische Bildung bis in den Vorstand eines Dax-Konzerns hocharbeitet, ist ein Phänomen, das über die Jahre immer weiter abgenommen hat“, sagt Marko Reimer, der an der Wirtschaftshochschule WHU über Top-Management-Teams forscht.

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Eine Analyse der Bildungsbiographien von Dax-Vorständen, die die Unternehmensberatung Oliver Wyman gemacht hat und die dieser Zeitung exklusiv vorliegt, bestätigt das: 97 Prozent der Dax-Vorstände (Stand: Dezember 2016) haben studiert, nur 3 Prozent eine Ausbildung gemacht. Die Aufsteiger-Geschichten dieser wenigen lesen sich unterhaltsam: Da ist etwa Jan-Dirk Auris, Henkel-Vorstand für die Klebstoffsparte, der einst als Azubi die Kunden mit dem Moped besuchte, um sie zur Zufriedenheit mit dem gekauften Kleber zu befragen. Oder Uwe Tigges, der eigentlich mittlerweile gar nicht mehr als Dax-Vorstand zählt, weil er sich im Zuge der Aufspaltung des Energiekonzerns RWE zur Tochtergesellschaft Innogy verabschiedet hat. Sein bunter Lebenslauf: Fernmeldemonteur – Betriebsrat und Gewerkschafter – Personalvorstand. Bis zum Jahreswechsel zählte auch der damalige Lufthansa-Vorstand Karl Ulrich Garnadt zu den Aufsteiger-Eigenwächsen: Er lernte einst Luftverkehrskaufmann. Mittlerweile ist er im Ruhestand.

„Die Chancen, ohne Hochschulstudium so weit zu kommen, waren zwar schon immer klein, werden aber noch geringer“, sagt Reimer. „Das Studium gilt mehr und mehr als Signal für die Fähigkeit, konzeptionell und analytisch zu denken, gerade in Zeiten des digitalen Wandels.“ Akademiker beherrschten oft auch eine andere Rhetorik, die in Dax-Vorständen heutzutage zum Standard gehöre. Gleichzeitig besuchen immer mehr Menschen in Deutschland eine Hochschule. „Damit ist der Pool an Akademikern, aus dem Unternehmen schöpfen können, viel größer geworden als früher“, sagt Reimer. Die Chance, unter den eigenen Azubis den goldenen Griff für den Vorstand von morgen zu landen, sei entsprechend gesunken. Klar sei aber, dass mit den Aufsteigern „etwas verlorengeht“: Menschen, die das Unternehmen von der Pike auf kennengelernt haben, die ein Netzwerk über verschiedene Bereiche und Hierarchiestufen haben. Und Leute, die den deutschen Vorstandsgremien etwas mehr Vielfalt einhauchen. „Dass die Vorstände bunter werden, ist eigentlich dringend nötig“, findet auch Oliver-Wyman-Deutschland-Chefin Finja Kütz mit Blick auf ihre Studie. „Menschen mit dem gleichen Bildungshintergrund stellen die gleichen Fragen und managen Probleme ähnlich. Das kostet Kreativität.“ Denn die Homogenität beschränkt sich nicht nur aufs Thema Aufstieg. Auch sonst sind die Bildungshintergründe ähnlich: 42 Prozent haben Wirtschaft studiert; nur in der Autobranche sind die Vorstände mehrheitlich Ingenieure. Naturwissenschaftler und Juristen sind mit 16 und 12 Prozent auch noch recht häufig vertreten. Der Anteil an Geistes-, Sprach- und Sozialwissenschaftlern liegt dagegen nur bei fünf Prozent. Zwei Drittel der Vorstände haben mindestens einen Studienabschnitt in Deutschland verbracht; ihre beliebtesten Unis sind die RWTH Aachen, die LMU München, die Uni Köln und die Uni Mannheim. Mehr als die Hälfte hat einen Master oder ein Diplom, ein Drittel den Doktortitel. Eines aber haben die ehemaligen Lehrlinge in den Vorständen mit einem Viertel ihrer Kollegen gemein: Sie haben ihr Unternehmen nie gewechselt.

Von den echten Urgesteinen ohne Studium in den Konzernen wird in absehbarer Zeit indes mit Jan-Dirk Auris nur ein Einziger übrig bleiben: Nach den Abgängen von Tigges und Garnadt hat auch Johannes Dietsch angekündigt, den Bayer-Vorstand 2018 zu verlassen.

NADINE BÖS

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