Britische Unternehmen sollen Gehaltsspannen offenlegen

Regierung plant neue Verhaltensregeln für mehr Fairness

LONDON, 29. November. Die britische Premierministerin Theresa May ist im Sommer mit einem großen Versprechen angetreten: Sie wolle eine „Volkswirtschaft, von der alle profitieren und nicht nur wenige Privilegierte“, kündigte die Regierungschefin an. Für May ist dies eine Lehre aus dem Brexit-Referendum, sagte May, das sie auch als Denkzettel für die wirtschaftlichen und politischen Eliten des Landes versteht.
Jetzt präsentiert die Regierung in London in einem Positionspapier erstmals konkrete Vorschläge: Wirtschaftsminister Greg Clark will unter anderem Gehaltsexzesse und verantwortungsloses Verhalten in den Führungsetagen von Großkonzernen bekämpfen. Die Regierung zielt dabei nicht nur auf Börsenkonzerne, sondern auch auf große Unternehmen in Privatbesitz. Auch deren Mitarbeiter, Kunden und Betriebsrentenempfänger sollten „besser geschützt“ werden, heißt es in dem Papier.

In einem anderen Punkt rudert die Regierung dagegen zurück: Die Premierministerin May hat angekündigt, Arbeitnehmer sollten eine Stimme in den Verwaltungsräten großer Unternehmen bekommen. Das klang so, als würden sich die Briten die deutsche Arbeitnehmermitbestimmung in den Unternehmen zum Vorbild nehmen, was in der Wirtschaft auf der Insel für wenig Begeisterung sorgte. Doch der Wirtschaftsminister stellte nun klar: Einfache Angestellte sollen in britischen Verwaltungsräten auch in Zukunft nicht mit am Tisch sitzen, sagte Clark. Vielmehr sollen die Ansichten der Belegschaft von anderen Mitgliedern des Verwaltungsrats repräsentiert werden.

Einen neuen Anlauf nimmt die Regierung bei den Bemühungen, die Inflation der Gehälter in den britischen Chefetagen zu bremsen. „Die Einkommen von Führungskräften sind in den vergangenen zwei Jahrzehnten viel schneller gestiegen als das allgemeine Gehaltsniveau“, bemängelte Clark. Erwogen wird nun unter anderem, Börsenunternehmen dazu zu verpflichten, die Relation des Einkommens des Vorstandschefs zum Durchschnittsgehalt des Unternehmens zu veröffentlichen.

Der Wirtschaftsminister wärmt damit eine Idee aus früheren Jahren wieder auf. Sie war damals jedoch als unpraktikabel verworfen worden, weil Unternehmen aus verschiedenen Branchen kaum verglichen werden könnten. Die Regierung prüft außerdem, den Aktionären von Börsenkonzernen ein Vetorecht gegen das Gehalt des Vorstandschefs zu geben. Auch darüber wird in Großbritannien seit Jahren gerungen. Die neuen Vorschläge des Wirtschaftsministeriums klingen freilich vage.

Die Regierung will außerdem, dass sich in Zukunft auch große Privatunternehmen an den britischen Verhaltenskodex für eine gute Corporate Governance halten. Sie reagiert damit auf den Skandal um die Pleite der privaten Einzelhandelskette BHS, der in Großbritannien Schlagzeilen gemacht hat. Allerdings ist der Governance-Kodex unverbindlich, und Untersuchungen zeigen, dass auch viele börsennotierte Gesellschaften dem Regelwerk nicht gerecht werden.

theu.

 

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