Der Preis des Stresses

Verspätungen und Zeitdruck auf Dienstreisen verursachen Fachleuten zufolge versteckte Kosten in Millionenhöhe

von Timo Kotowski

Am Anfang ging alles schief. Die Reise war nahezu sinnlos geworden. Der Flug über den Atlantik startete viel zu spät. Das Anschlussflugzeug in New York abgehoben, als das Flugzeug aus Europa landete. In Minneapolis, wohin Stefan Fallert und seine Begleiter wollten, kamen sie mit mehr als acht Stunden Verspätung an. Die Konferenz, die sie besuchen wollten, hatte längst begonnen. Wichtige Gespräche hatten sie verpasst. Und auf ihre Koffer warteten sie am Förderband des Flughafens von Minneapolis vergebens. Das Gepäck kam mit einem späteren Flug hinterhergereist. „Es wurde für uns eine stressige und rückblickend unproduktive Reise“, erinnert er sich.

Doch in diesem Fall hatten Verspätungschaos und Gepäckdesaster offenbar den Richtigen getroffen. Fallert verkauft beruflich Geschäftsreisen. Er ist Geschäftsführer für Reiserichtlinien in der CWT Solutions Group, einer Tochtergesellschaft des Geschäftsreisedienstleisters Carlson Wagonlit Travel (CWT). Zwischen Frankfurt und Minneapolis bekam er zu spüren, worunter auch seine Kunden auf Reisen leiden, worüber sie sich zuweilen beklagen. Einer Studie des Deutschen Reiseverbands (DRV) zufolge spüren 29 Prozent der Beschäftigten auf dienstlicher Tour einen hohen oder sehr hohen Stresslevel. Mehr als 60 Prozent gaben an, regelmäßig Zeit zu verlieren, nicht nur durch Verspätungen, sondern auch, weil beispielsweise das Hotel am Zielort weit vom Konferenzzentrum oder vom Sitz des Geschäftspartners entfernt liegt. Im Sommer 2012 traf es Fallert und Kollegen hart, doch aus ihrer zunächst ineffektiven Tour in die Zentrale des CWT-Mutterkonzerns entstand doch noch etwas Fruchtbares.

Denn während Fallert und seine Kollegen unterwegs viel Zeit mit Warten zubrachten, reifte bei ihnen die Idee, Ursachen und Folgen des Reisestresses systematisch zu ermitteln. „Stress verringert das Wohlbefinden und die Produktivität„, sagt Fallert. Über Monate wertete sein Team 15 Millionen Datensätze zu durchgeführten Fahrten aus und befragte 7300 Reisende aus neun Konzernen. Die Fachleute sammelten Informationen zu Flügen, Hotelaufenthalten und Angaben dazu, wann ein Reiseabschnitt nicht wie geplant verlief. Ergebnis war der Reisestressindex – ein Maß für die Belastungen von Mitarbeitern unterwegs und für die Effizienz von Reisen. Der Wert ergibt sich aus dem Verhältnis von verlorener und somit unproduktiver Zeit zur Gesamtreisedauer.

Und Zeitfresser gibt es unterwegs jede Menge. Für eine Reise identifizierten sie im Durchschnitt 6,9 verlorene Stunden. Dabei führten die Rangliste der Ärgernisse auf dienstlichen Touren, die sich zu Zeitfressern auswachsen, verlorene und zu spät ankommende Koffer an. Danach folgten fehlende oder schlechte Internetverbindungen und Flugverspätungen. Auch der Zwang, sich auf Langstreckenflügen in die engeren Sitzreihen der Economy-Class zu zwängen, statt in der bequemeren Business Class zu sitzen, entpuppte sich als gewichtiger Stressfaktor. Dagegen wurden Fahrten mit dem Taxi oder Mietwagen und Plätze in der Economy Class auf Kurzstreckenflügen als vergleichsweise wenig belastend wahrgenommen. Auf insgesamt 33 Stressquellen kamen die Geschäftsreisefachleute.

Zeitsparend und reibungslos – so wünschen sich Unternehmen und Beschäftigte die Dienstreisen. In der DRV-Studie gaben 89 Prozent der befragten Geschäftsführer und Fachkräfte an, dass es für sie im Mittelpunkt stehe, stets die schnellste Verbindung zu bekommen. Gleichzeitig antworteten acht von zehn Befragten, dass eine hohe Produktivität auf der Reise wichtig sei. Wie oft diese Ziele Wunschvorstellungen bleiben, belegen die Stressklagen.

Einerseits sind Dienstreisen oft unerlässlich für den wirtschaftlichen Erfolg. Die Zahl der Fahrten steigt. Für 2011 zählte der Geschäftsreiseverband VDR fast 164 Millionen Reisen – 6 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Die Ausgaben für die dienstlichen Reisen stiegen um 3 Prozent auf 44,8 Milliarden Euro. Doch dabei lassen es offenbar viele Unternehmen schlicht zu, dass Unwägbarkeiten des Alltags die Produktivität ihrer Mitarbeiter beeinträchtigen und verdeckte Kosten auftürmen. Dabei geht es nicht bloß um Cent-Beträge. Fallert und sein Team errechneten durchschnittliche versteckte Stresskosten von 662 Dollar je Reise. „Das sind fast 80 Prozent des durchschnittlichen Preises für das Flugticket“, sagt er. In einem Unternehmen, dessen Mitarbeiter Jahr für Jahr zu 5000 Reisen aufbrechen, summiere sich diese versteckte Belastung auf 3,3 Millionen Dollar im Jahr.

Aus Sicht von Fallert gibt es einen klassischen Denkfehler in der Geschäftsreiseplanung: „Viele Unternehmen konzentrieren sich bei der Gestaltung ihres Reiseprogramms auf die messbaren Kosten der offensichtlichen Kernreiseleistungen wie Flug und Hotel, während der Stress der Reisenden nicht in die Betrachtung der Gesamtreisekosten einfließt.“ Wenn ein Unternehmen beispielsweise mit dem Ziel, Kosten zu senken, seine Mitarbeiter anhält, günstigere Umsteigeverbindungen auf Flugreisen zu nutzen oder preiswertere Hotels am Stadtrand zu wählen, entstehen parallel zu sinkenden Ticketpreisen verdeckte Kosten. Muss der Mitarbeiter zeitraubende Umwege in Kauf nehmen, verpasst Anschlüsse oder kommt ohne Gepäck am Ziel an, verliert er Zeit und empfindet Stress, der die Leistungsfähigkeit beeinträchtigt.

Ganz ohne Beeinträchtigungen geht es allerdings nicht. Wer reist, muss Stress hinnehmen. Das räumt auch Fallert ein. Für die durchschnittliche Tour ermittelte sein Team einen Stressindexwert von 38,5 Punkten, die am besten verlaufene unter allen ausgewerteten Touren kam immer noch auf 26 Stresspunkte, wobei Frauen auf Dienstreise ihren Stress im Mittel mit vier Punkten mehr angaben. Auch Vielreisende, die mehr als 30-mal im Jahr unterwegs sind, reagierten nicht abgestumpft auf verpasste Anschlüsse, sondern gaben ebenso eine höhere Belastung an, wie auch Familienväter auf Wochenendreisen.

Dennoch lohnt es sich aus Sicht der Reisefachleute an der Optimierung von Fahrten zu arbeiten. Knapp ein Drittel der verdeckten Stresskosten ließen sich vermeiden. „Einige Unternehmen wünschen mittlerweile, dass ihre Mitarbeiter Nonstopflüge nutzen, weil das weniger belastend ist“, berichtet Fallert. Er sieht den Weg eingeschlagen, dass Konzerne ihre Reiserichtlinien, die Vorgaben für die geschäftlichen Touren enthalten, mehr zu Reisendenrichtlinien, die stärker das Wohlbefinden des Mitarbeiters berücksichtigen, wandeln. „Das kann für einige Unternehmen aber auch bedeuten, dass die direkten Reisekosten steigen“, gibt er zu bedenken.

Verlagsangebot
Mit FlyNet versenden Sie Ihre Mails entspannt über den Wolken. Nutzen Sie die Angebote von Lufthansa.com.