Die neue Unternehmensorganisation kennt noch niemand

Die BWL nimmt viele offene Fragen mit ins Jahr 2017

Für die Betriebswirtschaftslehre geht ein herausforderndes Jahr zu Ende. Die Transformation in die digitale Wirtschaft (Industrie 4.0, Internet der Dinge) stellt Wissenschaft wie Praxis vor große Herausforderungen. Inzwischen ist fast allen Beteiligten klar, dass die digitale Vernetzung längst kein rein technisches Problem ist. Die Technik, um auch bestehende Fabriken nach und nach umzurüsten, ist vorhanden und kann seit ein paar Monaten gekauft und eingesetzt werden. Aber die meisten Unternehmen müssen noch einen Schritt weiter zurückgehen: Digitale Vernetzung ist ohne schlanke Produktion und Organisation sinnlos. Digitale Vernetzung deckt überflüssige Organisationsschleifen brutal auf. Bevor man Abläufe digitalisiert, muss man sie eindeutig beschreiben können. Dieser erste Schritt ist bei den Routinen und vielen eingefahrenen Abläufen eine Herausforderung, die nicht zu unterschätzen ist. Wer diese Hausaufgabe noch nicht erledigt hat, sollte sie schnellstens nachholen. Erst danach ist es sinnvoll, sich der Digitalisierung und der digitalen Vernetzung zuzuwenden. Damit verbunden ist der Umgang mit digital erfassten Daten. Bei Big Data, wie die Verarbeitung großer Datenmengen genannt wird, geht es zunächst und grundlegend um die richtigen Fragen, die mit den Daten beantwortet werden sollen. Daten gibt es heute schon mehr als genug. Sie liegen aber meist tot herum und werden nicht zu entscheidungsrelevanten Informationen verarbeitet. Selbst bei der Suche nach Antworten auf einfache Fragen (wie viel Umsatz macht der Konzern mit einem bestimmten Kunden?) müssen viele Unternehmen passen, weil die dazu erforderlichen Daten zwar irgendwo im Unternehmen liegen, aber eben nicht zusammengeführt werden. Hinzu kommt, dass viele durch Zukauf und Übernahmen entstandene Konzerne allein im kaufmännischen Bereich über eine Vielzahl untereinander nicht kompatibler IT-Systeme verfügen, so dass eine Konsolidierung der Daten auch mangels einheitlicher Sprache und Definitionen nicht möglich ist.

Die neue Welt fordert alle Managementbereiche heraus, nicht nur die IT, die heute durch immer mehr CDOs, sogenannte Chief Digital Officers, zu Recht aufgewertet wird. Die neue Welt fordert Personalabteilungen und Einkauf oder den Vertrieb. Das alles macht Änderungen in der Organisation erforderlich. Wie die Unternehmensorganisation von morgen aussieht, weiß heute noch niemand. Sie entsteht erst in ganz zarten Ansätzen.

Vor neue Herausforderungen wird das Controlling gestellt. Es wird offen diskutiert, ob die Kennzahlen, nach denen heute gesteuert wird, in der neuen Welt noch angewandt werden können. Das Produktivitätsparadoxon hat schon Eingang in Lehrbücher gefunden. Es ist bis heute nicht hinreichend zu erklären, warum trotz zunehmender Digitalisierung und Vernetzung die Produktivität kaum zunimmt. Erste Erklärungsansätze vermuten, dass es mit den niedrigen Preisen für digitale Produkte zu tun hat. Mit Produkten, die ganz umsonst abgegeben werden (Wissen bei Wikipedia, Musik im Internet), kann auch die Wissenschaft bisher kaum sinnvoll umgehen. Da versagen dann auch der Umsatz oder das erwirtschaftete Inlandsprodukt als Maßstab für Wohlstand. Ähnlich ist es bei Investitionen: Es wird zwar viel investiert. Das führt aber heute häufig nicht mehr zu abschreibungsfähigen Bilanzpositionen (Gebäude, Anlagen), sondern geht sofort in die Gewinn-und-Verlust-Rechnung und wird daher häufig gar nicht als Investition erfasst. Aber die BWL nimmt auch andere offene Fragen mit ins neue Jahr. Bei der gesetzlichen Neugestaltung der Betriebsrente werden Fragen der unternehmerischen Innenfinanzierung bisher sträflich vernachlässigt. Die Fragen nach der Managermoral werden ebenso immer lauter wie die nach einer gerechten Entlohnung. Das Jahr 2017 wird nicht weniger herausfordernd für Wissenschaft und Praxis, als es 2016 war.

Von Georg Giersberg

 

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