Die Vordenker müssen nachdenken

Die digitale Vernetzung stellt viele Modelle der Betriebswirtschaftslehre in Frage.

Die digitale Vernetzung stellt die Unternehmen vor neue Herausforderungen – und damit auch die sie begleitende Wissenschaft, die Betriebswirtschaftslehre. Die BWL ist mit mehr als 200 000 Studenten die mit Abstand größte Einzelwissenschaft an deutschen Hochschulen. Zählt man die Wirtschaftsingenieure mit wirtschaftswissenschaftlichem Schwerpunkt und die Wirtschaftsinformatiker hinzu, so studieren in Deutschland 300 000 junge Frauen und Männer Betriebswirtschaftslehre. Die überwiegende Zahl von ihnen möchte Grundlagen für die künftige Karriere legen. Sie suchen anwendbares Wissen.

Das leistet die BWL derzeit aber nur eingeschränkt. Zum einen ist der Wissenschaftsbetrieb zunächst einmal darauf aus, den eigenen Nachwuchs zu fördern. Der macht Karriere, wenn er sich in der Modellierung möglichst spezieller Sachverhalte bewährt. Das verschafft ihm Zugang zu internationalen Fachzeitschriften, was wiederum Voraussetzung für einen Aufstieg im Wissenschaftsbetrieb ist, also eine Berufung auf einen Lehrstuhl. Die damit einhergehende Spezialisierung war so lange zu verkraften, wie auch in der Praxis bestehende Strukturen immer feiner ziseliert ausgebaut wurden.

Jetzt haben es die Unternehmen aber mit Umbrüchen zu tun, welche die gesamte betriebliche Organisation in Frage stellen. Digitale Vernetzung ist mehr als nur eine Frage von Sensoren, Datenverarbeitung und Software-Schnittstellen. Der technischen Vernetzung folgt die organisatorische. Hierarchien werden abgebaut, ganze Hierarchiestufen fallen heraus. Dafür sind Projektarbeit und vernetztes Arbeiten auf dem Vormarsch. Unternehmen streben heute nach Nutzenführerschaft statt nach Technologieführerschaft. Dieser Nutzen für den Kunden wird immer mehr auch zum Maßstab für die Bewertung von Unternehmen. Das bringt mehr Prognosedaten ins Spiel, die in der Regel auf einen aktuellen Barwert abgezinst werden. Alle Abzinsungsmodelle der Betriebswirtschaft gehen aber von positiven Zinsen aus. Geht der Zins gegen null oder gar unter null, sind die Ergebnisse betriebswirtschaftlich nicht mehr vernünftig interpretierbar.

Auch die bisher als unumstößlich geltenden Grundlagen, dass man es in der Wirtschaft mit knappen Ressourcen zu tun hat (nur deshalb muss gewirtschaftet werden), deren Eigentumsrechte klar definiert sind (nur das ermöglicht Wettbewerb), geraten ins Wanken. Die von Jeremy Rifkin als „Null-Grenzkosten-Gesellschaft“ bezeichnete Zukunft, in der Teilen mehr gilt als Besitzen, erfordert neue Modelle. Ein in diesem Herbst erscheinendes Buch widmet sich unter dem Titel „Punkökonomie“ der Tatsache, dass vor allem Modeunternehmen immer wieder Ideen zu Geld machen, die sie sich an den Rändern der Gesellschaft ohne jeden Preis aneignen – und eben nicht selbst generieren und auch nicht käuflich erwerben. Wenn sich die digitale Vernetzung unter dem Stichwort „Industrie 4.0“ voll entfaltet, werden damit weitere Probleme zu lösen sein, etwa die Zurechnung individueller Eigentumsrechte und die damit verbundene Haftung.

In all diesen Fragen hinkt die Wissenschaft der Praxis hinterher. Zum einen, weil sie sich als empirische Wissenschaft versteht. Wer empirisch forscht, kann das erst tun, wenn es eine Empirie gibt, die man erforschen kann. Zum Zweiten, weil die Wissenschaft künftig ebenfalls vernetzt arbeiten und die Gesamtzusammenhänge in den Mittelpunkt ihrer Forschung stellen muss. Die Betriebswirtschaftslehre geht aber noch immer in die entgegengesetzte Richtung der zunehmenden Spezialisierung. Erst langsam – die zunehmende Anzahl von Lehrstühlen für strategisches Management könnte ein Anzeichen dafür sein – beginnt die Wissenschaft, sich über das gesamte Fach und mit Nachbarfächern zu vernetzen. So wurden selbst die wissenschaftlichen Tagungen zwar immer internationaler, aber auch immer spezieller. Der Deutsche Betriebswirtschafter-Tag, seinem Anspruch nach eine Veranstaltung für die gesamte Betriebswirtschaft und zudem für Wissenschaft und Praxis, war zuletzt sehr stark von der Einzeldisziplin Rechnungslegung geprägt.

Veranstaltungen fachübergreifender Art könnten nun wieder an Bedeutung gewinnen. Dass sich der Betriebswirtschafter-Tag in diesem Jahr zwei Tage lang den betriebswirtschaftlichen Implikationen der digitalen Vernetzung widmete, war ein gutes Zeichen. Unternehmensvertreter von Bosch, SAP oder der Targobank gaben wichtige Impulse in die Wissenschaft und den Wissenschaftlern ein Bündel unbeantworteter Fragen mit auf den Weg. Dabei geht es um die Auswirkungen der neuen Technologien, aber auch um ethische Fragen, wie Unternehmen über Nachhaltigkeit Einfluss auf den Wohlstand in anderen Ländern nehmen und damit Fluchtursachen bekämpfen können oder wann erlaubte Steuervermeidung zur gesellschaftlich verpönten Steuerflucht wird.

Die BWL hat viel zu tun. Wenn sie ihre Hausaufgaben macht, kann sie den jungen Menschen aber auch wieder in der Praxis verwertbares Wissen mit auf den Weg geben.

Von Georg Giersberg

 

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