Gebt den Mitarbeitern das Kommando!

Will Deutschland in der digitalen Welt Erfolg haben, müssen die Manager einen Kontrollverlust in Kauf nehmen.

Mitarbeiter geben das Kommando

Was früher undenkbar war, wird zur Normalität: Beschäftigte krempeln Produktionsabläufe um, Algorithmen stellen die Produktionsplanung auf den Kopf. Gestern hätte das den Unternehmen Kopfzerbrechen bereitet, heute kann genau das zum Erfolgsfaktor werden.

Die Digitalisierung verändert unsere Arbeitswelt schnell und tiefgreifend. Diese Revolution kommt nicht über Nacht. Sie ist ein Prozess, und sie kann und muss gestaltet werden: vom Management und den Beschäftigten in den Unternehmen, beide auf Augenhöhe.

Dabei müssen wir vielerlei Herausforderungen gleichzeitig begegnen. Globalisierung und demographischer Wandel stehen schon länger im Zentrum der Debatten in Politik und Betrieben. Die Erkenntnis, wie tiefgreifend die Folgen der Digitalisierung für unsere Industrie sind, hat sich dagegen erst vergleichsweise spät und auf leisen Sohlen ins öffentliche Bewusstsein geschlichen. Umso höher sind nun die Erwartungen. Die Digitalisierung soll die „industrielle Quadratur des Kreises“ schaffen: Einzelstücke zum Preis einer Fließbandproduktion bei kürzesten Reaktionszeiten. Erfolgreich ist künftig, wer durch flexible Produktionsabläufe ebenso schnell wie zuverlässig auf neue Anforderungen reagieren kann. Der Agilere gewinnt.

Dabei wissen die Beschäftigten oft viel konkreter, welche Veränderungen in den einzelnen Abteilungen und Abläufen sinnvoll sind. Auch hier zeigen sich die Vorteile der Mitbestimmung: Betriebsräte im Unternehmen können zu „Foresight-Abteilungen“ werden und Probleme verhindern, bevor sie entstehen. Das schafft Teilhabe im Betrieb, erhöht die Akzeptanz in der Belegschaft und schützt davor, dass Veränderungen zu Lasten der Arbeitnehmer gehen.

Auch bei der Digitalisierung gilt: Deutschlands Startvorteil ist die Qualifikation seiner Beschäftigten. Sie bringen alle Voraussetzungen mit, neue Strategien zum Beispiel für die wandelbare Produktion umzusetzen. Was die Digitalisierung behindert, sind starre Abläufe in den Unternehmen. In der Praxis führt die Umsetzung von Industrie 4.0 daher zu der heute doch mitunter schwierigen Erkenntnis: Wer als Manager die für Industrie 4.0 nötige Flexibilität erreichen will, muss dafür notwendigerweise einen Kontrollverlust in Kauf nehmen. Genau darin liegen die Chancen für die Beschäftigten in der modernen Arbeitswelt: Sie kann durch flexible Arbeitsgestaltung, neue Berufe und Entwicklungsmöglichkeiten humaner und interessanter werden.

Die Chancen sind groß, doch ein Selbstläufer ist das Ganze nicht. Das Wirtschafts- und das Forschungsministerium (BMBF), Unternehmen, Verbände und die IG Metall leiten gemeinsam die Plattform Industrie 4.0. Sie fordert zur Realisierung dieser Chancen weitsichtiges unternehmerisches Handeln und politische Gestaltung. Antworten auf neue Herausforderungen sucht das BMBF-Förderprogramm „Zukunft der Arbeit“, in dessen Entstehung und Umsetzung die Sozialpartner eingebunden sind.

Der Grundgedanke: Der Mensch als Mittelpunkt des Unternehmensgefüges muss Ausgangspunkt für neue Ideen und Technologien sein. Die besten Spezialisten für die digitale Transformation sind die Beschäftigten der Unternehmen. Sollen sie diesen Anspruch erfüllen, dann müssen sie qualifiziert werden – und zwar alle.

Bildung und Qualifizierung sind die entscheidenden Stellschrauben. Es ist die gemeinsame Verantwortung aller Akteure, dass Bildung und Qualifizierung für alle Beschäftigten möglich werden, damit der tiefgreifende digitale Wandel nicht zu Verwerfungen führt. Dafür braucht es bedarfsgerechte Angebote und auch zum Teil finanzielle Unterstützung. Vor allem aber ist das Lernen in den Unternehmen zu verankern: Der Arbeitsplatz muss zum Lernort, lernförderliche Arbeitsbedingungen müssen zur Normalität werden. Digitale Medien bieten hierfür viele neue Möglichkeiten. Im IT-Sektor haben die Sozialpartner mit dem BMBF ein Musterbeispiel dafür entwickelt.

Eine präventive und bedarfsgerechte Qualifizierung ist zweifellos auch die beste Beschäftigungssicherung in der digitalen Transformation. Gerade deshalb muss sie allen offenstehen – auch jenen, die heute nicht zu den bevorzugten Weiterbildungskandidaten in den Unternehmen gehören, zum Beispiel den Älteren und den An- und Ungelernten.

Auch die Ängste und Sorgen gehören damit auf den Tisch. Immer neue Anforderungen an Kompetenzen, die Entwertung des Gelernten und die Angst vor dem Jobverlust können ein düsteres Bild der Arbeit von morgen zeichnen. Wir wollen aber die Chancen nutzen und vor den Risiken schützen.

Gerade im Wandel brauchen Menschen Sicherheit. Deshalb müssen wir in der digitalen Transformation Technik, Organisation und Qualifikation als eng miteinander verbundene Gestaltungsaufgaben begreifen. Dazu benötigen wir nicht zuletzt Orte wie das neu entstehende „Future Work Lab“ in Stuttgart, das durch die IG Metall mit angestoßen wurde und durch das BMBF gefördert wird. Dieses Innovationslabor für Arbeit, Mensch und Technik wird ein zentraler Anlaufpunkt für alle Fragen rund um die Digitalisierung industrieller Wertschöpfung für Unternehmen und ihre Beschäftigten sein. Letztlich entscheidend aber ist und bleibt die Umsetzung im Betrieb.

Unser Fazit: Die Chancen sind da. Um sie zu nutzen, muss sich allerdings mehr ändern als die Technik. Digitalisierung und Industrie 4.0 werden dann zum Gewinn für Unternehmen und Beschäftigte zugleich, wenn sie von einer veränderten Unternehmens-, Führungs- und Arbeitskultur flankiert und unterstützt werden. Mehr Selbstbestimmung für die Beschäftigten, mehr Möglichkeiten zur Qualifizierung und Flexibilität, die allen nutzt – das sind die Erfolgsfaktoren der Zukunft.

Dafür setzt Politik den Rahmen und kann noch mehr als in der Vergangenheit wichtige Anregungen geben durch Forschungsprogramme über die Zukunft der Arbeit und den aus ihr resultierenden Bildungs- und Qualifizierungsbedarf. Aus Gewerkschaftssicht kann sie das auch durch mehr Mitbestimmungsrechte bei der Gestaltung der Arbeit. Beides, den notwendigen Wandel in den Unternehmen und eine verstärkte Arbeitsforschung, unterstützen wir mit voller Kraft. Denn wir wollen Industrie 4.0 gemeinsam zu einer Erfolgsgeschichte machen.

Bessere Weiterbildung, also das Lernen im Lebenslauf, gehört als Voraussetzung für das Gelingen dieses Transformationsprozesses zu den großen politischen und gesellschaftlichen Herausforderungen in Deutschland. Ihre Verwirklichung ist entscheidend für die berufliche Perspektive des Einzelnen, den Erfolg der Wirtschaft und die Zukunft der Gesellschaft.

Von Johanna Wanka und Jörg Hofmann

 

Johanna Wanka (CDU) ist Bundesministerin für Bildung und Forschung. Jörg Hofmann ist Vorsitzender der IG Metall.
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