Digitalisierung stellt die Unternehmen auf den Kopf

Führungskräfte haben die Bedeutung des Themas erkannt, aber Aufsichtsräte und Staat hinken hinterher.

Digitalisierung stellt Unternehmen auf den Kopf

Die meisten Unternehmen stecken mittendrin. Vor wenigen Monaten hätte man gesagt, sie stecken in der industriellen Revolution. Heute wird meist von der Transformation zum Digitalen und am Ende zum digital vernetzten Unternehmen gesprochen oder kurz von Industrie 4.0. „Es verändert sich nahezu alles durch Digitalisierung“, lässt sich Rada Rodriguez, Vorsitzende der Geschäftsführung der Schneider Electric GmbH, zitieren. Das Deutsche Institut für Vertrauen und Sicherheit im Internet (DIVSI) hat 30 Unternehmenslenker großer deutscher Unternehmen und Organisationen zur Bedeutung der Digitalisierung befragt. „Im Verlauf der Gespräche hat es nicht einen Fall gegeben, bei dem Digitalisierung nicht mit einer Veränderung der Geschäftsmodelle und mit Vorteilen in Verbindung gebracht wird“, schreiben Markus Klimmer und Jürgen Selonke in dem Buch „#Digital Leadership. Wie Top-Manager in Deutschland den Wandel gestalten“ (Springer, Berlin/Heidelberg 2017, 20 Euro).

Die Aussagen enthalten sehr viele Übereinstimmungen. Befragt wurden unter anderen Frank Appel von der Deutschen Post (das Unternehmen ist Stifter des DIVSI), Timotheus Höttges von der Deutschen Telekom, Jörg Hofmann als Vorsitzender der IG Metall, Michael Kaschke von Carl Zeiss, Martina Koederitz von IBM Deutschland, Pascal Laugel von der Targobank, Frank Riemensperger von der Beratung Accenture, Erich Sixt vom gleichnamigen Autovermieter, Eberhard Veit, damals noch Vorstandsvorsitzender der Festo AG, Karl-Heinz Streibich (Software) sowie Frank-Jürgen Weise von der Bundesagentur für Arbeit.

Alle Gesprächspartner sind sich einig, dass die Digitalisierung eine bedeutende Veränderung ist, sogar vieles in der Unternehmenswelt auf den Kopf stelle. Interessant ist der Hinweis einiger Interviewpartner, daneben andere technische Entwicklungen wie beispielsweise in der Bionik, der Oberflächenforschung, der DNA-Entschlüsselung oder im Bereich neuer Werkstoffe nicht zu vernachlässigen. Es herrscht weiter Einigkeit darüber, dass Digitalisierung eine Vorstandsaufgabe ist. Fast alle Unternehmenslenker informieren sich über neue Entwicklungen der Digitalisierung und der digitalen Vernetzung in persönlichen Gesprächen, sowohl im Unternehmen als auch auf Tagungen oder Messen. Sie verlassen sich weder auf digitale Informationen noch auf die formalen Informationsstränge im Unternehmen. Damit führt schon das Informationsverhalten der Chefs zu einer Aufweichung strenger hierarchischer Strukturen. Alle Unternehmenslenker zeigen sich erfreut, wie gut die Arbeitnehmer bei dem Thema mitziehen. Nach Ansicht der Befragten sind am ehesten Aufsichtsräte und der Staat die Bremser.

Dass Riemensperger von Accenture die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle zu langsam voranschreitet, liegt auch an seiner Profession als Berater. Für Bestandsunternehmen gibt es erst seit einem Jahr überhaupt die Möglichkeit, alte Anlagen mittels Sensoren so nachzurüsten, dass sie Betriebsdaten erfassen und digital senden. Von einem datenbasierten Geschäftsmodell ist man da noch meilenweit entfernt – in der Masse der Unternehmen. Einige Vorreiter, vor allem aus den Branchen Elektrotechnik oder IT, sind da natürlich weiter.

GEORG GIERSBERG

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