Ein Deutscher als beliebtester Chef Amerikas

Benno Dorer führt den amerikanischen Konsumgüterkonzern Clorox.

Kollegen hält er auf kreative Weise bei Laune.

Die amerikanische Karriereplattform Glassdoor gibt jedes Jahr eine vielbeachtete Liste der beliebtesten Vorstandsvorsitzenden heraus. Sie basiert auf anonymen Befragungen von Mitarbeitern, die ihre eigenen Chefs bewerten. Auf der neuesten Liste finden sich unter den ersten zehn einige prominente Namen, etwa Mark Zuckerberg, der Vorstandsvorsitzende des sozialen Netzwerks Facebook, und Elon Musk, der den Elektroautohersteller Tesla führt. Ganz an der Spitze steht aber jemand, der in der breiten Öffentlichkeit kaum bekannt ist und der aus Furtwangen im Schwarzwald kommt: Es ist Benno Dorer, der Vorstandschef von Clorox, einem traditionsreichen amerikanischen Anbieter von Haushaltsreinigern, Körperpflegeprodukten und diversen anderen Konsumgüterartikeln. Der 53 Jahre alte Dorer hat seine gesamte Karriere in der Konsumgüterindustrie verbracht, erst beim Branchengiganten Procter & Gamble, von 2005 an beim kleineren Wettbewerber Clorox. Vor knapp drei Jahren krönte er seine Laufbahn mit seinem Aufstieg auf den Chefposten. Damit ist er einer von rund einem halben Dutzend Deutschen, die an der Spitze börsennotierter amerikanischer Unternehmen stehen. Erst vor zwei Wochen wurde Marc Bitzer, der wie Dorer aus Baden-Württemberg stammt, zum Vorstandschef des weltgrößten Hausgeräteherstellers Whirlpool gekürt.

Dorer führt einen Konzern mit einem Jahresumsatz von knapp 6 Milliarden Dollar und rund 8000 Mitarbeitern. Dass seine Belegschaft ihn so schätzt, findet er sehr schmeichelhaft, wobei er gleich hinzufügt, er sehe das als Vertrauensvotum für das gesamte Management. „Ich versuche, meinen eigenen Narzissmus gering zu halten“, sagt er im Gespräch mit dieser Zeitung. Dorer mag keinen Personenkult um sich und meint, dies würde gerade bei den jungen Millennials in seinem Unternehmen auch nicht gut ankommen. Und weil diese Gruppe immer wichtiger wird, findet er, er liege mit seiner Philosophie im Trend. Der Vorstandschef als Superstar – das werde es künftig weniger geben. Bescheidenheit werde in der Chefetage als Tugend erkannt.
Dorer sieht das nach eigenem Bekunden im Umkreis seines Unternehmens, das im kalifornischen Oakland sitzt und damit nahe an San Francisco und dem Silicon Valley. Diese Beobachtung mag etwas überraschen, wird doch den hier ansässigen Technologiegiganten oft ein gewisser Größenwahn nachgesagt. Andererseits gab es gerade erst ein Beispiel für den Abstieg eines Vorstandschefs, um den es einen immensen Starkult gab: Travis Kalanick musste nach einer Serie von Skandalen seinen Posten an der Spitze des Fahrdienstes Uber räumen.

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Von der Nähe zum Silicon Valley lässt sich Dorer auch in seinem mehr als hundert Jahre alten Unternehmen inspirieren, und das hat sich nach seinen Worten in der Glassdoor-Umfrage gezeigt. Die Kollegen hätten bekundet, ihr Arbeitgeber sei offen für Experimente, lege Wert auf verschiedene Perspektiven und gestehe ihnen viel Verantwortung zu. Wie manche Unternehmen im Silicon Valley schreibt sich Clorox auf die Fahnen, seinen Beschäftigten Flexibilität bei den Arbeitszeiten zu bieten. Dorer sagt, ihm sei es egal, wie lange Mitarbeiter im Büro blieben, allein die Leistung zähle. Vor langen Wochenenden mit einem Feiertag am Montag bekomme die Belegschaft den Freitagnachmittag frei. Das komme gut an, der Produktivitätsverlust sei „minimal“.
Dorer hat auch einen etwas ungewöhnlichen Weg gefunden, um ein Gefühl dafür zu bekommen, was die Millennials in seinem Unternehmen beschäftigt und wie er sie bei Laune halten kann. Jeder im Spitzenmanagement von Clorox hat einen „Mentor“ aus dieser Altersgruppe. Dorers designierter Millennial heißt Peter, ist 26 Jahre alt und arbeitet im Vertrieb. Die beiden treffen sich regelmäßig zum Mittagessen. Peter erzählt dann von seiner Arbeit und von dem, was sonst in seinem Leben passiert, und Dorer fragt ihn auch um Rat. Diese Gespräche stoßen nach den Worten des Clorox-Chefs oft Veränderungen an. Beispielsweise habe das Unternehmen auf Anregung von Millennials die betriebliche Altersversorgung überarbeitet. In den Büros sei mehr Gemeinschaftsraum geschaffen und eine Kaffeebar installiert worden.

Die Gemütslage in der Belegschaft beeinflusst auch die Bezahlung von Dorer und seinen Vorstandskollegen. Deren Gehaltspaket bemisst sich nicht nur nach den Geschäftszahlen oder dem Aktienkurs. Auch die Ergebnisse einer jährlichen anonymen Mitarbeiterbefragung spielen eine Rolle. Damit will das Unternehmen herausfinden, wie engagiert und motiviert die Belegschaft ist. Die Mitarbeiter werden zum Beispiel gefragt, wie gut ihnen ihre Aufgabe gefällt oder wie wahrscheinlich es ist, dass sie im Unternehmen bleiben.
An die Spitze von Clorox hat es Dorer nach einem harten Kopf-an-Kopf-Rennen mit einem Kollegen geschafft. „Das war ein zwei Jahre langes Bewerbungsgespräch, und es war nichts für Nervenschwache“, sagt er. Ihm und dem anderen Manager sei damals vom Verwaltungsrat signalisiert worden, dass sie gute Chancen auf den Chefposten hätten. Am Ende fiel die Wahl auf Dorer, und sein Kollege verließ umgehend das Unternehmen. „Wir waren zwei verschiedene Leute, die für verschiedene Dinge standen“, sagt der Deutsche. Er glaubt, ihm hätten seine Teamorientierung und sein gutes Gespür für Innovationen geholfen. Und womöglich seien auch seine internationale Erfahrung und seine deutsche Herkunft nützlich gewesen. Zumal das Auslandsgeschäft von Clorox, das bisher für weniger als 20 Prozent des Umsatzes steht, noch sehr ausbaufähig sei.

Dorer meint, es könnte ruhig noch mehr Deutsche im Spitzenmanagement amerikanischer Unternehmen geben. Anders als Manager aus kleineren Ländern wie der Schweiz und den Niederlanden hielten es Deutsche bislang oft nicht für nötig, über die Landesgrenzen zu schauen, da sie in ihrer Heimat genug Karrierechancen hätten. Dabei werde „die deutsche Art, Dinge zu tun“, von amerikanischen Unternehmen mehr und mehr geschätzt: beständig, mit langfristiger Orientierung und ohne viel Wind um sich zu machen.
Dorer arbeitet seit 22 Jahren im Ausland. Nach seinem Betriebswirtschaftsstudium an der Universität des Saarlandes war er zunächst noch fünf Jahre in der deutschen Niederlassung von Procter & Gamble tätig, danach kehrte er seiner Heimat den Rücken. Er findet, die lange Zeit im Ausland habe ihn auch persönlich verändert. Nicht nur habe er gelernt, sich an andere Kulturen anzupassen, er habe auch eine extrovertiertere und eine weichere Seite entwickelt. Bis heute hat Dorer aber einen deutschen Pass und sagt, er fühle sich noch immer als Deutscher. Er ist Fan des SC Freiburg, liebt Spätzle und kocht Gulasch und Wiener Schnitzel für seine amerikanischen Freunde. Er will in Amerika bleiben, auch weil er mit seinen beiden kleinen Söhnen nicht umziehen will. Aber er kann sich gut vorstellen, wieder viel mehr Zeit in Deutschland zu verbringen – wenn er einmal in Rente geht.
ROLAND LINDNER

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