Eliten

Bekommen die da oben noch mit, worüber die da unten sich Sorgen machen? Politiker, Manager, Medien und staatliche Institutionen erleben eine Vertrauenserosion. Wie konnte das passieren? Antworten aus der Spitze der Wirtschaft.

Radikale gesellschaftliche Umbrüche sind in der Geschichte immer auf eine wachsende Ignoranz von Eliten gefolgt. Vor 500 Jahren war das in der Reformation zu beobachten: Zuvor hatte sich die geistliche Elite der Einsicht verweigert, dass ihre lateinischen Predigten an weiten Teilen der Bevölkerung vorbeigingen. Der Französischen Revolution ging 280 Jahre später voraus, dass der Adel soziale Nöte der bäuerlichen Schicht verkannte. Am Vorabend der Aufstände brachten Gegner der Monarchie in Umlauf, Königin Marie Antoinette habe empfohlen: „Wenn sie kein Brot haben, sollen sie Brioche essen.“ Auch wenn das nur Kolportage gewesen sein dürfte, wurde es wegen des dekadenten Lebensstils des Adels für wahr gehalten. Und Mao konnte die Massen für seine brutale chinesische Kulturrevolution hinter sich bringen, indem er die wachsende Abgehobenheit der Bürokratenklasse anprangerte.
Ist ein solches Zeitalter wieder angebrochen? Haben sich die Eliten von der Bevölkerung abgekoppelt? Jagen sie eine überforderte Gesellschaft in ein Experiment mit offenen Grenzen, digitalisierten Märkten und einer zentralisierten Bürokratie, die nur „denen da oben“ nützt? Gibt es eine Selbstbedienungsmentalität von Managern? Oder verzerrt das Bild von einem Heer Abgehängter und einer privilegierten Schicht von Globalisierungsgewinnern die Lage? Die Wahl Donald Trumps zum amerikanischen Präsidenten und das Brexit-Votum der britischen Wähler haben eine Debatte darüber ausgelöst, dass Entscheidungsträger in Politik und Unternehmen Stimmungen der Bevölkerung nicht im Blick haben.
Zahlen belegen die seit Jahren zunehmende Skepsis gegenüber Eliten – und zwar überall auf der Welt. Die vermutlich beste Datenquelle für diesen Befund ist das „Trust Barometer“, das die amerikanische Kommunikationsberatung Edelman jährlich auf Basis von 32 000 befragten Menschen in 28 Ländern erheben lässt. Erschreckendes Ergebnis in diesem Jahr: Rund die Hälfte der Befragten gab an, das „System“ funktioniere nicht mehr. Nur 41 Prozent vertrauten ihren Regierungen. Das Vertrauen in Manager brach regelrecht ein: Nur 37 Prozent hielten Firmenchefs für glaubwürdig – dieser Wert stürzte um ein Viertel ab. Am geringsten war der Anteil in Japan und Frankreich, doch auch in Deutschland lag er mit 28 Prozent weit unter dem Durchschnitt.
Doch was kommt von dieser Skepsis in deutschen Führungsetagen an? Haben sich die Eliten von der Gesellschaft abgekoppelt? Lässt sich der Vertrauenserosion entgegenwirken? Auf einer Reise durch die Republik haben wir drei Vertreter der Elite ausführlich befragt. Sie führte uns nach München, Berlin und Hamburg. Der Vorstandsvorsitzende eines Dax-Konzerns, ein global operierender Familienunternehmer und der langjährige oberste Leiter einer Behörde haben sich auf eine gemeinsame Reflexion darüber eingelassen, warum der gesellschaftliche Kitt verloren gegangen ist und wie sich „Unten“ und „Oben“ wieder aufeinander zu bewegen könnten.

Es ist ein Donnerstagabend in Hamburg. Michael Otto hat sein Büro im siebten Stock der Konzernzentrale. Aus dem Fenster schaut er auf eines der gesichtslosen Viertel im Nordosten der Stadt. Der Aufsichtsratsvorsitzende des Versandhandelskonzerns, dem sein Vater Werner den Namen gegeben hat, ist der Prototyp des hanseatischen Unternehmers – ein Milliardär mit Verantwortungsbewusstsein, der schon seit langem Geschäftsprozesse sozial und umweltgerecht gestaltet hat, der als Mäzen auftritt und eine Stiftung für Umweltschutz gegründet hat. „Das Gefühl, dass man selbst zu den Verlierern gehören kann, führt zu einer Verunsicherung“, sagt er. Schon immer habe es Situationen gegeben, in denen sich die Bevölkerung an Eliten abgearbeitet habe. Doch diesmal liege die Skepsis tiefer. Das Veränderungstempo habe sich durch die Gleichzeitigkeit von Digitalisierung und Globalisierung radikal beschleunigt. Und dies mitten in der Aufarbeitung einer Krise: „Der Finanzcrash hat stark zu der Vertrauenserosion beigetragen – und dass die Rettung über den Staat erfolgen musste“, sagt er. Risiko und Haftung seien auseinandergefallen, der Staat musste in die Taschen greifen und konnte dringenden Aufgaben nicht mehr nachkommen.
Nikolaus von Bomhard hat an einem Konferenztisch in der Konzernzentrale der Munich Re Platz genommen. In den 13 Jahren seiner Amtszeit hat der Vorstandsvorsitzende den weltgrößten Rückversicherer sicher durch die Wogen der Finanzkrise gelenkt. Der Aktienkurs hat sich seither trotz der Krise nahezu verdoppelt. Die Tochtergesellschaft Ergo machte ihm dagegen Ärger: Eine Lustreise von Vertretern auf Firmenkosten nach Budapest, die durch einen Erpressungsversuch öffentlich wurde, beschäftigte ihn wie auch der Umbau des schwerfälligen Versicherers. Aus der Budapest-Affäre habe er gelernt, sagt von Bomhard. „Wenn einige wenige Personen Compliance-Regeln bewusst umgehen, helfen die besten Prozesse nichts.“ Erst habe Mitarbeitern ein Sensorium gefehlt, welche Grenzen sie keinesfalls überschreiten dürfen, anderen dann die Zivilcourage, dagegenzuhalten.
Ein solches Sensorium müsse aktiv gefördert werden. Banken hätten Mitarbeiter mit falschen Vergütungsstrukturen zu unakzeptablen Handlungen angeregt. Die Bevölkerung beobachte genau, ob hohe Vergütungen mit guten Leistungen verbunden seien. Bei schlechten müssten Boni gekürzt werden. Fehlentwicklungen und deren Folgen müssten dem Vorstand vorgehalten werden. „Wer etwas Kritisches sagt, darf nicht abgekanzelt werden“, sagt er. Alles entscheidend aber sei: „Dieses Verständnis muss man aktiv im Unternehmen schaffen.“
Trotz spektakulärer Fehlleistungen Einzelner widerspricht er der Sicht, das soziale Gefüge sei aus dem Lot geraten. „Die objektive Lage in Deutschland ist nicht schlecht“, sagt von Bomhard. Der Armuts- und Reichtumsbericht habe gezeigt, dass Stimmung und Realität auseinanderdriften. Der Gini-Koeffizient, der die Ungleichheit einer Verteilung anzeigt, ist für verfügbare Einkommen in einem Jahrzehnt von 0,3 auf 0,29 Prozent sogar gefallen. Die Vermögen seien zwar deutlich ungleicher verteilt und gestiegen, das liege aber daran, dass Sachwerte an Wert gewonnen hätten. Dennoch gebe es einen Vertrauensverlust, der mit dem Fehlverhalten Einzelner zu tun habe. Doch auch in diesem Punkt sieht der in diesem Monat aus dem Amt scheidende Vorstandschef die tatsächliche Lage besser als die gefühlte. „Einige Manager verhalten sich unangemessen, die Presse berichtet zu Recht. Dabei entsteht der Eindruck, alle seien so. Über korrektes Verhalten liest man nichts“, sagt er.
Zu Frank-Jürgen Weises Büro in der Hauptstadtvertretung der Bundesagentur für Arbeit in Berlin geht es über einen für Behörden typischen Linoleumboden und einen grauen Aufgang. In einem schlichten Raum hat Weise einen überschaubaren Schreibtisch. 15 Jahre lang führte er die Behörde und baute sie kräftig um. Damit gehört er zur Führungselite des Landes, aber er sieht sich nicht als besonders privilegiert an. „Elite ist in Deutschland kein Amt auf Lebenszeit“, sagt Weise. Entsprechend sollten sich ihre Vertreter auch verhalten. Ehemalige Volksvertreter, die auf Visitenkarten „Bundestagsabgeordneter a. D.“ schrieben, seien ihm suspekt.

Aus Weises Sicht sind einige Dinge aus dem Gleichgewicht geraten. Nur ein Teil der Verantwortung gehe auf das Konto der Eliten: „Manche stecken sich die Taschen voll auch ohne Erfolg. Wer aber Milliarden für Aktionäre vernichtet hat, muss an dem Misserfolg beteiligt werden“, sagt er. Gleichzeitig mangele es der Bevölkerung an Bereitschaft zu differenzieren. „Ich weiß nicht, ob sich die Menschen die Mühe geben, fundiertere Urteile zu treffen. Viele brabbeln los und veröffentlichen etwas im Internet.“ Beide Seiten müssten füreinander mehr Respekt zeigen. Auch er habe oft Hassbriefe empörter Arbeitsloser erhalten. „Politiker sind keine Halunken, umgekehrt müssen wir auch Zeitungsausträger mit hohem Respekt behandeln“, verlangt er.
Es ist erstaunlich, wie sich die Analyse der drei Gesprächspartner ähnelt. Alle betonen, Manager und Politiker hätten teilweise die an sie gestellten Erwartungen nicht erfüllt. Fehlanreize durch falsche Vergütungssysteme bestünden auch ein Jahrzehnt nach Ausbruch der Finanzkrise. Michael Otto aber hat als Berater auch in anderen Unternehmen verschiedentlich an der Korrektur solcher Systeme mitgewirkt. Für alle drei birgt die derzeitige Lage auch die Gefahr, dass Vereinfacher mit Scheinlösungen in den Meinungsstreit eingreifen. Die wachsende Zustimmung für Populisten ist ein Indiz dafür.
Doch immerhin funktioniere die soziale Kontrolle in Deutschland weiter. Ein Manager, dessen Misserfolg öffentlich werde, falle nicht weich, sagt Weise. „Gefallene Vorstandsvorsitzende werden im Lokal schief angesehen.“ In diesem Punkt erhält er die Zustimmung von Bomhards: Abfindungen von zwei Jahresgehältern seien zwar im Vergleich zum Lohn einfacher Arbeitnehmer sehr viel Geld, die Sicherheit eines Vorstandspostens sei aber auch deutlich geringer. „Es ist schwer, den Druck und die Entscheidungsnöte an der Spitze zu erklären“, sagt er. „Wenn man 2000 Mitarbeiter entlassen muss, um 18 000 zu retten, fällt das schwer.“
Unternehmer und Manager müssen eine Vorbildfunktion übernehmen“, sagt Michael Otto. „Sie müssen den Anstand besitzen, zu Fehlern zu stehen.“ Mit Sorge sieht er, dass das Internet auf viele Menschen eine enthemmende Wirkung habe. Hasstiraden gegen Entscheidungsträger seien eine erschreckende Fehlentwicklung. „Wer hassgeladen ist, ist sachlichen Argumenten gegenüber nicht aufgeschlossen“, sagt er. Dennoch sei es zum Aushandeln gesellschaftlicher Positionen notwendig, den Dialog zwischen Entscheidungsträgern und Bevölkerung zu gestalten.
„Um die Komplexität von Entscheidungen zu verdeutlichen, muss man mehr Menschen in die Entscheidungsfindung einbeziehen“, sagt Otto. Ein Unternehmen könne nicht basisdemokratisch geführt werden, es könne aber Foren schaffen, in denen über die Folgen des wachsenden Veränderungstempos diskutiert wird. „Bei uns sind die Zeiten vorbei, in denen die Führungsschicht Dinge anordnet“, sagt er. Führungskräfte müssten Verantwortung abgeben. Als bedauerlich empfindet er es, dass Arbeitnehmervertreter nicht mehr als Korrektiv wahrgenommen werden. „Die Gewerkschaften werden von einfachen Arbeitern teilweise im Lager der Elite gesehen“, sagt er.
Auch die Politik will keiner der Gesprächspartner aus der Verantwortung entlassen. „Das Parteiensystem hat etwas Geschlossenes, es gibt zu wenig Quereinsteiger. Zudem fehlt es oft an Bürgernähe, die nötig ist, um die Ängste der Menschen zu verstehen“, sagt Nikolaus von Bomhard. In den vergangenen Jahren habe die Politik zu häufig Sonderwege zugelassen. „In der Euro-Rettung und der Flüchtlingskrise wurde die Bindung des staatlichen Handelns an das Recht teilweise aufgegeben“, sagt er. Dass Bürger sich daraufhin von der Politik abwenden, sei nicht verwunderlich. Die europäische Einigung und die Aufnahme von Flüchtlingen seien zwar keine Elitenprojekte. „Flüchtlinge werden von einkommensschwachen Bevölkerungsgruppen aber als mögliche Konkurrenz auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt gesehen. Man hätte zumindest laut sagen müssen, dass man so nicht weiter agieren wird, dass das eine einmalige gute Tat war.“ Politiker müssten in Zeiten der Unsicherheit mutige Ansagen machen und sich daran halten. Bei aller Kritik an den Zielen Trumps sei das eine positive Eigenschaft des Präsidenten: mutig zu sein, Ansagen zu machen und zu handeln. „Das erzeugt Zustimmung und Momentum“, sagt von Bomhard – ohne ihm in der Sache zu folgen.

Für einen Irrglauben hält Frank-Jürgen Weise, dass die Arbeitsmarktreform vor eineinhalb Jahrzehnten die Spaltung verschärft habe. „Dass die Reformen Verdrossenheit ausgelöst hätten, halte ich für herbeigeredet.“ Eine halbe Million mehr Menschen seien aus der Sozialhilfe heraus in das Arbeitslosengeld und damit in die Integrationsarbeit und -förderung einbezogen worden als zuvor. Die Arbeitslosigkeit ist auf einem Tiefstand, der Beitragssatz der Arbeitslosenversicherung wurde halbiert, was Haushalte entlastete. „Wer aber glaubt, er habe jahrelang eingezahlt und deshalb höhere Ansprüche, verkennt das Prinzip der Risikoversicherung. Wollte ich höhere Auszahlungen, brauchte ich viel höhere Beiträge“, sagt Weise.
Dass Eliten Gefahr laufen, sich abzukoppeln, sieht Munich-Re-Chef von Bomhard als ein Problem, dem ihre Vertreter entschlossen entgegentreten müssen. „Man muss sich persönlich dagegen wehren, in ein Umfeld, eine Maschine hineinzugeraten, in der man elitär wird“, sagt er. Dabei gehe es auch um Symbole. So suggerierten verdunkelte Limousinen von Managern, sie hätten etwas zu verbergen. Man müsse unter den Menschen bleiben. „Wenn ich die Abschirmung zulasse, darf ich mich nicht wundern, wenn ich abhebe“, sagt von Bomhard. Gleichwohl ist er überzeugt, dass Deutschland weniger in Oben und Unten eingeteilt sei als die sozial rigideren Gesellschaften in Frankreich und Großbritannien mit ihren starren Eliten. Frank-Jürgen Weise beobachtet generell an der Spitze der Gesellschaft eine wachsende Unlust, sich an Debatten zu beteiligen. „Auch Pegida braucht Gegenpositionen. Die Elite bezieht sie aber immer weniger. Wer viel Geld hat, streitet sich nicht mehr herum“, kritisiert er.
Die Reise zu den Spitzen der Wirtschaft hat gezeigt, dass es eine große Besorgnis über den Vertrauensverlust gegenüber den Eliten gibt. „Der Befund ist schlimm, die Lösung nicht offensichtlich. Wir haben ein Problem“, gesteht Nikolaus von Bomhard zu. Doch es gibt auch ermutigende Antworten: Ein Bekenntnis zur angemessenen Vergütung von Leistung und Fehlverhalten, eine größere Bereitschaft zu Dialog und Ko-Verantwortung, Respekt vor geltendem Recht, mehr Verständnis für die Belange der jeweiligen Seite, Zurückhaltung in den sozialen Medien und Misstrauen gegen allzu einfache Lösungen – aus diesen Elementen könnte sich eine Antwort auf die große Vertrauenserosion zusammensetzen.

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