Jeder vierte Chef ist weiblich

Frauen sind in den Führungsetagen stark unterrepräsentiert.

Besonders groß fällt der Unterschied in der Finanzwirtschaft aus. Woran liegt das?

Von Sven Astheimer

FRANKFURT, 14. November

Gefühlt tut sich etwas mit dem Thema Frauen in Führungspositionen. Am Montag erst gab die Deutsche Telekom bekannt, dass Simone Thiäner künftig als Personalvorstand für die Geschicke von rund 225 000 Mitarbeitern zuständig sein wird. Nur wenige Tage zuvor hatte die Deutsche Bahn Sabina Jeschke in ihr Führungsgremium aufgenommen. Im Konzernvorstand soll sich die promovierte Physikerin künftig um das für den Mobilitätskonzern zentrale Feld von Technik und Digitalisierung kümmern. Wer an diesen Beispielen hängenbleibt, kann schnell den Eindruck bekommen, dass Führung in Deutschland zunehmend weiblich wird.

Jenseits solcher Leuchttürme offenbart sich dem Beobachter jedoch eine ganz andere Wahrheit: Weibliche Führungskräfte sind trotz vieler politischer und betrieblicher Anstrengungen eine vergleichsweise seltene Spezies. Das gilt vor allem für die höchsten Ämter. „Oberste Chefetage bleibt Männerdomäne“, so lautet die Zusammenfassung einer Studie, die das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) am Dienstag veröffentlichte. Der Untersuchung zugrunde liegt eine Befragung von Verantwortlichen aus 16 000 deutschen Unternehmen und Behörden, womit es sich um die breiteste Datenbasis zu diesem Thema handeln dürfte.

Demnach betrug der Frauenanteil auf der obersten Führungsebene (Vorstand und Geschäftsführung) in der privaten Wirtschaft 26 Prozent – das waren nur zwei Punkte mehr als 2004. Kräftiger fiel der Zuwachs auf der zweiten Führungsebene aus: Hier stieg der Anteil im selben Zeitraum um sieben Punkte auf 40 Prozent. Auch dieser Wert liegt jedoch noch unter dem Frauenanteil von 44 Prozent (2004: 41) an allen Beschäftigten in der deutschen Privatwirtschaft. Mit anderen Worten: Frauen sind in Führungspositionen teils deutlich unterrepräsentiert.

Die Politik hatte sich in den vergangenen Jahren intensiv mit den Aufstiegschancen von Frauen beschäftigt. Nachdem freiwillige Selbstverpflichtungen der Wirtschaft wenig Wirkung zeigten, verabschiedete die schwarz-rote Koalition ihr Gesetz für die gleichberechtigte Teilhabe von Männern und Frauen an Führungspositionen, das am 1. Januar 2016 in Kraft trat. Seitdem müssen börsennotierte und mitbestimmte Konzerne einen Frauenanteil von 30 Prozent in ihren Aufsichtsräten vorweisen. Zudem müssen Unternehmen mit mindestens 500 Beschäftigten Zielgrößen für Frauenquoten in ihren obersten Führungsgremien festlegen und darüber berichten, was Transparenz und damit öffentlichen Druck erzeugen soll.

Bislang setzt sich der steigende Frauenanteil auf der zweiten Führungsebene allerdings noch nicht auf der ersten fort. Belegbare Gründe dafür liefert die IAB-Studie nicht. „Möglicherweise ist es nur eine Frage der Zeit, bis genug Frauen Führungserfahrung auf der zweiten Ebene gesammelt haben und dann auch in die höchsten Führungsetagen aufsteigen“, mutmaßen die IAB-Autorinnen. Allerdings weisen sie auch auf die Möglichkeit von „unsichtbaren Barrieren“ hin, auch als gläserne Decken bekannt, gegen die Frauen auf ihrem Karriereweg stoßen könnten.

Bei genauerem Hinsehen ergeben sich in den Daten interessante Unterschiede. „Je größer der Betrieb, desto geringer ist der Frauenanteil auf der Chefebene“, stellen die Autorinnen fest. In den Unternehmen mit mindestens 500 Mitarbeitern seien Frauen in Chefrollen besonders stark unterrepräsentiert. Eine im Sommer veröffentlichte Auswertung der Unternehmensberatung EY zeigte, dass es in den 160 börsennotierten Unternehmen in Deutschland in der zweiten Jahreshälfte 2016 genau 47 weibliche Vorstände gab – das waren vier mehr als im ersten Halbjahr. Der Frauenanteil betrug damit 6,9 Prozent. In diesem Tempo werde es noch 23 Jahre dauern, bis ein Drittel der Vorstandsposten durch Frauen besetzt sei, unkte EY-Partnerin Ulrike Hasbargen angesichts dieser Zahlen.

Die IAB-Studie deckt auch deutliche Unterschiede zwischen Branchen auf. Das größte Maß an Unterrepräsentanz von Chefinnen findet sich in der Finanzwelt. Zwar sind mehr als die Hälfte der Beschäftigten in Banken und Versicherungen weiblich, die vergleichsweise vielen und gut bezahlten Führungsposten der ersten und zweiten Ebene sind mit 18 und 21 Prozent jedoch so selten mit Frauen besetzt wie in kaum einer anderen Branche. Auf relativ hohe Werte kommen dagegen das Gesundheits- und Sozialwesen mit 46 und 71 Prozent Führungskräften. In diesen Wirtschaftszweigen sind drei von vier Beschäftigten weiblich. Ebenfalls viele Chefinnen gibt es in den Branchen Erziehung und Unterricht, Beherbergung und Gastronomie sowie weiterer Dienstleistungen.

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Auf den ersten Blick überrascht es kaum, dass der Anteil weiblicher Führungskräfte im öffentlichen Dienst deutlich höher liegt. Schließlich ist dieser Bereich seit Jahren schon gesetzlich reguliert. Die Autorinnen weisen allerdings darauf hin, dass der Anteil auf der ersten Ebene seit dem Jahr 2012 sinkt. Noch überraschender: „Gemessen an ihrem Beschäftigtenanteil von 61 Prozent sind Frauen jedoch im öffentlichen Sektor noch stärker unterrepräsentiert als in der Privatwirtschaft.“

Viele Unternehmen ergreifen mittlerweile Maßnahmen zur Frauenförderung. Immerhin bietet laut IAB fast jedes zweite die Möglichkeit zu flexiblem Arbeiten und Heimarbeit für Betreuungspflichtige an, jedes fünfte gibt die Möglichkeit zur Weiterbildung bei Elternzeit, und 15 Prozent zahlen einen Zuschuss für die Kinderbetreuung. Deutlich schlechter als bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie sieht es noch mit der gezielten Karriereförderung von Frauen aus: Nur 5 Prozent gaben an, auf Mentoringprogramme oder Frauenförderpläne zu setzen.

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