Meine ersten 60 Tage in Schanghai

Wie Expats in Chinas Wirtschaftsmetropole Wurzeln schlagen und die Tücken des Alltags in der neuen Welt meistern. Unser Korrespondent erzählt, wie ihm der Start gelungen ist.

Von Hendrik Ankenbrand

Eines vorweg: Wer nach China beruflich versetzt wird oder aus freien Stücken nach China zieht, dem darf gratuliert werden, sollte die Zieladresse Schanghai lauten: Glückwunsch, Genosse – in keiner anderen Stadt des chinesischen Festlands wird westlichen Expats, den von ihren Arbeitgebern ins Reich der Mitte Entsandten, das Ankommen leichter gemacht.

Angefangen bei der Luft, die hier sauberer ist als in Peking, und endend bei den Restaurants, die hier exklusiver und aufregender sind als anderswo, ist auch jede weitere Lebenslage dazwischen einfacher zu bewältigen in der früher „Paris des Ostens“ getauften Millionenmetropole. Sie trägt heute allerdings den Ehrentitel „Das New York des 21. Jahrhunderts“. Keineswegs zu Unrecht – auch wenn es Kulturschocks gibt. Doch mit Wissen und Geschick lassen sie sich spielend meistern.

Vor der Ankunft

Wer nach Schanghai umzieht, der sollte schon vor dem Umzugstermin nach Schanghai fliegen: zur Wohnungssuche. Erst mal rübermachen, ins Hotel einmieten und dann locker auf Heimschau gehen? Vergessen Sie es. „First Mover Advantage“ heißt doch der Zeitvorteil in der modernen Wirtschaftswelt. Wer sich in Schanghai zuerst bewegt, hat die Auswahl – und muss nicht monatelang auf die Renovierung seiner Bleibe warten.

Der Schanghaier kauft eine Wohnung noch vor dem ersten eigenen Auto, sagt man in China. Kein Wunder, dass es Makler in Hülle und Fülle gibt. Wem nicht der Arbeitgeber über einen Relocation-Service die Wohnung sucht (das sind wenig verlässliche Agenturen, die gegen hohes Entgelt versprechen, das Übersiedeln so einfach zu gestalten wie den Check-in ins Urlaubshotel), der muss selbst ran – und lernt bei der Maklerwahl die erste goldene Regel in dieser Stadt: Kontakte, Kontakte, Kontakte. Also gilt es, Empfehlungen einzuholen und die neuen Kollegen vor Ort zu fragen. Der Vermieter zahlt den Makler. Dieses chinesische Prinzip dürfte deutsche Sozialdemokraten erfreuen. Und natürlich hat das Nachteile. Wer nicht bezahlt, darf vom Makler keine Loyalität erwarten. Deshalb sollte vor der Wohnungssuche eine Checkliste her.

Auch hier zählt: Lage, Lage, Lage. In welchem Viertel man in Schanghai lebt, ja gar in welcher Straße, kann das gesamte Leben der nächsten Monate und Jahre ins Positive oder Negative wenden. 23 Millionen Einwohner zählt diese Metropole. Und auch wenn die Fläche nur die Hälfte von Chinas Hauptstadt Peking einnimmt, gleichen die Wege doch Weltreisen.

Wessen Kinder die deutsche Schule besuchen, muss mit dem Hochhausviertel Pudong vorliebnehmen. Alle anderen sollten Pudongs Wolkenkratzer allenfalls ihren Gästen aus Europa oder Amerika vorführen – von der „richtigen“ Seite aus, dem gegenüberliegenden Puxi, vielleicht von der Dachterrasse der Bar Rouge, von wo aus der stahlgewordene Beweis des rasanten chinesischen Aufstiegs bei einem Gin Fizz weit angenehmer zu betrachten ist als in diesem betontoten Viertel selbst.

Zum Wohnen und Leben gibt es zu Puxi keine Alternative. Am stärksten zieht es einen in die ehemalige Französische Konzession, ein Großviertel mit engen, von Platanen gesäumten Alleen, in die der Neu-Schanghaier auf dem Weg vom Flughafen eintaucht wie in eine Märchenwelt und an deren Rändern in den 30er Jahren gebaute Kolonialhäuser mit nicht gerade preiswerten Wohnungen stehen. Sie sind allerdings dennoch jeden Yuan wert. Wie bitte, hier soll das Leben nicht authentisch sein? Dann ziehen Sie doch nach Pudong.

Wohnungswahl

Hochhaus oder Old House ? Das ist nicht die Frage. Wer Spaß hat am Leben, muss ins alte Gemäuer mitten unter neue chinesische Nachbarn. Viele der renovierten Art-déco-Schmuckstücke sind jedoch schlecht isoliert, was sowohl dem Wohlbefinden in Schanghais heißem Sommer als auch dem feucht-kalten Winter abträglich ist. Zudem sollen nicht jeden Abend die Nachbarn mit einer Lärmbeschwerde vor der Tür stehen. Den Makler diesbezüglich löchern, lautet also die Devise. Und auch selbst den Schallschutz testen. Heizkörper in jedem Zimmer sind in Schanghai keineswegs selbstverständlich, aber ein Muss. Und schließlich braucht es ein Herz für Kakerlaken: Die gibt es. Die sind einfach da. Und die gehen auch nicht unbedingt weg.

Leben mit einer lieben Tante

Wer ein Problem damit hat, Dinge des täglichen Lebens von Dienstboten erledigen zu lassen, der sollte nicht nach China ziehen. Denn er schadet dem Bruttosozialprodukt. Und verpasst einen der großen Vorteile des Expat-Lebens in Schanghai: viele Dinge des täglichen Lebens von anderen erledigen zu lassen. Natürlich kann man zwei Drittel seiner Tage mit dem Bezahlen von Rechnungen, dem Einkauf im fernen Supermarkt und der Suche nach Handwerkern verbringen. Man muss das aber nicht.

180 Euro ist der Monatslohn für die wichtigste Frau im Leben des Expats: der Ayi. Dafür wischt die Putzfrau auch dreimal die Woche. 180 Euro sind ein anständiger Lohn, und anständig muss er sein. Sonst ist die Ayi weg. Ayi heißt Tante, und so fühlt sie sich auch: als Teil der Familie. Der Wettbewerb um Arbeitskräfte ist hart in China. Wenn das Land im Herbst das Mondfest feiert, darf der Mondkuchen für die Tante nicht fehlen. Sonst ist die Ayi weg. „Du musst deiner Ayi eine angenehme Arbeitsatmosphäre schaffen“, sagen die Bekannten aus der Expat-Gemeinde, die binnen zwei Jahren sechs Ayis eingestellt haben. Daher empfiehlt es sich, täglich die Ayi freundlich zu fragen: Wie geht es dir?

Die Sprache

Die größte Hürde beim Ankommen in Schanghai: Chinesisch. Denn selbst die Taxifahrer verstehen meist kein Englisch. Dabei sollen die doch vor der Weltausstellung „Expo 2010“ angeblich den Toefl-Test erfolgreich bestanden haben. So stand es jedenfalls damals in der Zeitungen. Aber die Story war eine Ente.

Schanghaier mögen weltoffener sein als ihre Landsleute in Peking. Das heißt aber noch lange nicht, dass sie Wort-, Zeichen- oder Körpersprache in anderer als der ihnen gewohnten Form akzeptieren. Deshalb zuerst einen Sprachkurs ansteuern. Gute Lehrer gibt es viele. Die besten findet man durch persönliche Empfehlungen von Bekannten. Wer zwei Stunden am Tag unter professioneller Anleitung lernt, sich im Alltagsleben zu verständigen, macht schnell Fortschritte und steigert überdies sein persönliches Glücksgefühl. Chinesisch soll so schwer sein? Nur Mut. Diese Sprache kennt noch nicht mal die Vergangenheitsform.

Die Chinesen

Sie spucken, und sie drücken in der U-Bahn. Trotzdem wirft das niemanden um, der sich in Pennälerzeiten in einen Schulbus gequetscht hat. Es ist ein liebenswertes Volk. Die Chinesen brüllen sich an und machen sich in Wahrheit doch gerade Komplimente. Jeder hat eine Aufgabe, jeder trägt Schärpe. Anweisungen geben – auch das liebt dieses Land. Zu bedeuten hat das meist nichts. Machen Sie es wie die Chinesen, von denen der Eindruck täuscht, dass sie ihre Mitmenschen oft nicht ansehen wollen. Sie sehen sie einfach nicht.

Das Taxi

Die ausgedruckte Adresse auf Chinesisch und vier Wörter genügen, um gut durch die Stadt zu kommen: Zuo guai (nach links), You guai (nach rechts), Yi zhi zou (immer schön geradeaus) und Ting (Halt). Das reicht. Geld braucht man dafür wenig. Denn Taxis sind spottbillig. Für eine etwa zwanzig Minuten lange Stadttour stehen umgerechnet 3 Euro auf der Uhr. Trinkgeld gibt in China keiner. Der Fahrer bleibt trotzdem charmant. Wer zudem erfolglos das Schloss zum Anschnallgurt sucht, wird beruhigt. Man fahre schon ewig Taxi, heißt es im Fond. Heute allein schon seit 32 Stunden.

Die Restaurants

Über 20 000 Möglichkeiten zur auswärtigen Nahrungsaufnahme soll Schanghai aufweisen. Nachgezählt hat keiner, obwohl das Zählen Nationalhobby ist. „Yi?“, fragt die Kellnerin im Restaurant jedes Mal, wobei auf die Bilder der Speisekarte gezeigt wird. Praktischerweise sind dort alle Gerichte zu betrachten (wobei die vielen Knochen im Fleisch fehlen). Wer mit China fremdelt, der lernt es über seine Küche lieben. Scharf, süß, schüchtern wie verwegen – ein Land dieser Größe hat alle Geschmacksrichtungen zu bieten. Natürlich gibt es auch gute Italiener hier. Und noch bessere in Italien. China hingegen macht dem Expat das größte Geschenk: eine kulinarische Achterbahnfahrt, so aufregend wie niemals wieder danach. Schanghai bietet zudem eine Fülle an westlichen Supermärkten, auf deren englischsprachiger Website jede erdenkliche Zutat der westlichen Kochwelt für den Pfannenschwung am heimischen Herd zu ordern ist. Und für die Lebensmittelsicherheit der Zutaten ist auch gesorgt.

Die Expat-Weibchen-Falle

Eine Klarstellung der politischen Korrektheit zuliebe: Natürlich kann der berufslose Teil des Expat-Paars auch männlich sein. Es läuft aber auf dasselbe hinaus. Ob sie oder er dem Partner hinterherzieht, um mit dem China-Abenteuer die Karriere zu beschleunigen: Wer vor Ort keine erfüllende Aufgabe findet in dieser reizvollen und umtriebigen Stadt, der wird bald unglücklich sein. Und der beruflich stark engagierte Partner gleich mit.

In vielen Fällen sind es Frauen, die tagsüber in den Cafés der Stadt der Lesung eines ausländischen Buchautoren lauschen, während draußen bei laufendem Motor der Fahrer wartet. Schön ist das nicht. Und ohne Zukunft. Fast jeder Expat kennt in dieser Stadt jemanden, dessen Beziehung an der Unwucht im Streben nach Sinn gescheitert ist. Dieses Problem kann nicht die Ayi lösen. Die meisten anderen im normalen Alltag allerdings schon. Willkommen in Schanghai!