Politik ohne BWL – bleibt Stückwerk

Zahlreiche wirtschaftspolitische Maßnahmen sollen über Unternehmen Wirkung entfalten.

Sie versagen – wenn betriebswirtschaftliche Zusammenhänge nicht beachtet werden.

Es gibt in Deutschland rund 3,6 Millionen Unternehmen – multinationale Konzerne mit mehreren hunderttausend Mitarbeitern, Traditionsunternehmen mit über hundertjähriger Firmengeschichte, aber auch Kleinstunternehmen und Start-ups, die noch am Anfang einer zündenden Geschäftsidee stehen. Genauso vielfältig ist das Leistungsspektrum dieser Unternehmen: Von Sachgütern bis hin zu Dienstleistungen, vom stationären Handel bis zum Internet der Dinge, von Massenproduktion mit modernsten Fertigungstechnologien bis hin zu Handarbeit, von klassischen Geschäftsmodellen bis hin zu Social Entrepreneurship. Die jährliche Wirtschaftsleistung beträgt rund 3 Billionen Euro, die Arbeitnehmern über Löhne und Gehälter, Kapitalgebern als Zinsen und Dividenden und dem Staat in Form von Steuern zufließen.

 

Wurzel dieser Leistung ist die Nutzung betriebswirtschaftlichen Wissens. Dieser moderne „Werkzeugkasten“ der Unternehmensführung wird seit rund 120 Jahren in der Betriebswirtschaftslehre (BWL) aufgebaut und enthält differenzierte Instrumente aus Bereichen wie Finanzierung oder Organisation, Marketing oder Rechnungswesen, Strategie oder Personalmanagement. Sie schaffen über ein strukturiertes Verständnis der betrieblichen Wertschöpfungskette leistungsorientierte Kernkompetenzen, mit denen Unternehmen überragende Effizienz und Wettbewerbsfähigkeit erreichen können, und geben so den notwendigen Handlungsrahmen. Mit den betriebswirtschaftlichen Entscheidungsinstrumenten lässt sich steuern, wie das Unternehmen in komplexen und sich zum Teil disruptiv verändernden Umfeldbedingungen ausgerichtet werden muss, welche Risiken zu adressieren sind und ob beziehungsweise wann korrigierend einzugreifen ist.

 

Betriebswirtschaftliches Knowhow hilft unter anderem bei der Bewertung strategischer Investitionsentscheidungen und den damit verbundenen Finanzierungsoptionen oder der Kapitalmarktkommunikation, aber auch bei Fragen der Lieferantenauswahl und des globalen Supply-Chain-Managements; es kommt bei der Optimierung der betrieblichen Gesundheitsfürsorge genauso zum Einsatz wie bei der Gestaltung dynamischer Pricing-Modelle im Vertrieb oder im Rahmen der digitalen Transformation zur Industrie 4.0.

Als Wissenschaftsdisziplin und Kernfach der Ökonomie setzt sich die BWL mit der systematischen Erforschung und Weiterentwicklung betriebswirtschaftlicher Instrumente auseinander. Sie ist heute weit entfernt von der frühen kaufmännischen Instrumentenlehre, die mit der beschreibenden Systematisierung von Buchführungstechnik, Managementpraktiken oder Institutionen lange das Bild der BWL prägten. Moderne betriebswirtschaftliche Forschung ist viel mehr als das: die systematische Evaluation von betriebswirtschaftlichen Praktiken durch theoretische Analyse (wie hängen betriebswirtschaftliche Instrumente und ihre Wirkung zusammen?), empirischer Überprüfung (lassen sich diese Wirkungen tatsächlich beobachten?) und normativ-gestaltungsorientierter Weiterentwicklung (wie müssen die Instrumente für das Erreichen gegebener Ziele angepasst werden?). Dieses Herangehen prägt auch die forschungsorientierte Lehre an Universitäten und bereitet deren Studierende auf anspruchsvolle und neuartige Herausforderungen in ihrer späteren beruflichen Praxis als Führungskräfte vor.

 

Allerdings ist es zu kurz gegriffen, die gesellschaftliche Relevanz einer aus öffentlichen Geldern finanzierten BWL an Universitäten nur in der forschungsorientierten Ausbildung künftiger Manager zu sehen.

 

Auch in der Politik wird betriebswirtschaftliche Forschung dringend benötigt. Dies betrifft zunächst unmittelbar die Wirtschaftspolitik, und zwar immer dann, wenn staatliche Eingriffe an beziehungsweise über Unternehmen wirken sollen. Dafür ist notwendig, das genaue Zusammenspiel der geplanten politischen Maßnahmen mit den in Unternehmen konkret eingesetzten betriebswirtschaftlichen Instrumenten zu kennen. Ansonsten besteht die Gefahr, dass Wirtschaftspolitik wirkungslos bleibt oder sogar zu Fehlentwicklungen führt.

 

Ein Beispiel ist die extensive Geldpolitik der Europäischen Zentralbank EZB und die damit verbundenen negativen Zinsen. Beides zeigt bisher kaum Wirkung – weder auf die gewünschte Erhöhung der Teuerungsrate noch auf die Zunahme von Investitionen. Eine Erklärung dafür liefert die BWL: Viele Unternehmen stehen durch Globalisierung und Digitalisierung der Märkte unter hohem Wettbewerbsdruck und haben straffe Kostensenkungsprogramme implementiert, denn an Preiserhöhungen haben sie aufgrund der hohen Preissensibilität ihrer Kunden kein Interesse. Stagnierende Preise dämpfen aber die Investitionsneigung, die gerade angefeuert werden soll, denn sie mindern die Zahlungsmittelrückflüsse als wichtige Determinante für die Beurteilung der Profitabilität von Investitionen in den Entscheidungsrechnungen der Unternehmen. Hinzu kommt, dass Unternehmen ihre Investitionspolitik oft mit Finanzierungskosten kalkulieren, die über den tatsächlichen Kapitalmarktzinsen liegen: Um die Erfüllung anspruchsvoller Renditeziele durchzusetzen, aber auch, um sinnlose Überinvestitionen (Empire Building) von Bereichsmanagern zu vermeiden.

 

Investitionsförderung sollte deshalb statt durch billiges Geld eher durch die Schaffung innovationsfreundlicher Rahmenbedingungen geschehen. Dies schlägt beispielsweise die Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) vor, in der auch Betriebswirte die Bundesregierung beraten: durch Mittelstandsförderung, durch geeignete Förderstrategien für Zukunftsthemen wie Robotik oder durch die Schaffung von Zugangsmöglichkeiten zu Wagniskapital für insbesondere technologieorientierte Start-up-Unternehmen.

 

Ein anderes Beispiel stammt aus der Arbeitsmarktpolitik. Hier darf politisch nicht erwartet werden, dass sektorale oder regionale Arbeitslosigkeit in Tarifverhandlungen zu sinkenden Löhnen führt. Vor dem Hintergrund betriebswirtschaftlicher Instrumente der Personalführung ist dies einfach zu erklären: Lohnsenkungen betreffen nämlich auch die beschäftigten Arbeitnehmer und führen zu Demotivation, weil Leistungsbereitschaft eines Mitarbeiters ebenso wie damit verbundene Anerkennung durch Unternehmen vor allem über Lohnsteigerungen kommuniziert werden. Erfolgreiche Arbeitsmarktpolitik identifiziert deshalb auch Maßnahmen, die das betriebswirtschaftliche Kalkül adressieren: flexiblere Regelungen für den Arbeitseinsatz von Mitarbeitern, die Anpassungen an schwankende Kapazitäten erlauben, oder den Abbau von Personalnebenkosten über eine Reduktion von Sozialversicherungsbeiträgen, um durch niedrigere Personalkosten die Entscheidung für den Aufbau von Personalkapazitäten in Unternehmen zu begünstigen.

 

Gerade solche Maßnahmen verlangen allerdings auch, dass beispielsweise Sozialversicherungsträger möglichst effizient mit ihren Mitteln umgehen – und damit ist man bei einem dritten Feld, in dem betriebswirtschaftliche Forschung substantielle gesellschaftliche Relevanz besitzt. Die Administration in Institutionen der öffentlichen Verwaltung profitiert nämlich ganz erheblich vom Knowhow der BWL, weil sie häufig genauso wie Unternehmen vor der Herausforderung steht, hochkomplexe Leistungen in einer sich dynamisch entwickelnden Umwelt bezogen auf einen gegebenen Zielkatalog erfolgreich umzusetzen. Genau dafür liefert aber der betriebswirtschaftliche Werkzeugkasten die notwendigen Instrumente.

 

Dies zeigt exemplarisch die Arbeit von Frank-Jürgen Weise seit 2002 in der Bundesagentur für Arbeit beziehungsweise seit 2015 im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. So hat in der Bundesagentur für Arbeit erst das von Weise eingeführte Controlling transparent gemacht, welche Maßnahmen tatsächlich effektiv sind, so dass die Gelder der Arbeitslosenversicherung heute deutlich passgenauer eingesetzt werden und die eingesparten Mittel an anderer Stelle sinnvoll genutzt werden können. Und die von Weise aktuell geplante Nutzung kurzfristig flexibler Personalkapazitäten aus Beratungsgesellschaften, um im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge sehr schnell eine extrem hohe Anzahl von Asylanträgen bearbeiten zu können, entspricht genau dem betriebswirtschaftlichen Instrumentarium der Kostenflexibilisierung, mit der Unternehmen kurzfristigen Kapazitätsspitzen gerade ohne teuren Aufbau von Fixkosten begegnen.

 

Auch bei anderen politischen Aufgaben ließe ein Mehr an betriebswirtschaftlichem Knowhow ein Mehr an gesellschaftlichem Nutzen erwarten – beispielsweise im Gesundheitssystem, in der Bildungspolitik oder der Altersvorsorge. In Institutionen mit traditionellen Verwaltungsstrukturen ist dafür ein radikales Umdenken notwendig, aber auch dafür stellt die BWL die notwendigen Change-Management-Instrumente bereit.

Der in diesem Zusammenhang manchmal geäußerte Kritikpunkt einer „Ökonomisierung durch die BWL“, das heißt eine eindimensionale und negative Fokussierung auf Kosten und auf dem Rücken einzelner gesellschaftlicher Gruppen, läuft dabei ins Leere. Denn in der BWL hat man inzwischen gelernt, dass bei der Umsetzung betrieblicher Entscheidungen die oft widersprüchlichen Interessen der unterschiedlichen Stakeholder eines Unternehmens ausgleichend zu berücksichtigen sind. Die notwendige Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung im unternehmerischen Handeln ist gerade für Betriebswirte kein Fremdwort, sondern vielmehr zentraler Bestandteil der ethischen Dimension von Zielsystemen und der daraus abgeleiteten Maßnahmen in Unternehmen. Dies ist auch ein Kernthema auf der aktuellen Tagung des Berufsverbands der betriebswirtschaftlichen Hochschullehrer an der TU München vom 18. bis 20. Mai 2016 an der TU München.

 

Barbara E. Weißenberger ist Vorsitzende des Verbands der Hochschullehrer für Betriebswirtschaft (VHB) e.V. sowie Inhaberin des Lehrstuhls für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Accounting, an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.

 

 

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