Schön erfolgreich

Wer gut aussieht, der macht leichter Karriere. Das ist die unschöne Nachricht.

Wer mag, der kann an seinem attraktiven Auftritt feilen. Das ist die gute Nachricht. Besuch eines Stylingseminars.


Quelle: Andreas Müller

Von Ursula Kals

Bevor es in den Seminarraum geht, dessen Stirnseite komplett verspiegelt ist, steht die Retusche am Waschbecken an. Ein schwüler Samstagmorgen, die neongrelle Beleuchtung sorgt für einen faden Wasserleichenteint und dafür, dass Augenringe und Falten – die nur Wohlmeinende Lachfalten nennen – unübersehbar sind. Das ist unangenehm, denn der Termin ist ungewöhnlich. Diesmal geht es nicht um Bilanzen und nüchterne Inhalte, sondern um den äußeren Schein, den gelungenen Auftritt im Leben, natürlich auch im Berufsleben. „Bin ich, was ich trage?“ heißt der Workshop, den die Volkshochschule Unterhaching so ankündigt: „Wie Kleidung und Styling auf andere wirken und welche Botschaft sie transportieren.“

Um das von der Stylingexpertin Jasmin Leheta zu erfahren, sind sechs Seminarteilnehmer in den Münchener Vorort gekommen. Sie möchten in den nächsten vier Stunden erfahren, wie man sich „durch den bewussten Einsatz von Farben, Formen und Materialien von seiner besten Seite präsentiert“. Der „Sprachkurs in nonverbaler Kommunikation“, wie die VHS dichtet, erinnert daran, wie rasch man andere aufgrund ihres Erscheinungsbildes in eine Schublade steckt und selbst darin versenkt wird: Nämlich in wenigen Sekunden – die Wissenschaft hat sich auf sieben verständigt – machen sich andere ein unbewusstes Bild von uns. Und das ist zementiert, zumal in Selfiezeiten, die anfällig für Äußerlichkeiten jeder Art sind und diesen Primacy Effect, den Ersteffekt, munter bedienen.

Um Vorurteile und vorschnelle Urteile auszubremsen, sind Fotos in Bewerberunterlagen in manchen Ländern untersagt. Hierzulande setzt sich das nicht durch. Es ist eine Binsenweisheit, dass der kulleräugige Polohemd-Knabe an der Fleischtheke die Wurstscheibe einfährt, während das nicht so hübsche Kind mit Silberblick, Rotznase und Schmuddel-T-Shirt öfter mal leer ausgeht. Es ist eben nicht Jacke wie Hose, wie jemand aussieht. Das ist bitter, denn ein Lob zu gutem Aussehen ist selbstverstärkend. Wir haben uns längst daran gewöhnt, dass Chefs ihren Körper mit Marathonläufen stählen und bierbäuchige Patriarchen ins Derrick-Zeitalter verweisen. Karrierewillige haben ihren Körper als Kampfzone definiert, wer nicht mithält, wirkt disziplinlos. Studien untermauern: Schöne Kinder bekommen bessere Noten, schöne Erwachsene finden leichter eine Stelle, steigen schneller auf, verdienen mehr. Großgewachsene Männer kommen auf der Karriereleiter müheloser voran, auch Männer mit Glatze, die wirken dominanter, wie eine Studie der Wharton University of Pennsylvania besagt. Was nicht für außergewöhnlich hübsche Männer wie Frauen gilt, die wiederum kämpfen mit Schön-aber-dumm-und-oberflächlich-Vorurteilen, bestätigen so aber die Regel – ihr Perfektionismus wird als künstlich-kalt empfunden.

Im noch steifen bayrischen Stuhlkreis sitzt Gerhard, dessen Tonfall den Norddeutschen verrät. Er ist der einzige Mann und repräsentiert das, was unter „sportlich-gepflegt“ bezeichnet wird. In gemütlicher Cordhose, Hemd und Blouson bekennt er, dass er gerne mit mehr Menschen in intellektuellen Austausch treten möchte. Ihm zur Seite seine ehemalige Lebensgefährtin und Vertraute, eine zierliche, temperamentvolle Französin mit schmaler Hose und dunkler Haarpracht. Gerhard wundert sich, warum hier keine Politiker sitzen: „Wo sind die, die gekannt werden wollen, die man aber nicht kennt?“ Wahlerfolg hänge auch von ansprechender Optik ab. „Die kommen zum Einzelcoaching“, klärt Kursleiterin Leheta auf und darüber, „dass es für den ersten Eindruck keine zweite Chance gibt“.

Mit im Kreis sitzt die zurückhaltende Mitvierzigerin Sabine, die im wahren Leben anders heißt. Sie spricht offen, mag aber ihren Namen nicht in der Zeitung lesen. Schlank, sportlich, aber ernst erscheint die berufstätige Mutter in Karobluse und Jeans. Dass die gewissenhafte Sachbearbeiterin eine gute Boogie-Woogie-Tänzerin ist, deutet erst ihr schwungvoller Auftritt beim Probelaufen an. Ihre Zuverlässigkeit zeigt sich auf den ersten, ihre Lebensfreude erst auf den zweiten Blick. Leheta ist begeistert, als sie vom ungewöhnlichen Hobby erfährt: „Tanzen nährt Ihre Weiblichkeit. Das sollten Sie mehr ausleben. Wenn nicht jetzt, wann dann?“ Sabine hört aufmerksam zu. Von klein auf sei ihr Selbstbewusstsein angekratzt. Oft hört sie den Vorwurf, sie ziehe sich zu brav und ältlich an. „Das Spielerische fehlt“, bestätigt Leheta.

Neben Sabine sitzt eine junge Diplom-Betriebswirtin, die noch keine dreißig ist. Mit ihrer Modelfigur in weißer Jeans und Jeanshemd, den blonden Haaren und dem gut geschnittenen Gesicht erscheint sie irgendwie fehl am Platz – eben weil sie so attraktiv wirkt. Aber genau das, so wird Katharina ungekünstelt-unbekümmert berichten, ist ihr Problem: Sie werde oft nicht auf Augenhöhe wahrgenommen. „Ich werde als Püppchen abgestempelt und unterschätzt. Mir geht es hier eher um eine Art Coaching.“ Dass sie die Natur liebt, gerne wandert und einen Reifenwechsel wuppt, sieht man der sorgfältig geschminkten Controllerin auf ihren bemerkenswerten Absätzen nicht an.

Die Krux: Wie man auf andere wirkt, das wird in der Regel nicht offen kommuniziert. „Man kriegt das nicht mit, weder nach einem Bewerbungsgespräch, noch wenn man in der U-Bahn angestarrt wird“, erläutert Jasmin Leheta. Sie selbst, eine großgewachsene Frau mit dunklen Haaren, erscheint in taillierter weißer Bluse, schwingendem rosa Tellerrock und schicken rosa Pumps. „Als große, noch dazu dunkelhaarige Frau ziehe ich mich bewusst feminin an.“

Zum Auftakt gibt es ein kurzes Beruferaten. Die Teilnehmer sollen einschätzen, was wer beruflich macht. Kein unheikles Verfahren, schließlich geht es ums Eingemachte. Die Atmosphäre ist freundlich-bemüht. Im zweiten Teil sollen die Teilnehmer den Catwalk bestehen und einmal durch den großzügigen Raum gehen, was hier und da Überwindung kostet, aber mit Lounge-Musik erstaunlich gut funktioniert. Auch bei denjenigen, die dazu neigen, „ihr Licht unter den Scheffel zu stellen“, wie Jasmin Leheta bedauert. „Sie werden nicht gesehen, aber warum übersieht man Sie? Das, was wir hier machen, hat mit Mode nichts zu tun, sondern damit, den Mensch mit seinen ganzen Facetten erkennbar zu machen. Schönheit ist das, was einen erfüllt, wenn man etwas tut. Das ist es, was einen zum Strahlen bringt.“

Die in Italien aufgewachsene Halbägypterin referiert bewusst keine Patentrezepte, gibt aber dennoch eine Reihe von Tipps. Einen „in Stein gemeißelten Dresscode für das Berufsleben gibt es nicht mehr“, davon ist sie überzeugt. Selbstverständlich existieren nach wie vor ungeschriebene Regeln für einen gelungenen optischen Auftritt: In konservativen Branchen oder bei Kundenkontakt ist allzu lässige Kleidung unangebracht. Zu kurze Röcke, zu tiefe Ausschnitte, zu hohe Schuhe, zu bunte, zu ungebügelte Hemden, zu schlecht sitzende Sakkos sind keine Karriereturbos. Der seriöse Mitarbeiter tritt nicht in Sandalen auf, es sei denn, er ist Animateur im Ferienclub. Aber uniformiert und wie ein Heer von Klonen nur in gedeckten Trauerfarben mit Anzug und Kostüm zu erscheinen, diese Regel ist in Lehetas Augen längst überholt. „Auch Vorstandsvorsitzende treten ohne Krawatte auf. Ich bedaure es, dass sich viele so wenig trauen. Trauen Sie sich, die Inspiration für die anderen zu sein.“

Im Prinzip geht es ihr darum, dass jemand durchaus seinem Typ treu bleibt, aber hier und da etwas daran schraubt, mit seiner Kleidung und seinem Auftreten „seine Persönlichkeit zu zeigen, etwas ganz Individuelles“. Was besonders zurückhaltenden Menschen naturgemäß schwerfällt, die so aber noch leichter übersehen werden. „Ist jemand eher scheu, dann rate ich, etwas Markantes zu tragen, sei es, eine ungewöhnliche Uhr, ein ausgefallenes Armband aus Naturmaterialien, das an die letzte Reise erinnert, ein extravagantes Schmuckstück, eine Krawatte mit ungewöhnlichem Motiv. So werden Leute auf Sie als Mensch neugierig.“ Solche Details gäben anderen Fragen auf, forderten zum Gespräch auf. Dann werde gemutmaßt: Aha, da interessiert sich jemand für fremde Kulturen. Der strenge Kollege hat ja doch eine menschliche Seite und wälzt in seiner Freizeit nicht nur Akten. „Man sollte seine Kompetenzen nach außen tragen.“

Das ist ein Stichwort für Gerhard, der inzwischen Rentner ist, aber lange als Ingenieur in Afrika Projekte geleitet hat. Er klagt: „Ich bekomme Beifall von den uninteressanten Leuten.“ Er sollte die lässige Cordhose gegen dunkles Tuch tauschen, statt Blouson einen Blazer wählen, um rascher in anspruchsvolle politische Debatten einzusteigen. Dann falle Netzwerken leichter, verspricht die Kursleiterin. Für die modebewusste Katharina hat sie ebenso Tipps: Sie soll mit einem folkloristischen Accessoire aufwarten, sei es ein verspieltes Nickituch, „etwas mit Federn, Kork, Holz, Wolle oder Blattmotive“, Elemente, die einen Hinweis auf ihre Naturverbundenheit geben, ruhig mal derbere Schuhe tragen und ihre Eleganz leicht aufbrechen.

Zu Lehetas Klientel gehören viele Lehrer und Trainer, deren Schränke sie kritisch inspiziert, ausmistet und mit denen sie gegen ein Honorar einkaufen geht. Was diese eint: Sie treten eher als Kumpel der Kinder und Eltern in Erscheinung. „Ihnen rate ich, sich erwachsener zu machen, sich insgesamt hochwertiger zu präsentieren.“ Und dem Ingenieur, der gern Jeans trägt, sagt sie: „Jeans schreien nach Arbeit. Sie wollen doch die Ansage machen und nicht selbst die Straße pflastern?!“

Grundsätzlich empfiehlt sie, die „Na-ja-Sachen im Kleiderschrank zu eliminieren“, und mahnt streng: „Finger weg von reiner Baumwolle.“ Sie setzt auf gute Materialien, rät zu Satin, Seide, Chiffon, einem leichten Glanz- und Elastikanteil. „Das ist businesstauglich und lässt Sie wertvoller wirken. Wertigkeit kann man anziehen.“ Auch „abgeschubberte Nähte“ hätten im Büro nichts zu suchen. Einer Bildredakteurin, die sich in harten Budgetverhandlungen durchsetzen muss, hat sie geraten, zu diesen Terminen auf ihre unkonventionelle Künstlerrobe zu verzichten und sich schwarz zu kleiden, am besten mit einem Lederteil. „Der Anzug ist ein Ritterschlag und eine Botschaft.“ Die Dame habe mit ihrem eher maskulinen Auftritt Erfolg gehabt.

Zum Schluss zitiert die Bloggerin ihren Mentor, der der Ansicht ist, dass sich im Alter ab 40 Jahren im Gesicht zeigt, „was man tatsächlich für ein Mensch ist, wie das wirkliche Wesen ist“. Ihre Mutter wiederum, eine Schauspielerin, habe sie ermahnt: „Achte auf Haltung und Mundwinkel, die rutschen nach unten und bleiben dann da.“

Attraktivität färbt ab

Wer den gängigen Schönheitsidealen entspricht, angefangen von einem symmetrisch geschnittenen Gesicht bis zu einer schlanken, durchtrainierten Figur, der profitiert gleich in mehrfacher Hinsicht: Er wird auch für klug und erfolgreich gehalten. Die Psychologie nennt das den Ausstrahlungseffekt oder Halo-Effekt: Ein positiv bewertetes Personenmerkmal strahlt aus, indem der Beurteiler auf das Vorhandensein weiterer positiver Merkmale schließt. Der Mensch ist schön, wir folgern daraus, dass er auch sportlich und gesellig ist. Menschen neigen dazu, ästhetische mit ethischen Kategorien zu vermischen, wer schön ist, ist auch gut. So werden weitreichende Schlussfolgerungen gezogen, die mit dem Ausgangsmerkmal nichts zu tun haben. Dieses Attraktivitätsstereotyp führt dazu, dass schöne Menschen positiver behandelt werden und um etwa 10 Prozent höhere Gehälter haben.
Es gibt eine detailreiche, lange Forschungstradition zu diesen Wahrnehmungsverzerrungen, die wegführend Solomon Asch untersucht hat. Das ist relevant, weil sich diese Sichtweisen über sich selbst erfüllende Prophezeiungen stabilisieren. Man denkt, die hübsche Person sei auch schlau, und nimmt selektiv jene Dinge wahr, in denen sie sich intelligent verhält, die anderen Anteile ihres Verhaltens werden ausgeblendet. Durch diese Erwartungshaltungen entwickelt sich die Person auch positiv – es kommt zu urteilsstabilisierenden Interaktionen. Nur gilt das auch für Unattraktivität in die umgekehrte Richtung. Was in diesem Fall einen Teufelskreis eröffnet.