Tal der Sexisten

Frauen haben im Silicon Valley nur in Spitzenjobs ein gutes Leben.

Übergriffe und Diskriminierung sind üblich. Initiativen wollen das beenden.
Sexismus im Silicon Valley

Den Aufschrei hätte sich Susan Fowler nicht träumen lassen. Als die Amerikanerin ihre Erlebnisse bei Uber in einem Blog zusammenfasste, wollte sie nur mit dem Fahrdienstvermittler abschließen. Sie hatte das Technologieunternehmen mit Sitz in San Francisco im Dezember 2016 verlassen – wie sie schrieb, nach einem „sehr, sehr merkwürdigen Jahr“. Die Mittdreißigerin, die Teilchenphysik studiert hatte, musste schon am ersten Tag bei Uber Annäherungsversuche ihres Chefs abwehren. Ihre Beschwerden verhallten, weil die Personalabteilung den Teamleiter als „high performer“ einstufte.

„Das Management ließ mich wissen, ihn nicht zur Rechenschaft ziehen zu wollen. Es war angeblich nur ein einmaliger Ausrutscher“, erinnerte sich Fowler. Später erfuhr sie von anderen Uber-Mitarbeiterinnen, dass ihr Chef schon früher durch sexuelle Belästigungen aufgefallen war. Als Fowlers Beförderungen trotz hervorragender Beurteilungen ausblieben, wechselte sie zum Payment-Dienstleister Stripe. Nach einer Flut unterstützender Posts hat sie die Kommentarfunktion ihres Blogs inzwischen geschlossen. Bei Uber bemüht man sich derweil um Schadensbegrenzung. Travis Kalanick, der Gründer des Online-Dienstes, beauftragte den früheren amerikanischen Justizminister Eric Holder mit der Suche nach schwarzen Schafen.
Dass die Hightech-Unternehmen der Bay Area und des Silicon Valley ein Sexismus-Problem haben, gilt in Kalifornien als offenes Geheimnis. Während Prominente wie die Yahoo-Chefin Marissa Mayer und Facebooks Geschäftsführerin Sheryl Sandberg den Eindruck einer offenen Branchenkultur vermitteln, beschreiben Beobachter ein Klima wie auf einem Junggesellenabschied. Weibliche Angestellte klagen über vermeintlich amüsante Kommentare zu „Pussies“. Vor dem beruflichen Aufstieg werde häufig sexuelles Entgegenkommen verlangt. Für Schlagzeilen sorgten Messen wie TechCrunch Disrupt, bei der männliche Programmierer bei Vorstellungen von Apps wie „Titstare“ (Brüsteglotzen) über weibliche Geschlechtsmerkmale witzelten. Microsoft provozierte böse Kommentare, als bei einer Firmenfeier Tänzerinnen in Büstenhalter und Schulmädchenrock auftraten. „Tech war lange reine Männersache. Heute ist es Teil des Mainstreams mit Frauen als Angestellten. Leider bekommen sie die Umkleidekabinen-Mentalität aber weiter zu spüren“, sagte Alexia Tsotsis, die frühere Chefin der Website „TechCrunch“, dem Radiosender NPR.

Laut einer Umfrage erleben sechs von zehn befragten Frauen unerwünschte sexuelle Annäherungsversuche. Fast neun von zehn „Women in Tech“ gaben an, immer wieder zugunsten männlicher Kollegen übersehen zu werden. Obwohl in den Vereinigten Staaten sechs von zehn Berufstätigen weiblich sind, ist nur jeder dritte Angestellte bei Unternehmen wie Google, Twitter und Apple eine Frau. Fowler schreibt, viele suchten das Weite: „Als ich bei Uber anfing, waren 25 Prozent der Mitarbeiter weiblich. Als ich ging, war die Zahl auf sechs Prozent zurückgegangen.“ Das schlägt auch auf die amerikanischen Universitäten durch. 1984 lag der Anteil von Studentinnen in den „Computer Sciences“ bei 35 Prozent. Heute stellen sie 18 Prozent.

Ellen Pao bemüht sich um eine Trendwende. Die ehemalige Junior-Partnerin der Venture-Capital-Firma Kleiner Perkins Caufield & Byers hat ihren Arbeitgeber vor fünf Jahren wegen Geschlechterdiskriminierung verklagt. Vor Gericht in San Francisco trug sie vor, von einem verheirateten Kollegen zu einer Liaison gezwungen worden zu sein. Als sie die Affäre beendete, habe das Unternehmen mit Sitz im Silicon Valley ihre Leistungen schlecht bewertet, um Beförderungen und Gehaltserhöhungen streichen zu können. Als die Geschworenen die Klage der Juristin abwiesen, schloss sich Ellen Pao der Organisation Project Include an. Mit „Tech Women“ wie Tracy Chou (Pinterest) und Bethanye McKinney Blount (Cathy Lab) arbeitet sie nun an Vorschlägen, wie man das Silicon Valley frauenfreundlicher machen kann. Intel-Chef Brian Krzanich kündigte die mit 300 Millionen Dollar ausgestattete Initiative „Diversity in Technology“ an, die mehr Stellen für Frauen und Angehörige von Minderheiten schaffen soll – denn das Valley gilt auch als rassistisch. Ein Inklusionsversprechen, das das Weiße Haus im Juni 33 Tech-Unternehmen abrang, entpuppte sich dagegen als Luftnummer. Sechs Monate nach der Selbstverpflichtung zählte die Website paysa.com etwa bei Airbnb noch dreimal mehr männliche als weibliche Angestellte.

Nur in Führungspositionen schneiden Frauen vergleichsweise gut ab. Nach einer jetzt veröffentlichten Studie der Unternehmensberatung Fenwick & West stieg die Zahl weiblicher Vorstände bei den erfolgreichsten 150 Hightech-Firmen in den vergangenen zwei Jahren um etwa vier Prozent. Auf jedem siebten Vorstandssessel dieser Unternehmen sitze eine Frau. Weibliche Techies wie Amy Chang, Chefin des Start-ups Accompany, und Stacy Brown-Philpot, Geschäftsführerin der Handwerkervermittlung TaskRabbit, berichten von Dutzenden Angeboten. Frauen, so Chuck Robbins, der Geschäftsführer des kalifornischen Telekommunikationsunternehmens Cisco Systems, brächten neue Perspektiven und Denkansätze in die Vorstandsetagen. Dass sie auch dem Ruf des Silicon Valley als rüde Männerdomäne entgegenwirken, kommt als politisch korrekte Nebenwirkung vermutlich gerade recht.

 

Von Christiane Heil

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