Corporate Social Responsibility: Wie grün muss ein Gabelstapler sein?

Ab Januar müssen Unternehmen belegen, wie sie Klima und Umwelt schonen.

Manager sind nervös. Ihnen droht der Kampf mit Bürokratie und Kulturwandel.

Mit grünen Bildern und Beispielen, wie sich der Umweltschutz oder das Leben von Mitarbeitern und Kunden verbessern lässt, hübschen manche Unternehmen ihre Berichte zur Corporate Social Responsibility (CSR) gern auf. Doch solche Broschüren bleiben wertlos, wenn sie von internen Fakten und Zahlen nicht getragen werden. Davon ist Holger Hoppe überzeugt. Der Leiter für Nachhaltigkeitsmanagement beim Gabelstaplerhersteller Linde Material Handling, einer Tochtergesellschaft der Kion Group, sagt: „Es geht nicht um den schönsten Bericht“, sondern darum, das Thema Nachhaltigkeit systematisch und mit den richtigen Instrumenten in den Unternehmensabläufen zu verankern.“ Die Dokumentation der Ergebnisse sei dann nur das Sahnehäubchen obendrauf.

Internationale Unternehmen nutzen für solche Berichte meist die Richtlinien der Global Reporting Initiative (GRI G4), nationale Anbieter eher die vom Deutschen Nachhaltigkeitskodex (DNK). Beide Rahmenwerke fragen dabei die ökologischen und sozialen Auswirkungen der Geschäftstätigkeit nach Kennzahlen ab. „Ein Teil dieses Reportings stammt aus dem klassischen Berichtswesen der Finanz– und Personalabteilung“, erläutert Hoppe. Die übrigen Daten fließen aus Bereichen wie Einkauf oder Produkte hinzu. Sie alle werden dann mit einer eigenen Software zum einheitlichen Stichtag eingepflegt. „Die Ergebnisse verschaffen dem Steuerungskreis Nachhaltigkeit einen genauen Überblick, wo wir stehen“, sagt der Manager.

Daraus werden dann die Ziele entwickelt: Mit Blick auf den Klimawandel etwa die Senkung des Energieverbrauchs der Produkte und auch den bei ihrer Herstellung. Linde Material Handling (LMH) hat deshalb energieeffiziente Motoren in ihre Anlagen sowie langlebige Lithium-Ionen-Batterien in ihre Gabelstapler eingebaut. „Beides führt zu geringeren Betriebskosten“, sagt Hoppe. Dabei sorgen die Leiter der Handlungsfelder zur Nachhaltigkeit sowie die regionalen Koordinatoren im Unternehmen für die Umsetzung und Kontrolle der Maßnahmen.

Weitaus schwieriger ist es laut Hoppe, den Berichtsanspruch über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg zu erfüllen – bis hin zur Verpflichtungserklärung der Lieferanten zu Produktions- und Arbeitsbedingungen. Gefragt ist ein feines Gespür am Verhandlungstisch: „Unsere Einkäufer müssen immer mehr Details dazu abklopfen, ob unsere ökologischen und sozialen Bedingungen für einen Abschluss erfüllt sind oder nicht“, sagt er. Auch Risikoprüfungen und vertraglich vereinbarte Audits mit unangekündigten Kontrollbesuchen nehmen daher zu.

Die Erfahrungen mit dem CSR-Bericht will künftig auch Kion nutzen. Nach dem Vorbild ihrer Marke Linde möchte die Muttergesellschaft die Nachhaltigkeitsthemen für die gesamte Gruppe steuern und ihre Daten offenlegen. Ein Vorsatz aus gutem Grund: Denn von Januar 2017 an gilt eine EU-weite Berichtspflicht für börsennotierte Unternehmen, Banken und Versicherungen mit mehr als 500 Mitarbeitern und einer Bilanzsumme von mehr als 20 Millionen Euro. Sie müssen neben ihrer finanziellen Bilanz jedes Jahr auch Angaben zu Umwelt-, Sozialstandards oder Arbeitnehmerbelangen machen. Darüber hinaus werden Auskünfte zur Achtung der Menschenrechte sowie zur Bekämpfung von Korruption und Bestechung Pflicht. Dabei muss künftig der Aufsichtsrat prüfen, ob die Angaben zu diesen Themen vollständig vorliegen. Verstöße ziehen dabei hohe Bußgelder nach sich.

Politisch spiegelt die CSR-Richtlinie der EU das öffentliche Verständnis, wonach unternehmerische Tätigkeit mit gesellschaftlicher Verantwortung einhergeht. Konzerne müssen dabei über die Folgen ihrer globalen Geschäfte, möglichst entlang der Wertschöpfungskette, Rechenschaft ablegen. Allerdings bleiben etliche Fragen an den Gesetzgeber offen. „Bei Themen wie den Menschenrechten besteht Interpretationsbedarf“, berichtet Hoppe. Auch bei den Kontrollpflichten eines Unternehmens werde es trotz vertraglicher Regelungen auf der Ebene von Sublieferanten wohl zu Informationslücken kommen, glaubt der Experte.

Wirtschaftsverbände warnen bereits vor dem bürokratischen Aufwand, den die neue Berichtspflicht nach sich zieht. Auch die DZ Bank in Frankfurt muss ihn betreiben. Doch Sabine Könner, die Nachhaltigkeitsmanagerin des Instituts, bleibt gelassen. „Wir haben uns vor acht Jahren freiwillig verpflichtet, nach GRI zu berichten“, sagt sie, „das ist auch nach dem neuen Gesetz ein zulässiger Berichtsstandard, so dass sich für uns wenig ändert.“ Die Treiber für die freiwilligen Berichte seien anfangs kirchliche Investoren gewesen. Weil die Bank bereits viele Anforderungen erfüllte, habe sie das Interesse gern bedient und auch den Dialog mit Nichtregierungsorganisationen verstärkt.

Zumal das Plus an Informationen zur besseren Bewertung bei Ratingagenturen wie Oekom research geführt hat: „Je transparenter das Geschäftsverhalten, desto höher das Rating“, berichtet Könner. Allerdings müssen die Zahlen präzise sein: Der Abgleich von Excel-Sheets war dafür zu fehleranfällig. Inzwischen sammelt ein Tool nach klaren Kriterien die Daten aus den verschiedenen Abteilungen zusammen. Die DZ Bank-Manager bewegen dabei noch andere Fragen als die Höhe von Strom- und Wasserverbrauch. „Wie verständlich sind unsere Produkte, oder welchen CO2-Ausstoß haben die Unternehmen, die wir finanzieren?“, führt die Managerin als Beispiele an. Auch die Bankberater werden zur „nachhaltigen Kreditvergabe“ verpflichtet und fragen ab, ob ein Antragsteller die Umwelt- und Sozialstandards der DZ-Gruppe mit ihren bundesweit verbundenen 900 Genossenschafts- und Raiffeisenbanken erfüllt. „Dazu gehört, wie es ein Agrarbetrieb mit dem Tierschutz hält“, ergänzt Könner.

Wie sehr das Geschäftsmodell zu freiwilligen Auskünften bewegen kann, weiß auch Janna Bülhoff. Beim Ablese-Dienstleister Ista bereitet sie den CSR-Bericht auf, ebenfalls nach dem GRI-Standard für das in 24 Ländern tätige Unternehmen. Zwar unterliegt ihr Unternehmen der neuen Berichtspflicht nicht, aber der Dienstleister sieht sich dennoch zum Reporting verpflichtet. „Wir stehen für die Transparenz von Verbräuchen, gegenüber den Mietern wie der Wohnungswirtschaft“, sagt Bülhoff. „Daher ist der offene Blick ins eigene Unternehmen eine Frage der Glaubwürdigkeit.“ Auch die Gesellschafter schauten darauf, denn mit Blick auf den Unternehmenswert müsse Ista auch bei nachhaltigen Themen Vorreiter sein.

Zudem hat das Reporting dem Unternehmen erstmals über alle Länder hinweg zuverlässige Daten zu den Verbräuchen von Strom, Wasser und Wärme in den Niederlassungen gesichert. „Aufgrund des Einbaus von mehr Messgeräten und Folgemaßnahmen konnten wir unsere Energiekosten weltweit um 15 Prozent senken“, sagt die Managerin.

Beim Thema Korruption ist das Reporting eng mit der Compliance-Abteilung verbunden: „Die Kollegen dort schauen sehr genau, ob es Auffällifgkeiten gibt, die nicht mit unserem eigenen Kodex übereinstimmen“, beschreibt sie das Vorgehen. „In Brasilien, wo wir eine Zeitlang vertreten waren, war das ein wichtiges Thema.“ In anderen Ländern ließen sich hingegen Betrugsfälle durch präventive Maßnahmen vermeiden. Ebenso hat das Reporting zur Förderung der Work-Life-Balance in der Belegschaft beigetragen. „Vom Ausbau des Gesundheitsmanagements bis zum Familienzimmer für Engpässe bei der Kinderbetreuung„, sagt Bülhoff. Bei der Personalgewinnung und dem Kampf um die besten Talente zahlten sich solche Vorteile aus.

Einen weiteren Wettbewerbsvorteil des freiwillig erstellten CSR-Berichtes zählt Armin Hipper auf, der Nachhaltigkeitsbeauftragte von Elobau, einem Hersteller berührungsloser Sensoren: „Wir sind bestens gewappnet, wenn unsere Kunden eine Lieferantenauskunft wollen“, sagt er. „Weil wir ihre Standards bereits erfüllen und das mit unserem Bericht nach DNK auch belegen können.“ So hat Elobau nicht passen müssen, als der Einkäufer von LMH nach belastbaren Werten zur Nachhaltigkeit fragte.

Macht das Vorgehen von Elobau Schule, könnte für immer mehr kleine und mittlere Betriebe eine indirekte Berichtspflicht entstehen: „Neben Preis, Qualität und Liefersicherheit kommt die Nachhaltigkeit als neues Kriterium hinzu“, sagt Hipper. Davon sind viele Bereiche betroffen. „Unsere Einkäufer müssen frühzeitig abschätzen können, welche politisch brisanten Rohstoffe in zwei Jahren auf einer Verbotsliste stehen.“ Und die Entwickler im Hause könnte dann die Frage beschäftigen, ob biobasierte Kunststoffe bei Kunden immer beliebter werden.

Um solche Themen angemessen zu behandeln, beachtet Elobau auch die Standards der Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ): Dabei muss vor der Veröffentlichung eines CSR-Berichts ein Auditor den Inhalt prüfen, bei denen Details zu den Zulieferern oder zur internen Gehaltsspreizung zur Debatte stehen können. Darüber hinaus animieren die GWÖ-Fragen manche Manager, ihre Marktmacht in Verhandlungen stärker auszuspielen: „Etwa die Hausbank zu wechseln, wenn diese wegen Geldwäsche Schlagzeilen macht“, sagt Hipper. Am Ergebnis einer kritischen GWÖ-Bewertung lässt sich danach leicht ablesen, in welcher Liga ein Unternehmen in Sachen Nachhaltigkeit spielt.

Von Uta Jungmann

 

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