Willkommen in der Kaffeküche der Zukunft

Aller Mobilität und Digitalisierung zum Trotz bleibt das Arbeitsumfeld von hoher Bedeutung. Ein Rundgang durch die Arbeitswelt der Zukunft.

Arbeitswelt der Zukunft
Quelle: IAO

Von Sven Astheimer

Die Zukunft der Arbeit beginnt hinter einen schlichten Tür. Wer hindurchgeht, steht schon mittendrin: hell, leicht, angenehm kommen die Büros im digitalen Zeitalter daher. Die Menschen, die hier arbeiten, wirken gut gelaunt und entspannt. Kein Wunder bei der Umgebung.

Dabei trennt die Tür nur den alten Gebäudeteil des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) in Stuttgart vom neuen Komplex: dem Zentrum für Virtuelles Engineering, kurz ZVE; ein futuristischer Bau, der ein bisschen aussieht, als wäre hier draußen nahe dem Campus der Universität ein weißes Ufo gelandet. Rund 14 Millionen Euro hat das im Juni 2012 eröffnete Gebäude gekostet. Das Besondere ist, dass hier die IAO-Wissenschaftler die Chance hatten, ihre Forschungsergebnisse in die Tat umzusetzen. Das ZVE ist zweierlei: ein riesiger Show-Room, durch den ständig Besuchergruppen geführt werden, sowie Arbeitsplatz für mehr als hundert Wissenschaftler und Studenten, die hier ihren Projekten nachgehen. Auf den fünf Stockwerken inklusive Keller ist Deutschlands modernstes Bürogebäude entstanden.

Im hellen Eingangsbereich eines dieser Stockwerke wartet schon Nikolay. Der gutgelaunte Wirtschaftsinformatiker scheint der Prototyp des modernen Wissensarbeiters zu sein. Er führt durch das „Urban living lab“: Auf einer ganzen Etage zeigen die Wissenschaftler hier, was uns in den kommenden Jahren noch alles erwartet. Nikolay schreitet dabei fast so flugs durch die Themenwelten, wie er redet. Der Grundgedanke basiere auf der „digitalen Aura“, die heute schon viele Menschen mit sich herumtragen und die laut Nikolay künftig jeden von uns umgeben wird. Diese digitale Aura sagt modernen Maschinen bei unserem Erscheinen, wer wir sind und was wir mögen. Ohne unser Zutun passen dann Zimmer die Beleuchtung an unsere Lieblingsfarben an, werden uns Urlaubsangebote für unsere liebsten Reiseziele angeboten oder Immobilien zum Kauf, die jenen ähneln, welche wir gestern am Fernseher „geliked“ haben.

Die Datenhoheit liege natürlich beim Benutzer, nimmt Nikolay mögliche Bedenken vorweg. Nur er entscheide, welche Felder seiner digitalen Aura für das jeweilige Gegenüber freigegeben würden. Und wenn die Bank für den neuen Kredit darauf bestehe, dass die Gesundheitsdaten freigegeben werden? Das, sagt Viktor, müsse an anderer Stelle geklärt werden.

Die Steuerung durch die vernetzte Zukunft übernimmt er mit seiner Smartwatch. Die App, die dem Mitarbeiter im Coffeeshop um die Ecke angibt, wann der Lieblings-Cappuccino frisch aufgebrüht zur Abholung bereitstehen soll? Bitte schön. Und der Bankautomat der Zukunft, der gleich noch eine Videokonferenz mit einem Bankangestellten ermöglicht? Lässt sich auch darüber bedienen. Ebenso wie das Buchungssystem für Hotels nebst elektronischem Zimmerschlüssel und die Steuerung der gesamten mitdenkenden Unterhaltungselektronik in den eigenen vier Wänden. Wie oft er am Tag auf seine Uhr tippt? Kurz gerät Nikolay aus dem digitalen Tritt. Das hat er sich noch nicht überlegt. Aber es komme schon was zusammen, sagt er lachend. Die Bewegungen sind jedenfalls fließend.

Eine Etage höher hat Stefan Rief seinen Arbeitsplatz. Das heißt, es ist nicht seiner. Die Schreibtische sind alle entlang eines langgezogenen Bogens angeordnet, völlig identisch. Jeder der Mitarbeiter holt sich morgens seinen Rollcontainer und sucht sich einen freien Platz. Jeden Tag woanders, lautet die Theorie des Coworking. Und in der Praxis? Rief schmunzelt. „Na ja, zwei oder drei Favoriten gibt es schon.“ Aber einen herrlichen Blick aus dem Fenster bieten schließlich alle. Die Schreibtische sind breiter als Industriestandard. „Wir wollen Situationen schaffen, in denen man richtig Platz hat, um eins zu eins Gemeinschaftsarbeit zu leisten“, sagt der Leiter des „Competence Center Workspace Innovation“. Daneben gibt es auch kleinere Einzelbüros, in die man sich zurückziehen kann für Besprechungen. Alles transparent mit viel Glas, keine dunklen Ecken. Auch die Führung ist komplett durchdacht: Jede Etage ist von verschiedenen Stockwerken zugänglich, damit der Durchfluss erhöht und der Austausch unter den Mitarbeitern gefördert wird. Kaffeeküche überall sozusagen.

Ist so viel Aufwand für Büros noch zeitgemäß, wenn Arbeit zunehmend mobiler wird? Auf jeden Fall, antwortet Rief energisch. „Im ICE kriege ich schon was gearbeitet, aber es fehlt noch was“, sagt der Schwabe: eine gewisse Qualität. Gerade Leute, die viel unterwegs seien, legten Wert auf eine Top-Arbeitsumgebung, wenn sie dann mal im Büro seien.

Deshalb wird im ZVE geforscht, was das Zeug hält. Etwa am „Inteli-Desk“, einem modernen Tisch mit einem Ampelsystem: Grünes Licht bedeutet: ansprechbar, Rot dagegen: beschäftigt. Im Erdgeschoss entwickeln die Spezialisten für Lichttechnik eine Arbeitsbeleuchtung, die sich dem wandernden Tageslicht anpasst und damit dem Biorhythmus der Mitarbeiter – das fördere die Produktivität. Ein anderer Tisch lässt sich wie ein riesiges Touch-Pad bedienen: Man kann Word- und Excel-Dateien öffnen und locker zum Nachbarn rüberwischen. Und im Labor für „Virtual Reality“ nebenan lassen sich mit einer 3D-Brille faszinierende Ausflüge durch Stuttgarter Immobilien machen. Elf handelsübliche Rechner erzeugen diese Welt, in der manche Besucher so gebannt sind, dass sie gegen die Wand laufen. In der Autoindustrie wird die Technik schon eingesetzt, um Modelle und Prototypen im Voraus erfahrbar zu machen. Bald könnte das die Bauwirtschaft nutzen.

Irgendwann ist der Rundgang zu Ende. Es geht zurück durch die Tür in die alte Arbeitswelt. Nikolay und die anderen arbeiten noch ein bisschen an der Zukunft.