Wirtschaft ohne Kultur

Bessere Nahrung, eine Wertschöpfung in der Region, weniger Kohlendioxid-Ausstoß, Rettung der Welt. Aber die Wahrheit ist dann: Wer ein kritisches Wort sagt, fliegt raus.

Das Unternehmen lässt Websites gestalten mit bunten Videos und süßen Karrierebroschüren wie aus der Alpenmilchwerbung, in denen es heißt: Hier ist jeder Mitarbeiter ein Mensch, wird als Individuum geschätzt, hier können Sie wachsen, immer dazulernen, an etwas Sinnvollem mitwirken. Bessere Nahrung, eine Wertschöpfung in der Region, weniger Kohlendioxid-Ausstoß, Rettung der Welt. Aber die Wahrheit ist dann: Wer ein kritisches Wort sagt, fliegt raus. Es geht um nichts anderes als ums Geldverdienen. Sinnvoll ist nur das, was sich an anonymen Börsen anpreisen lässt oder Subventionen bringt.

Der schillernde Fall der Insolvenz der KTG Agrar, der mit einer Überschuldung von rund 400 Millionen Euro auf Kosten von zehntausend Anlegern endete, ist nur ein Beispiel dafür, auf wie erschreckende Weise die Außendarstellung eines Unternehmens und das Innenleben auseinanderklaffen können. Die geschönten Kohlendioxid-Werte von Volkswagen und anderen Autokonzernen, wobei eine Software von Bosch eine gewisse Rolle spielte, mögen ähnliche Bezüge aufweisen. Die Deutsche Bank, deren Boni-getriebene Spekulationen aus der Zeit vor der Finanzkrise 2008 ihr heute existenzbedrohlich werden, könnte auch in diese Reihe passen. Das Vertrauen in Wirtschaftskonzerne schwindet, und auch der Mittelstand schreibt seine Wirtschaftskrimis: Eine Fülle an Unternehmen, die sich mit Mittelstandsanleihen finanzierten, sind wie KTG insolvent, etwa German Pellets, ein Unternehmen der Energiewende.

Auch wenn jeder dieser Fälle seine eigene Geschichte hat, gibt es doch eine Klammer, etwas Verbindendes. Aus den Pleiten, Skandalen und Krisen, die an die Substanz auch der deutschen Dax-Liga reichen, lässt sich etwas ablesen über eine Kulturkrise in der Wirtschaft. Vielleicht sogar eine Kulturlosigkeit, zumindest eine Kulturvergessenheit, die im Inneren dieser Kapitalwelten nicht gesehen wird und nicht gesehen werden darf. Schönes Marketing, schillernde Selbstdarstellung, Karrieretage – so sieht das Geschäft einer hochbezahlten Branche von PR-Beratern, strategischen Kommunikationsberatern, Spindoktoren aus. Im Fall der KTG lässt sich nachträglich sagen, es waren professionelle Lügner, auch wenn sie es vielleicht nicht wussten.

Und so geriet dieser vergleichsweise kleine Fall doch, weil nachträglich so viele Details bekanntwerden, zu einer Miniatur eines Teils der inneren Wirklichkeit der Konzernwelt, die zu selten nach außen dringt. „Wachstum, Wachstum, Wachstum“ – das war die simple Idee und tiefste Motivation des Gründers und Vorstandschefs der KTG. Dafür brauchte er Geld, Geld, Geld. Das gab es von Banken und Anlegern, und die wollten: Geschichten, Geschichten, Geschichten – vom Wachstum, Wachstum, Wachstum.

Dieser Kreislauf der Banalität hat es in sich. Denn ist nicht das Wirtschaftswachstum das große kulturelle, wenn nicht identitätsstiftende Narrativ unserer Gesellschaft? Und wenn es, aus welchem Grund auch immer, einmal ausbleibt? Was bliebe uns ohne die Geschichte vom Wachstum des Wohlstands, der Karrieren, auch der Akademisierung, des Konsums?

Das Herrenhaus Putlitz, Ort der KTG-Akademie, oder der Firmensitz der KTG in Oranienburg, auf dem die Gründerfamilie residierte, stellt sich im Rückblick dar wie die schwarze Mühle in Otfried Preußlers „Krabat“. Wer hier anfing, konnte am Zauber des Wachstums partizipieren. Der Vorsitzende flog mit dem Hubschrauber über die Lande und hielt Powerpoint-Präsentationen über die Expansion. Buchhalter mussten sich derweil Ausreden überlegen, warum die Rechnung nicht bezahlt war. Anwälte halfen dabei, Schulden von Gesellschaft zu Gesellschaft zu schieben. Schnell war die nächste Anleihe plaziert. Die verblüffende Banalität ging eine explosive Symbiose mit dem grünen Zeitgeist ein. KTG rühmte sich, größter Biogetreidebauer zu sein, großer Bioenergielieferant. So erhielt diese vulgäre Unternehmensgeschichte auch noch einen moralischen Anstrich, der Glanz in den Augen der Investoren erzeugte. Die Maskerade von Sinn legitimierte den Geldrausch.

Und es ist eben keine Geschichte über eine Clique mit mutmaßlich krimineller Energie, sondern eine über unsere Zeit, über uns. Sie spiegelt die Werte einer extrem individualisierten Gesellschaft. Denn warum müssen Lügen her, wenn sich Wachstum auf einfachem Wege nicht mehr erreichen lässt? Eine Antwort gibt es auf beiden Seiten: oben und unten, beim Vorstand und bei den Angestellten. Das Netz der KTG-Lüge war so stabil, weil es von gemeinsamen Werten und Zielen zusammengehalten wurde: berufliche Selbstverwirklichung, gutes Leben über Konsum. In diesem Sinne sind Hunderte Mitarbeiter mitgewachsen. Weil viele im tiefsten Eigeninteresse den wechselnden Geschichten vom Wachstumsgeschäft glauben mussten, war die hierarchische Beziehung des autokratischen Chefs zum servilen Personal so belastungsfähig. Angst, Feigheit oder Boni erklären das nicht allein. Am Ende bleibt ein Entsetzen über den Berg an Schulden, über diese Zauberwerke der Buchführung. Und darüber, dass die meisten Analysten, Banker, Anleger und der Aufsichtsrat über Jahre nichts davon bemerkten. Oder es nicht wollten.

Von Jan Grossarth

 

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