Wo bleiben Demut und Bescheidenheit?

Von schönen Boni- und Gehaltszahlungen wollen die Manager von Volkswagen nur ungern lassen.

… Das kommt nicht gut an.

Von Carsten Knop

FRANKFURT, 8. April

Die Boni der Vorstände des Autokonzerns Volkswagen zu kürzen ist offenbar keine triviale Angelegenheit. Der neue Vorstandsvorsitzende Matthias Müller hatte sich zwar schon im Dezember des vergangenen Jahres für Boni-Kürzungen ausgesprochen – sowohl von Mitarbeitern als auch von Vorständen. Außerdem sagte er mit Blick auf die Krise, dass „etwas mehr Demut und Bescheidenheit“ Volkswagen gut anstehe. Nun aber gibt es Meldungen, der Vorstand werde allenfalls eine Kürzung seiner Boni hinnehmen, nicht aber komplett darauf verzichten.

Und der ehemalige Finanzvorstand Hans Dieter Pötsch, der im Oktober 2015 an die Spitze des Aufsichtsrates wechselte, hat seine Schäfchen schon jetzt im Trockenen: Er erhält in mehreren Tranchen rund 10 Millionen Euro, weil sein ursprünglich bis 2017 laufender Vorstandsvertrag offenbar vollständig ausbezahlt wird. Pötsch verzichtet für die Jahre 2016 und 2017 auf die Aufsichtsratsentschädigung, so dass es nicht zu einer Doppelzahlung kommt. Dieses Opfer könnte allerdings gering sein: Würde Volkswagen für das Jahr 2015 keine Dividende zahlen, erhielte der Aufsichtsrat nach den Regelungen im Konzern nämlich keine zusätzliche Tantieme. So bekommt ein VW-Aufseher ein vergleichsweise geringes Fixgehalt im Jahr plus Sitzungsgeld. Nun könnte man sagen: Alles korrekt bei VW, pacta sunt servanda, und in Sachen Boni für den Vorstand ist ja noch nichts entschieden.

Aber der Eindruck ist fatal. Der Abgasskandal könnte eine Summe in zweistelliger Milliardenhöhe kosten, alle sollen sparen, aber der Vorstand ist jedenfalls bisher nicht in der Lage, mit gutem Beispiel voranzugehen. Entsprechend fielen die Schlagzeilen in dieser Woche aus, zumal sich auch noch der Betriebsrat über „Vertrauensprobleme“ in der Zusammenarbeit mit dem Management beklagt hat. Die Nerven liegen also blank, der Zeitplan für die Umrüstung der manipulierten Motoren gerät ins Wanken – und der gesamte Konzern wird, so sagen selbst Führungskräfte im eigenen Haus, „von Juristen regiert“.

In diesem Umfeld scheinen einige Koordinaten des gesunden Menschenverstands durcheinanderzugeraten. In anderen Häusern hingegen ist unterdessen die Einsicht gereift, dass man auch bei den Boni nicht mehr so weitermachen kann wie bisher. Dazu zählt die ebenfalls krisengeschüttelte Deutsche Bank. Dort hat der neue Vorstandsvorsitzende John Cryan jüngst dafür gesorgt, dass die Boni für 2015 über alle Mitarbeiter hinweg um 17 Prozent gekürzt wurden. Cryan selbst, im vergangenen Jahr sechs Monate im Amt, bekommt ein Grundgehalt von 1,9 Millionen Euro, Ko-Chef Jürgen Fitschen 3,8 Millionen Euro. Eine variable Vergütung für das vergangene Jahr bekommt der Vorstand nicht. In der Tendenz steigen im Zusammenhang mit solchen Regelungen natürlich die Fixgehälter – und zwar in der gesamten Bankenbranche.

Zu solchen Entscheidungen hat man sich bei Volkswagen noch nicht durchringen können, zumal der Großteil der Erfolgszahlungen dort auf mehrjähriger Basis gewährt wird. Und einst hat VW ja gut verdient – nur ist das ganze schöne Geld jetzt weg. Was also tun? Neue Gesetze braucht man in solchen Situationen nicht, schließlich werden Managerboni frei in den Unternehmen ausgehandelt. Vielleicht aber einen besseren moralischen Kompass: Die Verträge sind das eine, aber von Managern wird heute mehr verlangt, als auf deren Erfüllung zu pochen, wenn sie ihrerseits de facto ihre Leistung nicht erbracht haben.

Denn erfolglose Manager sorgen für eine Unternehmenskultur, in der Seilschaften und blinde Loyalität wichtiger werden als unternehmerischer Erfolg, in der offene Gespräche nur noch auf dem Parkplatz geführt werden, wie es Bill Gore, der Gründer des Kunstfaserspezialisten Goretex, einmal formuliert hat. Sie finden es gut oder tolerieren es jedenfalls, wenn Abweichungen lieber vertuscht als offen korrigiert werden und Regeln, Vorschriften und Gesetze nicht für alle gleich gelten. Und ganz offensichtlich ist bei Volkswagen genau das passiert – auch unter den Augen von Pötsch und manch anderem verbliebenen Kollegen in der Führungsetage.

Oswald von Nell-Breuning, der katholische Sozialethiker, hat einst festgestellt: „Zwischen ethisch akzeptablem Verhalten und profitablem Wirtschaften besteht keine Entweder-oder-Beziehung.“ Es geht um ein Verhalten zwischen den Beobachtungen in Max Webers Kapitalismus-Schrift „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ aus dem Jahr 1904, in der die protestantische Ethik als spiritueller Motor des westlichen Kapitalismus beschrieben wird, und den Thesen von Luc Boltanski und Eve Chiapello in „Der neue Geist des Kapitalismus“, das den Kapitalismus dauerhaft in Rechenschaftspflicht gegenüber dem Gemeinwohl sieht, weil ihm ohne höhere Werte die Gefolgschaft versagt bliebe.

Ob Manager darüber noch nachdenken? Alle einschlägigen Umfragen wie zum Beispiel das „Edelman Trust Barometer“ zeigen jedenfalls, dass ihnen vom größten Teil der Bevölkerung das Vertrauen entzogen wurde. Ein Problem werden exorbitante Gehälter allerdings immer erst dann, wenn sie mit erheblichem Misserfolg oder gar kriminellem Verhalten gepaart sind. Das geht auch die Arbeitnehmer im Aufsichtsrat an, die in Deutschland die Vergütungspakete mitbeschließen, gerade auch im so stark von der IG Metall dominierten VW-Konzern. Sie sollten die Relation zu den sehr viel niedrigeren Gehältern eines Bundeskanzlers oder eines ranghohen Richters kennen.

Allerdings kann man in Deutschland auch darüber nicht gut diskutieren – wie seinerzeit die hämischen Reaktionen auf Bemerkungen Peer Steinbrücks zum Gehalt der Bundeskanzlerin zeigten, als dieser selbst Kanzlerkandidat war. „Ein Bundeskanzler oder eine Bundeskanzlerin verdient in Deutschland zu wenig – gemessen an der Leistung, die sie oder er erbringen muss und im Verhältnis zu anderen Tätigkeiten mit weit weniger Verantwortung und viel größerem Gehalt“, sagte Steinbrück seinerzeit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. „Nahezu jeder Sparkassendirektor in Nordrhein-Westfalen verdient mehr als die Kanzlerin“, fügte er noch an.

So weit, so gut – eigentlich ist die Aussage auch gar nicht überraschend und möglicherweise in Deutschland sogar mehrheitsfähig. Steinbrück aber wurde die Bemerkung übelgenommen. Mit Blick auf seine Kanzlerkandidatur war auch diese Debatte ein „katastrophales Signal“: Nirgendwo wird so gern geheuchelt wie in Gehaltsfragen. Und die zerstörerische Wirkung plumpen Neids darf man nie unterschätzen. Doch Steinbrück hatte einen Punkt getroffen. Die Relationen wollen nicht zueinander passen. Und zu wünschen wäre es, wenn das auch den meist reich belohnten Managern bewusst wäre. Denn wirtschaftliches Handeln im Kapitalismus muss stets auch eine moralische Komponente haben.

Der Kapitalismus aber hat sich bislang im Vergleich zu allen anderen Systemen überlegen gezeigt. Er bietet Anreize für Innovationen, Impulse für Wachstum und ist immer noch der beste Mechanismus, um knappe Ressourcen in die beste Verwendung zu lenken.

Der Blick dafür darf über alles Managerversagen nicht vergessen werden. Der gestiegene Wohlstand für viele hundert Millionen Menschen in weiten Teilen der Welt ist nicht durch Planwirtschaft entstanden. Doch, wie es Hans-Joachim Watzke, der Chef von Borussia Dortmund formuliert: Der erfolgreiche Manager hat das Glück des Tüchtigen, ist aber auch jederzeit dankbar dafür. Denn er weiß, dass Tüchtigkeit allein auch nicht reicht. „Auf der Titanic waren bestimmt auch sehr viele tüchtige Menschen“, sagt Watzke.

Wird man die Menschen grundsätzlich ändern können, damit es künftig weniger gescheiterte Titanen gibt? Wahrscheinlich nicht. Aber man darf die Auswirkungen der digital vernetzen Welt mitsamt ihrer gewiss nicht immer erfreulichen Transparenz nicht unterschätzen. Die Kehrseite der Medaille ist, dass diese Systeme zu Krisen führen können, von denen man bisher noch gar nichts ahnt (so wie in der letzten Finanzkrise geschehen). Umso wichtiger ist die Hoffnung darauf, dass eine neue Managergeneration ein stabileres Wertegerüst hat als die vorangegangene – oder die zuletzt bei VW im Amt befindliche, damit sie in der ungewissen Zukunft häufiger die richtigen Entscheidungen trifft.

Letztlich brauchen die neuen Manager die Kraft und die Weisheit von Eltern, die es geschafft haben, ihre Kinder erfolgreich großzuziehen, und von ihnen dafür bewundert werden – selbst wenn sie alt und gebrechlich geworden sind. Dann hätten sie beim Führen vom Ende her gedacht. Das aber tun noch zu wenige, auch mit Blick auf ihre Boni inmitten des Misserfolgs.

 

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