Wo der Brexit höchst willkommen ist

Viele britische Manager fürchten den Austritt ihres Landes aus der EU.

Aber nicht alle: Besuch bei einem Unternehmer, der raus will.

theu. LONDON, 10. Mai. John Mills ist ein Mann, der seinen eigenen Kopf hat: Knorrige 78 Jahre alt ist der britische Unternehmer und sitzt dennoch an diesem warmen Frühlingsmorgen wie immer in seinem geräumigen Chefbüro im Londoner Stadtteil Kentish Town. Der Eigentümer des mittelständischen Versandhändlers JML will über ein Thema sprechen, das die Briten umtreibt wie kein zweites: das bevorstehende Referendum über den Austritt des Landes aus der EU. Mills hat ganz eigene Ansichten zum sogenannten Brexit. Ein doppelter Außenseiter sei er, scherzt Mills: Der wohlhabende Geschäftsmann ist einer der großzügigsten Spender der britischen Labour Party, obwohl diese weit nach links gedriftet ist. Schon dies macht Mills unter seinesgleichen zum Kuriosum. Doch damit nicht genug: Auf der Insel zählen viele Manager und Unternehmer zu den entschiedensten Gegnern des Brexit, weil sie wirtschaftliche Risiken fürchten. Mills dagegen wollte sein Land nie im europäischen Club sehen. Beim Referendum am 23. Juni will er für den Austritt stimmen.

Der Senior blickt dem möglichen Ende von Großbritanniens EU-Mitgliedschaft mit Gelassenheit entgegen. „Für unser Unternehmen macht es keinen großen Unterschied, ob wir in der EU sind oder nicht“, sagt Mills, dessen Versandhandel JML eine buntgewürfelte Palette von Konsumgütern, vom Schminkset bis zum Gartenschlauch, vertreibt. JML verkauft seine Waren in 85 Länder, beschäftigt rund 300 Mitarbeiter und kommt auf einen Jahresumsatz von umgerechnet gut 100 Millionen Euro. Aber macht seinem Unternehmen der Brexit nicht schon jetzt zu schaffen? Schließlich ist wegen der Furcht der Investoren vor dem Referendum der Wechselkurs des Pfunds deutlich gefallen. Mills, der seine Waren vor allem aus Asien importiert, muss deshalb im Einkauf mehr bezahlen. Stimmt schon, sagt er. „Aber wir sind solche Probleme gewohnt, damit kommen wir schon klar.“

Auch dass die Briten nach dem Brexit den freien Zugang zum EU-Binnenmarkt verlieren könnten, ficht ihn nicht an, obwohl Mills viele Kunden in Europa hat. Wenn nötig, werde Großbritannien nach dem Austritt gemäß der Spielregeln der Welthandelsorganisation (WTO) Handel mit Europa treiben und Zölle akzeptieren. „Unser Unternehmen wickelt schon heute den Großteil seines internationalen Geschäfts auf WTO-Basis ab“, sagt Mills. „Das funktioniert gut.“ Das Referendum der Briten ist in der EU-Geschichte beispiellos. Das Ergebnis steht, glaubt man den Meinungsumfragen, auf Messers Schneide. Deshalb sind Stimmen wie von Mills gefährlich für das Lager der britischen Proeuropäer. Sie setzen ein Fragezeichen hinter ihr wichtigstes Argument im Wahlkampf – dass die Briten für den Brexit mit wirtschaftlichen Einbußen und Wohlstandsverlusten bezahlen müssten.

Die Signale aus der Wirtschaft sind widersprüchlich: Einerseits lähmt der mögliche EU-Austritt schon jetzt das britische Wachstum. Andererseits zeigt eine am Dienstag veröffentlichte Mitgliederbefragung der britischen Handelskammern, dass in der Wirtschaft die Unterstützung für die EU bröckelt: Nur noch 54 Prozent der Manager sind demnach für den Verbleib – 6 Prozentpunkte weniger als noch im Februar. Die Handelskammern sind vor allem die Stimme der kleinen und mittelständischen Unternehmen auf der Insel. Mills ist in der britischen Unternehmerschaft zwar weiterhin Teil einer Minderheit – aber einer wachsenden. Sollte sich bis zum Wahltag bei vielen unentschlossen Wählern der Eindruck durchsetzen, dass ein Brexit halb so schlimm wäre, könnte das den Ausschlag für einen Austritt geben. Diese Gefahr sieht auch die Regierung in London, die den Brexit verhindern will: Schatzkanzler Osborne warnte diese Woche, es sei bedenklich, dass sich viele proeuropäische Unternehmenslenker in der EU-Debatte wegduckten.

Auf der Gegenseite gibt es eine Reihe prominenter Wirtschaftsleute, die aus ihrer Abneigung gegen die EU keinen Hehl machen: Da ist zum Beispiel der Staubsaugerhersteller James Dyson, der sich durch Stromspar-Gütesiegel für seine Geräte aus Brüssel benachteiligt sieht. Auch Tim Martin, Gründer der im britischen Straßenbild allgegenwärtigen Kneipenkette Wetherspoon, ist für den Austritt, ebenso Anthony Bamford, der Verwaltungsratschef des Baumaschinen-Konzerns JCB, und der Milliardär Jim Ratcliffe, Gründer des Chemiekonzerns Ineos.

„Die Proeuropäer betreiben eine Angstkampagne“, sagt Mills. „Ihr Argument lautet: Der Brexit wäre ein Schritt ins Ungewisse, die EU garantiert Stabilität und Planungssicherheit.“ Dabei sei das Gegenteil der Fall: „Die EU ist ein instabiles Gebilde, das sich dramatisch verändern muss.“ Die Eurozone müsse politisch viel stärker zusammenwachsen, wenn die Währungsunion überleben solle. „Aber viele Briten wollen weder den Euro noch Teil eines europäischen Bundesstaates werden.“

 

 

 

 

 

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