Ungleiches Gehalt für Frauen und Männer

BBC-Chef verspricht Gehältergerechtigkeit

LONDON, 25. Juli

Wie beurteilt man den Wert einer Arbeitskraft? Ist es nachvollziehbar, dass der Moderator Chris Evans bis zu hundertmal mehr verdient als einer seiner Kabelträger? Lässt sich überhaupt ein Jahresgehalt von mehr als zweieinhalb Millionen Euro rechtfertigen – in einem von öffentlichen Gebühren finanzierten Staatssender? Die Offenlegung der BBC-Gehaltsliste hat eine ganze Reihe von Fragen aufgeworfen, die nicht nur dank des Sommerlochs umso leidenschaftlicher diskutiert werden.

In den Mittelpunkt geriet die „ungleiche Bezahlung von Männern und Frauen“ – und wie soll man es auch anders nennen, wenn sich unter den zehn Bestverdienern bei der BBC nur eine einzige Frau befindet? Dass Journalistinnen und Moderatorinnen im Durchschnitt schlechter bezahlt werden als ihre männliche Kollegen, ist nach Lektüre der Liste schwer von der Hand zu weisen. Andererseits, auch unter den Mitgliedern desselben Geschlechts sind zum Teil beträchtliche Gehaltsunterschiede zutage getreten – für angeblich „dieselbe Arbeit“. Das hat mit Gründen zu tun, die nicht allesamt auf dem Boden der Ungerechtigkeit zu suchen sind: nicht alle BBC-Mitarbeiter sind in gleichem Maße einsatzfreudig, nicht alle gleichermaßen brillant, nicht alle besitzen den selben, schwer zu objektivierenden „Marktwert“. Es gibt sogar Redaktionen, in denen Frauen für „denselben Job“ mehr Geld bekommen als ihre männlichen Kollegen – was zum Beispiel im Fall der „Today“-Moderatorin Mishal Husain, die ihrem Kollegen Justin Webb mindestens 60 000 Euro voraus ist, durchaus gerechtfertigt erscheint.

Die Realitäten eines auf Kreativität und Individualität ausgerichteten Arbeitsmarkts lassen sich nicht ohne weiteres mit den Konsequenzen aus dem auch im Königreich geltenden Diskriminierungsverbot in Einklang bringen. Das könnte einer der Gründe dafür sein, dass die erbosten Frauen der BBC noch keine Klage angestrengt haben. Stattdessen schrieben mehr als vierzig der höchstbezahlten weiblichen Stars einen Brief an den Generalsekretär der BBC, Tony Hall, und forderten ihn auf, die angestrebte Gehältergerechtigkeit nicht erst im Jahr 2020, sondern möglichst rasch herzustellen.

Hall hat zugesichert, dass schon die Gehaltsoffenlegung im kommenden Sommer eine Verbesserung reflektieren werde. Dabei sprach er vom prozesshaften „Schließen der Lücke“. Ob das am Ende mehr Geld für die Frauen oder weniger Geld für die Männer bedeutet, wird man sehen. Vollendete „Gerechtigkeit“ wird sich in den Spitzenpositionen einer dem Markt unterworfenen Branche jedenfalls nie erreichen lassen.

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JOCHEN BUCHSTEINER

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