Wie viele Millionen ist ein Manager wert?

Bald könnten sie noch mehr kassieren.

Die Vorstandschefs der Dax-Konzerne verdienen so viel Geld wie nie.

Von Dennis Kremer

Es ist nicht bekannt, ob dem gebürtigen Berliner Hasso Plattner ein vor allem im Rheinland beliebtes Sprichwort geläufig ist: „Man muss auch gönnen können.“ Als der Gründer und Aufsichtsratschef des Softwarekonzerns SAP am vergangenen Mittwoch auf der Hauptversammlung das Wort ergriff, schien es aber so. „Wir sollten es dem Bill gönnen“, sagte Plattner da. Gemeint war der SAP-Vorstandsvorsitzende Bill McDermott, der für das Jahr 2016 so viel Geld erhalten hat wie kein anderer Vorstandschef eines Dax-Konzerns: mehr als 12 Millionen Euro (zählt man alle Auszahlungen an ihn zusammen, kommt McDermott sogar auf mehr als 15 Millionen Euro).

Angesichts dieser beeindruckenden Summe waren die versammelten Aktionäre jedoch nicht gleich bereit, sich so großzügig zu zeigen wie vom Aufsichtsratsvorsitzenden gewünscht. Auch wenn SAP zuletzt hervorragende Geschäftsergebnisse erzielt hat, wollte man „dem Bill“ die vielen Millionen nicht einfach so überlassen. Es hagelte Kritik. Eine Abstimmung über die Vorstandsvergütung hatte Aufsichtsrat Plattner bewusst nicht auf die Tagesordnung gesetzt. So gab es zwar viele harte Worte, die aber ohne Folgen blieben. Denn eine verbindliche Abstimmung über die Vorstandsvergütung ist im deutschen Recht bislang nicht vorgesehen. An der Struktur der Vorstandsgehälter bei SAP ändert sich darum gar nichts – auch wenn das vielen Aktionären des Konzerns erkennbar nicht passt.

Über Millionen für die Manager echauffierten sich bisher vor allem Politiker, die wenige Monate vor der Bundestagswahl damit gern auf Stimmenfang gehen. Dass nun aber auch Investoren in die Kritik einstimmen, ist eine neue Entwicklung. So sagt beispielsweise Hans-Christoph Hirt, Ko-Chef des britischen Großinvestors Hermes: „Bei einer signifikanten Anzahl von Dax-Unternehmen sind wir mit der Ausgestaltung der Vorstandsvergütung nicht einverstanden. Im Falle von SAP können wir nicht nachvollziehen, dass der Aufsichtsrat die Kritik vieler Aktionäre einfach ignoriert.“

So etwas soll nach dem Willen der EU in Zukunft nicht mehr möglich sein. Das Europäische Parlament hat vor zwei Monaten eine neue Richtlinie für Aktionärsrechte verabschiedet, welche die Mitgliedstaaten nun in nationales Recht umsetzen müssen. Sie sieht vor, dass die Aktionäre in Zukunft jährlich über den Vergütungsbericht ihres Unternehmens abstimmen sollen und überdies mindestens alle vier Jahre über das gesamte Vergütungssystem. Jeder Mitgliedstaat darf dabei selbst entscheiden, ob der Beschluss der Aktionäre bindend oder nur als Empfehlung gedacht ist. In Deutschland allerdings ist die Tendenz klar. Man wird dem Votum aller Voraussicht nach bindende Wirkung verleihen. Anders gesagt: Die Aktionäre bekommen wieder mehr Macht. Das ist zu begrüßen, schließlich handelt es sich um die Eigentümer. Dass diese über die Gehälter ihrer leitenden Angestellten mitentscheiden dürfen, sollte selbstverständlich sein.

Wird es also ein Gehalt von 12 Millionen Euro für SAP-Chef McDermott oder ein Salär von fast 10 Millionen Euro für Volkswagen-Chef Matthias Müller in Zukunft nicht mehr geben? Doch. Denn es sieht ganz danach aus, als habe sich die Politik mächtig verkalkuliert. Es mag ja bei vielen Wählern gut ankommen, auf die „Gehaltsexzesse der Manager“ zu schimpfen. Doch dass die neue Richtlinie tatsächlich zu sinkenden Vorstandsgehältern führt, steht nicht zu erwarten. Im Gegenteil.

Jens Maßmann, Partner der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY, ist Spezialist für die Gehaltssysteme großer Aktiengesellschaften. Er sagt: „Die Vergütungshöhe und die Vergütungssysteme werden sich verändern. Insgesamt wird die Vergütung volatiler werden: Leisten sie gute Arbeit für das Unternehmen, werden die Vorstände noch mehr als heute erhalten. Sind sie weniger erfolgreich, bekommen sie dann aber auch entsprechend weniger Geld ausgezahlt.“

Der Grund für diese Entwicklung hat mit der Eigentümerstruktur des Dax zu tun. Die meisten Konzerne befinden sich nämlich nicht mehrheitlich in den Händen deutscher Aktionäre. Stattdessen sind es häufig amerikanische Investoren und Fondsgesellschaften, die die größten Anteile besitzen. Da sie in aller Regel an zahlreichen Unternehmen in der ganzen Welt beteiligt sind, entgeht ihnen mitunter, welche Abstimmungen auf der Hauptversammlung eines Unternehmens besonders wichtig sind. Damit dies nicht zu häufig passiert, delegieren insbesondere amerikanische Investoren diese Arbeit gern an sogenannte Stimmrechtsberater wie die Firma ISS. Diese Berater prüfen beispielsweise, ob eine Abstimmung über das Vergütungssystem eines Unternehmens ansteht und geben den Investoren Empfehlungen, ob man zustimmen oder ablehnen soll. Natürlich könnten die Großanleger von diesen Empfehlungen abweichen. Die Praxis zeigt aber, dass sie dies nur in den seltensten Fällen tun. Denkt man die Sache mit Blick auf die neue Aktionärsrichtlinie zu Ende, wird klar: In Zukunft wird die Höhe der Managergehälter wesentlich davon abhängen, was die Berater davon halten.

Das ist schon heute kein Geheimnis. Nur rund einem Drittel der Vergütungssysteme deutscher Konzerne könne man in diesem Jahr zustimmen, sagt ISS-Deutschlandchef Thomas von Oehsen. Beim Versicherungskonzern Munich Re hat ISS beispielsweise dagegen gestimmt. „Es fehlt vor allem oft an klar messbaren und nach außen kommunizierten Performance-Zielen für die Vorstände – man weiß also gar nicht, warum ein Bonus fällig wird.“ Am liebsten wären von Oehsen „atmende Systeme“. Damit ist gemeint: Ist ein Unternehmen in guter Verfassung, soll der Vorstand dafür auch belohnt werden. Geht es der Firma dagegen schlecht, soll sich dies ebenfalls in der Bezahlung widerspiegeln.

Dies funktioniert am besten, wenn ein großer Teil des Vorstandsgehaltes variabel ausgezahlt wird – gekoppelt an den Aktienkurs. Dahinter steckt der klassische Shareholder-Value-Gedanke: Steigert das Management den Wert einer Firma an der Börse, kommt dies allen Aktionären zugute und darf sich darum ruhig auch in einem höheren Gehalt niederschlagen. Fällt stattdessen der Börsenwert, schadet dies den Aktionären und soll darum auch den Vorständen wehtun.

Dieses Prinzip wird in den Vereinigten Staaten in Reinform vorgelebt. Es kann dazu führen, dass Vorstandschefs wie Sundar Pichai von Google in einem erfolgreichen Jahr wie 2016 sagenhafte 100 Millionen Dollar einstreichen. Da die Stimmrechtsberater und die von ihnen betreuten amerikanischen Investoren sich diesem Ansatz verschrieben haben, kommt EY-Partner Maßmann zu dem Schluss: Gibt man den Anlegern mehr Macht, könnte dies – anders als vom Gesetzgeber gedacht – in guten Jahren zu noch höheren Vorstandsgehältern führen.

Doch muss dies schlimm sein? Sich über Millionensaläre aufzuregen, ist zwar ein Leichtes. Andererseits stehen die Aufsichtsräte, die ja die Verträge mit den Vorständen im Namen der Aktionäre aushandeln, vor einer der schwierigsten Aufgaben, dies es im Wirtschaftsleben gibt: Sie müssen die Leistung des Managements in eine Gehaltszahlung übersetzen, die genau diese Leistung so exakt wie möglich widerspiegeln soll. Ob es einem Vorstand gelingt, Werte für sein Unternehmen zu schaffen, lässt sich aber am ehesten an der Kennziffer ablesen, die Auskunft über den Gesamtwert einer Firma gibt – am Aktienkurs. Zwar wird angesichts der täglichen Kursschwankungen niemand behaupten, dass die Börse bei der Bewertung von Unternehmen ohne Fehl und Tadel ist. Doch eine bessere Methode haben selbst Finanzwissenschaftler bislang nicht finden können.

Eine noch stärkere Kopplung der Vorstandsgehälter an die Börsenentwicklung als bisher würde außerdem viele der aktuellen Kritikpunkte überflüssig machen. So stört viele Investoren, dass sich in der Theorie zwar fast alle Vorstandsgehälter aus fixen und variablen Zahlungen zusammensetzen, dass die Sache in der Praxis aber ganz anders aussieht. Da nämlich sind die variablen Zahlungen mitunter an so niedrige Bedingungen geknüpft, dass die Vorstände das Geld eigentlich immer erhalten. Aus einem variablen wird so ein fixer Gehaltsbestandteil – zum Ärger der Investoren.

Natürlich hat auch eine stärkere Orientierung der Vorstandsgehälter an der Entwicklung des Aktienkurses Schwächen. Vielen Investoren ist es darum zusätzlich wichtig, dass Vorstände dazu verpflichtet werden, Aktien ihres Unternehmens über einen möglichst langen Zeitraum zu halten – möglichst sogar über die Dauer ihrer Amtszeit hinaus. Nur so lässt sich nach Meinung vieler Anleger sicherstellen, dass den CEOs auch wirklich daran gelegen ist, den Aktienkurs ihrer Firma auf lange Sicht zu steigern und nicht nur kurzzeitig.

Hermes-Investor Hans-Christoph Hirt geht sogar noch darüber hinaus. Er verlangt, dass zumindest ein Teil der Vorstandsgehälter auch an Ziele gekoppelt werden soll, die mit dem Börsenwert nichts zu tun haben, aber der Allgemeinheit dienen – zum Beispiel an einen niedrigeren CO2-Ausstoß des Unternehmens. Ob sich solche Ideen durchsetzen, bleibt aber fraglich. Denn eine Einschätzung eint alle, die sich mit den Gehaltsstrukturen beschäftigen: Sogar die Experten empfinden die Vergütungssysteme als schwer verständlich – in vielen Fällen begriffen nicht einmal die Vorstandsvorsitzenden und Aufsichtsräte selbst alle Details, sagen sie.

SAP-Aufsichtsratschef Hasso Plattner kennt solche Zweifel offensichtlich nicht. Man habe das richtige System und alles richtig gemacht, sagte er in der vergangenen Woche. Es ist zu erwarten, dass der Mann mit dieser Haltung nicht mehr lange durchkommen wird.
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