Neue Hoffnung in der Heimat von Peugeot

Die Menschen in Sochaux warten schon gespannt auf die Übernahme von Opel.

Geht es jetzt bergauf?

SOCHAUX, 3. März. Die Marke mit dem Blitz hat in der Heimat des Löwen keinen schlechten Ruf. Ein Mitarbeiter der Stadtverwaltung, ein Vertreter der Gewerkschaft CGT und ein Hotelangestellter enthüllen in der französischen Kleinstadt Sochaux ungefragt gegenüber dem deutschen Journalisten eine Gemeinsamkeit: Sie fahren Opel. „Alle möglichen Extras gehören bei Opel zur Serienausstattung, doch bei Peugeot zahlt man dafür drauf“, meint der Gewerkschafter. Dabei verdient der Mann bei Peugeot seine Brötchen.

Peugeot dominiert in Sochaux, egal wo man hinschaut. Kein Wunder, denn die Kleinstadt im ostfranzösischen Departement Doubs eine gute Autostunde von der deutschen und der schweizerischen Grenze entfernt ist die Wiege von Peugeot. Hierhin verschlug es die Familie schon im 15. Jahrhundert, hier errichteten sie ihre Mühlen, Werkstätten und Fabriken, die Getreide, Sägeblätter, Hackebeile, Scheren, Kaffeemühlen, Fahrräder und Automobile hervorbrachten. Waschmaschinen, Bügeleisen, Rasierklingen Pfeffermühlen und Motorroller sowie Motorräder gehören ebenfalls in die Sammlung dieser bemerkenswerten Familie.

Wer wissen will, wie der Konzern tickt, der wohl bald die Muttergesellschaft von Opel wird, muss nach Sochaux reisen. Sichtbar ist die Region schon lange nicht mehr reich. Die einst modernen Mietblocks von Sochaux brauchten einen Anstrich, und auch einige der traditionellen Einfamilienhäuser dazwischen sind vergilbt. „Früher befanden sich in der ganzen Straße Restaurants“, erzählt die Wirtin der Brasserie „Le Central“ an der Hauptstraße. Heute sind davon drei Wirtschaften übrig geblieben, davon ein Schnellimbiss.

Wenn der Bürgermeister Albert Matocq-Grabot aus seinem Fenster blickt, bauen sich vor ihm die grauen Zickzack-Dächer des Peugeot-Werkes auf. Einst war er Direktor des Stadttheaters mit seinen gut 1000 Plätzen, das sich im gleichen Gebäude wie sein Amt befindet. Heute steht lokale Realpolitik auf dem Spielplan. Das klobige Bürgermeisteramt ist für Sochaux mit seinen 4000 Einwohnern etwas überdimensioniert. Doch diese Umfänge sind das Vermächtnis einer verblichenen Zeit. Die Stadt war in den siebziger Jahren der größte Industriestandort Frankreichs. Fast 40 000 Mitarbeiter, gut viermal so viele wie heute, arbeiteten bei PSA. „Damals war Sochaux eine der reichsten Kommunen des Landes“, erzählt der Bürgermeister – eine Art französisches Sindelfingen.

Peugeot sorgte nicht nur für kräftige Steuereinnahmen, sondern baute auch Schulen, Geschäfte und Wohnungen für die Arbeiter. Im Krieg kämpften Peugeot-Mitarbeiter in der Resistance gegen die deutschen Besatzer und gegen die Zwangsverwaltung durch den VW-Konzern, angeführt von Ferdinand Porsche und Anton Piëch, den Vater von Ferdinand Piëch. Ganz anders als Renault wurde PSA nach dem Krieg nicht wegen Kollaboration mit den Deutschen verstaatlicht, sondern machte als Privatunternehmen seinen Weg. Nach dem PSA-Direktor Auguste Bonal, der in ein deutsches KZ deportiert und auf der Flucht erschossen wurde, ist heute noch das Fußballstadion des FC Sochaux benannt. Peugeot hat den Verein gegründet, er ist Frankreichs ältester Profiklub.

Nur noch das Peugeot-Museum auf dem Gelände einer längst stillgelegten Brauerei erinnert an die lange Geschichte. Der Weg von Peugeot war kein stetiger Aufstieg, sondern eine Berg-und-Tal-Fahrt, die 1974 die Übernahme von Citroën brachte, 2012/2013 aber fast an den Abgrund führte. Dass PSA rasch die Kehrtwende gelang, erfüllt die Menschen in Sochaux heute mit Stolz. „PSA erobert die Welt“, jubelte die Lokalzeitung „L’Est Républicain“, als die Übernahmepläne von Opel und Proton in Malaysia bekanntwurden. „Peugeot hat Investitionen von 200 Millionen Euro angekündigt. Sie wollen aus Sochaux die modernste Fabrik Europas machen. Das gibt einem doch ein gewisses Gefühl der Sicherheit“, sagt der Bürgermeister. Diese Pläne seien auch die Früchte der Anstrengungen durch die Beschäftigten, etwa der Samstagsarbeit, zu denen sie sich seit der Krise bereit erklären. „Wenn man die Kunden warten lässt, gehen sie zu Volkswagen“, weiß der Bürgermeister.

Als würden sie dem Spiel nicht trauen, mischt sich in die Genugtuung der Menschen über die gelungene Sanierung aber auch Misstrauen in die Zukunft. Vor allem bei den Arbeitnehmervertretungen sind die Gefühle gemischt. In einem modernen Gewerkschaftsgebäude im nahe gelegenen Audincourt bringt der CFDT-Mann Benoît Vernier seine Skepsis zum Ausdruck: „Wir hätten uns eher einen Hersteller mit starker asiatischer Ausrichtung gewünscht. Da hätte es weniger Doppelungen gegeben“, sagt er.

Seine Gewerkschaft, die eher moderate CFDT, erinnert auf einem Flugblatt an einen teuren Ausflug von Peugeot in der Vergangenheit: 1978 kaufte PSA dem amerikanischen Chrysler-Konzern sein schlingerndes Europa-Geschäft ab und wurde damit größter Autohersteller Europas. Doch die Volumen alleine reichten nicht. Die chronischen Unterinvestitionen in das europäische Chrysler-Geschäft konnte PSA nicht ausgleichen. „Der Kauf hätte PSA beinahe in den Bankrott gestürzt“, meint die CFDT. Mehrere Restrukturierungsrunden und die Entwicklung des Erfolgsautos Peugeot 205 waren nötig, um PSA zu befreien.

„Ich kann mich an diese Zeit erinnern“, schränkt ein anderer Gewerkschafter, der 58 Jahre alte CGT-Mann Patrick Poirot, ein, „Opel ist eine ganz andere Marke, mit einem viel besseren Standing in Europa“. Wer es mit einem französischen Unternehmen zu tun hat, muss sich an ein Sammelsurium von Arbeitnehmervertretungen gewöhnen. Dass sich diese oft gegenseitig bekämpfen, macht die Sache für die Konzernleitung nicht leichter. Die linksgerichtete CGT hat als einzige Gewerkschaft die jüngsten Betriebsvereinbarungen nicht unterschrieben. „Die anderen Gewerkschaften haben sich sogar zusammengeschlossen, um uns klein zu machen. Doch alles was sozialen Rückschritt bedeutet, lehnen wir ab“, sagt die CGT-Betriebsratsvertreterin Aurore Métais. Im ehemaligen Bürgermeisteramt von Sochaux, 1907 gebaut, hat die CGT ihre Zentrale errichtet. Von dort verteidigt sie die Arbeitnehmerinteressen mit großem Eifer. Bei der Arbeitszeit etwa ringt man um jede Minute, die zweite Tagesschicht dauert etwa von 13.12 Uhr bis 21.18 Uhr. Meist steht die CGT, die größte Gewerkschaft in Sochaux, unversöhnlich der Unternehmensführung gegenüber – auch in der Schlacht um die Informationshoheit.

CGT-Mann Poirot berichtet von Temperaturen in einigen Fabrikhallen zwischen 37, ja sogar 40 Grad, im Sommer und 14 Grad im Winter, da jede Klimatisierung fehle. Manches Dach sei so alt, das es bei starkem Regen durchregne. Stromausfälle seien auch nicht selten. Die arbeitsbedingten Krankheitsausfälle und die Arbeitsunfälle nähmen zu. „Man tut alles, um die Vorfälle nicht als Arbeitsunfälle zu deklarieren“, sagt Poirot. Aufgrund von Fehlern bei Montage und Einbau müsse auch viel nachgearbeitet werden – weil zu viele schlecht qualifizierte Zeitarbeiter im Einsatz seien, wie die CGT meint. Die PSA-Unternehmensleitung bestreitet jeden einzelnen dieser Punkte und behauptet, meist mit Zahlen unterlegt, das Gegenteil. Sie verweist etwa darauf, dass bei später Verständigung über Arbeitszeitänderungen Prämien fällig werden, die das Unternehmen zu vermeiden sucht. Wenn Mehrarbeit an einem Samstag geleistet werden soll, muss die Belegschaft einen Monat vorher informiert werden, und eine Betriebsratssitzung muss ihren Segen geben.

Die Konzernführung habe auch viele Arbeiten an Fremdfirmen verlagert und damit die Schnittstellen erhöht, klagen die Gewerkschaften. „Als ich 1977 bei PSA anfing, bauten wir noch Motoren, Sitze, Stoßfänger und viele Gießereiteile selbst. Nichts ist davon geblieben“, berichtet Poirot. Doch das ist anderswo genauso. Wenn man die CGT-Vertreter fragt, welche Alternativen es angesichts des drohenden Bankrotts gegeben hätte, wird ihr Redefluss dünner. Noch mehr geteilte Arbeitszeit durch die 32-Stunden-Woche sieht die CGT als eine Lösung, wobei unklar bleibt, wie dies das Unternehmen entlasten soll.Die ideologischen Gräben sind somit tief. Und die Vergangenheit schwingt mit – wie immer bei der CGT. Poirot hat schon als Kind miterlebt, wie Molotow-Cocktails gebastelt wurden. An einem Junitag 1968 wurden zwei Arbeiter von der Polizei erschossen. Eine Gedenktafel an einer Straßenkreuzung in Sochaux erinnert heute noch an die Opfer.

Ein Mann, der früher sowohl der CGT als auch PSA angehörte, blieb dagegen nicht in der Vergangenheit stecken: Denis Sommer machte Abitur auf dem zweiten Bildungsweg, studierte und unterrichtete Ökonomie an einem Gymnasium, bevor er sich vor 16 Jahren zum Bürgermeister von Grand Charmont, einem Nachbarort von Sochaux, wählen ließ. „Die Opel-Übernahme wäre eine gute Nachricht. PSA muss mehr Autos bauen und internationaler werden. Außerdem kann sich das Unternehmen von den industriellen Stärken Deutschlands und seinem Dialog zwischen den Sozialpartnern eine Scheibe abschneiden“, sagt Sommer. Der Lokalpolitiker gehört zur Sozialistischen Partei, ist aber kein linker Heißsporn mehr, sondern setzt sich pragmatisch für staatliche Sparsamkeit und für die Ansiedlung privater Unternehmen ein.

„Die Globalisierung ist ein Fakt, man muss das Beste daraus machen“, sagt der Mann, der für den Präsidentschaftskandidaten Emmanuel Macron viele Sympathien hegt. Und der Front National? „Der ist natürlich eine Bedrohung“, bei den Regionalwahlen 2015 war er im ersten Wahlgang die stärkste Partei. Trotz PSA sinkt die Arbeitslosigkeit in der Gegend auch in Zeiten guter Autonachfrage nicht unter 10 Prozent. Doch zu den Lokalwahlen lässt sich der Front National in den meisten Kommunen der Gegend nicht aufstellen. Auch einige Flüchtlinge hat Sommer aufgenommen. „Wenn Deutschland und Frankreich zusammenarbeiten, dann stehen uns alle Möglichkeiten offen.“

Von Christian Schubert

 

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