Neue Ehrlichkeit: Managerverfehlungen werden offen angesprochen

Von wegen "mehr Zeit mit der Familie verbringen":

Statt mit Standardfloskeln sind Chefwechsel in amerikanischen Unternehmen immer häufiger mit Enthüllungen verbunden.

Es war eine Rücktrittankündigung, wie man sie nicht allzu oft zu lesen bekommt: ESPN, die zum amerikanischen Unterhaltungskonzern Walt Disney gehörende Gruppe von Sportsendern, teilte mit, ihr Präsident John Skipper habe seinen Posten wegen einer „Substanzabhängigkeit“ niedergelegt. Der genaue Gegenstand seiner Sucht wurde nicht preisgegeben, aber auch ohne dieses Detail erschien Skippers Stellungnahme zu seinem Rücktritt erstaunlich offenherzig: „Ich habe viele Jahre lang mit Substanzabhängigkeit gekämpft. Ich habe entschieden, das Wichtigste, das ich jetzt tun kann, ist, mich meines Problems anzunehmen.“ Er fügte hinzu, er mache diese öffentliche Enthüllung mit „Verlegenheit, Beklemmung und dem Gefühl, andere enttäuscht zu haben, die mir am Herzen liegen.“ Er dankte Disney-Vorstandschef Bob Iger dafür, mit Blick auf seine Situation „menschliches Verständnis und Wärme“ gezeigt zu haben, und bat die Öffentlichkeit, seine Privatsphäre zu respektieren.

Der Rücktritt des 62 Jahre alten Managers schlug in der amerikanischen Medienwelt wie eine Bombe ein. Disney mag von vielen Menschen vor allem mit Zeichentrickfiguren oder Filmreihen wie „Star Wars“ identifiziert werden, aber ESPN ist das Kronjuwel des Konzerns und steuert einen großen Teil zu seinen Gewinnen bei. Skipper führt die Sportsender seit 2012, und dafür, dass er seine Sucht nun als langjährigen Kampf beschreibt, kommt sein Abgang äußerst abrupt. Erst vor rund einem Monat hat er seinen Vertrag als ESPN-Chef bis zum Jahr 2021 verlängert. Noch in der vergangenen Woche trat er auf einer Branchenkonferenz und auf einer Mitarbeiterversammlung in der ESPN-Zentrale auf.

Bemerkenswert ist indessen nicht nur der Rücktritt an sich, sondern auch dessen Art und Weise. Der Hinweis auf Skippers Sucht mutet wie ein schonungsloses Bekenntnis an. Er ist ein Kontrastprogramm zu den Standardfloskeln, die sonst bei Chefwechseln oft zum Einsatz kommen und die bisweilen erst recht zu Spekulationen einladen, was wirklich hinter den Kulissen passiert ist. Also zum Beispiel die legendäre Verlautbarung, ein Manager trete zurück, weil er mehr Zeit mit seiner Familie verbringen wolle. Als Andrew Mason vor einigen Jahren aus seinem Amt an der Spitze des Rabattportals Groupon gedrängt wurde, spielte er mit Selbstironie darauf an, dass dies oft nur eine vorgeschobene Begründung ist. Er sagte: „Nach viereinhalb heftigen und wunderbaren Jahren als Vorstandschef von Groupon habe ich entschieden, dass ich gerne mehr Zeit mit meiner Familie verbringen würde. Ist nur ein Witz – ich bin heute gefeuert worden.“ Skippers Abschied von ESPN ist indessen nur der jüngste Rücktritt in amerikanischen Unternehmen, der mit persönlichen Enthüllungen verbunden ist. Zuletzt waren es vor allem Vorwürfe sexueller Belästigung, die Manager ins Straucheln gebracht haben. Auch bei Disney gab es einen sehr prominenten Fall. John Lasseter kündigte vor wenigen Wochen an, eine sechsmonatige Auszeit als Chef der Disney-Zeichentrickstudios zu nehmen, und er begründete dies mit nicht näher beschriebenen „Fehltritten“. Die Entscheidung fiel zeitlich mit der Veröffentlichung einer Geschichte in der Branchenpublikation „The Hollywood Reporter“ zusammen, in der es hieß, Lasseter sei bekannt dafür, Frauen „anzufassen, zu küssen und Kommentare über körperliche Attribute“ zu machen. Für Disney ist diese Episode ein herber Schlag, denn Lasseter galt bislang als eine der einflussreichsten Personen im Konzern. Er wird für die jüngste Erfolgsserie von Disney mit Zeichentrickfilmen verantwortlich gemacht.

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Einen plötzlichen Karriereknick erlebte auch Roy Price, der in den vergangenen Jahren für den Online-Händler Amazon.com eine Unterhaltungssparte mit Film- und Fernsehstudios aufgebaut hat. Im Oktober teilte Amazon mit, Price mit sofortiger Wirkung beurlaubt zu haben. Zuvor hatte eine Filmproduzentin den Vorwurf erhoben, sie sei von dem Manager sexuell belästigt worden. Wenige Tage nach der Beurlaubung ist Price sogar ganz zurückgetreten. Price und auch Lasseter gehören zu einer ganzen Serie prominenter Personen, die in den vergangenen Monaten wegen Vorwürfen sexueller Belästigung ins Zwielicht geraten sind. Die Welle kam durch Enthüllungen über den Filmproduzenten Harvey Weinstein ins Rollen, der beschuldigt wurde, Schauspielerinnen sexuell belästigt, missbraucht oder sogar vergewaltigt zu haben. Weinstein wurde innerhalb weniger Tage wegen „Fehlverhaltens“ als Chef seiner Produktionsfirma entlassen. Er selbst hat die Vorwürfe bestritten.

Der offene Hinweis auf persönliche Angelegenheiten oder auch auf Fehltritte muss bei der Ankündigung von Rücktritten freilich nicht zwangsläufig die ganze Wahrheit sein. Die Amazon-Filmstudios etwa kämpften zuletzt mit einigen Schwierigkeiten und lieferten viel weniger erfolgreiche Shows als etwa der Rivale Netflix. Womöglich saß Roy Price daher ohnehin nicht fest im Sattel. Die „Los Angeles Times“ berichtete, dass es seit geraumer Zeit Gerüchte über einen Rücktritt von John Skipper bei ESPN gab. ESPN ist zwar für Disney weiter eine Ertragsperle, kämpft aber mit rückläufigen Abonnentenzahlen. Das Umfeld ist für Skipper also um einiges rauher geworden – unabhängig von persönlichen Schwierigkeiten. (Kommentar Seite 26.)

ROLAND LINDNER

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