Der Mysterium der lohnarmen Erholung

Steht Europas Arbeitsmarkt vor einem Wendepunkt zu höheren Löhnen?

Die Antwort wird den Ausstieg der EZB aus ihrer ultraexpansiven Geldpolitik bestimmen.

ppl. FRANKFURT, 16. August. Die durchschnittliche Arbeitslosigkeit im Euroraum ist auf knapp über 9 Prozent gefallen. Gemessen mit dem Höchststand von mehr als 12 Prozent im Jahr 2013 ist das eine deutliche Verbesserung. Die Zahl der Menschen offiziell ohne Stelle ist von 19,5 auf 14,7 Millionen gefallen. Das ist der beste Wert sei Anfang 2009. Schon bald könnte die Arbeitslosigkeit unter den Stand kurz vor dem Lehman-Schock im Herbst 2008 sinken. Ein Meilenstein wäre das, sagen Ökonomen. Seit Beginn der wirtschaftlichen Erholung vor vier Jahren wurden 6,4 Millionen Arbeitsplätze geschaffen, sagt Mario Draghi, der Präsident der Europäischen Zentralbank – und er schreibt dies auch zum erheblichen Teil seiner lockeren Geldpolitik zu.

Allerdings gibt es weiterhin große Unterschiede zwischen Nord- und Südeuropa, zwischen Ost und West. Von den großen Euroländern leidet Spanien mit noch immer 17 Prozent an der höchsten Arbeitslosenquote; als die Bauboom-Blase dort platzte, betrug die Arbeitslosigkeit in der Spitze offiziell mehr als 25 Prozent. Die geringste Quote hat Deutschland mit aktuell 3,8 Prozent nach Angabe des EU-Statistikamts Eurostat, das sich auf die Definition der Internationalen Arbeitsagentur (ILO) stützt. Der hiesige Arbeitsmarkt ist nicht mehr allzu weit von Vollbeschäftigung entfernt. Dagegen sind in Frankreich laut Eurostat noch 9,6 Prozent beschäftigungslos, in Italien 11 Prozent. Aber auch in diesen Ländern zeigt der Trend eine leichte Verbesserung.

Im ersten Quartal dieses Jahres wurden im Euroraum 650 000 Stellen geschaffen – der größte Zuwachs seit Beginn der Finanz- und Wirtschaftskrise vor zehn Jahren. Und die Konjunktur ist kräftig, 2017 könnte der Euroraum 2 Prozent Wachstum oder mehr schaffen. Damit steigt auch die Nachfrage nach Arbeitskräften.

Nur das Lohnwachstum bleibt merkwürdig verhalten. Die EU-Kommission sprach daher von einer „lohnarmen Erholung“. Angelsächsische Medien rätselten über ein „Mysterium der fehlenden Lohnanstiege“. In der Zentralbank wird die Entwicklung mit Argusaugen verfolgt und analysiert. EZB-Chef Draghi hat die Lohnentwicklung zur „Schlüssel-Variablen“ erklärt. Erst wenn die Löhne stärker steigen, sei von einer nachhaltigen und selbsttragenden Rückkehr der Inflationsrate in Richtung des EZB-Zielwerts von knapp unter 2 Prozent zu sprechen.

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Der Diskurs hat sich bemerkenswert gewandelt: In den ersten Jahren der Krise stand die Notwendigkeit von Lohnmoderation in den Krisenländern im Vordergrund, damit sie zu hohe Lohnstückkosten korrigieren und so Wettbewerbsfähigkeit wiedergewinnen könnten. Damit soll Schluss sein. „Das Argument für höhere Löhne ist unbestreitbar“, sagte Draghi schon vor einem Jahr. Doch die Löhne folgen nur schleppend. In Deutschland lag der nominale Lohnanstieg zuletzt auf Jahressicht bei 2,3 Prozent, in Frankreich im vergangenen Jahr meist unter 1 Prozent, im ersten Quartal bei 1,4 Prozent. In Italien und Spanien steigen die Löhne noch langsamer. „Trotz des angespannter werdenden Arbeitsmarkts war das Lohnwachstum im Durchschnitt der vergangenen Jahre mit 1,3 Prozent nur halb so hoch wie vor der Krise“, stellt Taha Saei von Oxford Economics fest.

Die Gründe bereiten gerade der EZB Kopfzerbrechen. Möglich ist, dass die offizielle Statistik ein zu schönes Bild zeichnet. Laut ILO-Definition gilt als nicht arbeitslos, wer nur eine einzige Stunde in der Woche eine bezahlte Arbeit hat. EZB-Chef Draghi selbst sagte vor zwei Monaten in Sintra: Nehme man zu den offiziell Arbeitslosen die Unterbeschäftigten und marginal Beschäftigten dazu, seien dies 18 Prozent der Bevölkerung. Es gibt also eine große „stille Reserve“ von Beschäftigungslosen und eine starke „Unterauslastung“, wie die EZB kürzlich nachwies.

Die Struktur des Arbeitsmarktes hat sich zudem verändert. Es braucht heute mehr offene Stellen, um die Arbeitslosigkeit abzubauen, fast doppelt so viele wie vor der Krise, betont Oxford Economics. Angebot und Nachfrage passten nicht mehr so gut zusammen – etwa weil Langzeitarbeitslose ihre Qualifikationen oder den Mut verloren haben. In der Krise wurden zudem einige zuvor stark regulierte Arbeitsmärkte liberalisiert. Die Gewerkschaften haben Mitglieder verloren. Das wiederum hat womöglich ihre Verhandlungsmacht geschwächt. Thorsten Schulte vom gewerkschaftsnahen WSI-Institut sieht darin den Hauptgrund für die schwache Lohnentwicklung.

Die traditionellen Modelle, die einen engen Zusammenhang zwischen Arbeitslosenquote und Lohn- beziehungsweise Preisanstieg annahmen (nach der „Phillips-Kurve“ des britischen Statistikers A. W. Phillips) könnten mithin falschliegen. EZB-Direktor Benoît Coeuré zeigte sich konsterniert, dass alle EZB-Inflationsprognosen auf Basis verschiedener Phillips-Kurven seit 2016 zu hoch lagen. Die Phillips-Kurve scheint flacher geworden zu sein – doch die Gründe dafür sind weiter umstritten. Einer davon könnte die stärkere globale Verflechtung und Konkurrenz sein, so dass günstige Importprodukte und Wettbewerber etwa aus Fernost Druck auf hiesige Löhne und auf die Preissteigerungsraten ausüben.

Ein wichtiger Grund für das schwache Lohnwachstum war die Ölpreisentwicklung. Als die Energiepreise fielen, drückte dies 2015 und 2016 die Inflation. „Daher waren die Gewerkschaften mit relativ niedrigen Nominallohnsteigerungen zufrieden“, erklärt Dominik Groll vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel. Der Ölpreiseffekt ist aber ausgelaufen. Im nächsten Jahr sei daher mit höheren Lohnanstiegen zu rechnen. Andere Volkswirte sind indes zurückhaltend. „Die Erfahrung in Amerika und in Großbritannien zeigt, dass selbst wenn die Arbeitsmärkte nahe der Vollbeschäftigung sind, die Lohninflation schwach bleiben kann“, sagt Chris Hare von der britischen Großbank HSBC – ein „Lohnrätsel“ sei dies. Hare glaubt nicht, dass die EZB schnell aus ihrer ultralockeren Geldpolitik aussteigen werde.

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