Deutschland Nummer eins

Die Geheimnisse des Erfolgs

Während schon – berechtigte – Sorgen artikuliert werden, ob das hiesige Wirtschaftswunder noch lange zu halten ist, schaut die Welt noch immer erstaunt auf Deutschland. Aus dem kranken Mann Europas ist die führende ökonomische Macht des Kontinents geworden. Die direkte Staatsverschuldung sinkt, in Süddeutschland herrscht Vollbeschäftigung, es gibt Wachstum und soziale Stabilität.

Die Wirtschaftswissenschaftler David Audretsch, der an der Indiana University und der WHU – Otto Beisheim School of Management in Vallendar forscht und unterrichtet, sowie Erik E. Lehmann von der Universität Augsburg haben nun ein Buch veröffentlicht, das diesen Aufstieg Deutschlands erklärt: „Die sieben Geheimnisse Deutschlands – Wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit in einer Zeit globaler Turbulenzen“. Das in englischer Sprache verlegte Werk ist eine klug geschriebene, einprägsame und inhaltlich treffende Einführung in die Erfolgsfaktoren der deutschen Wirtschaft. Es gebe sieben „Geheimnisse“, auf denen das Land aufbaue, heißt es, und noch ein achtes Geheimnis dazu: die treffende Verbindung und gegenseitige Interdependenz dieser Faktoren. Für Kenner der deutschen Situation mögen die Geheimnisse keine neue Erkenntnis sein, doch Ausländer können sich anhand der Darstellung mit konkreten Beispielen einerseits und abstrakten Fakten andererseits ein gutes Bild machen. Deshalb ist dem Werk eine weite Verbreitung zu wünschen.

Zunächst widerlegen die Autoren ein weitverbreitetes Missverständnis über Deutschland. „Wir glauben nicht, dass Austerität eine gültige Beschreibung dessen ist, was das Land getan hat, um ökonomischen Erfolg zu haben.“ Das Problem mit dem Label der Austerität sei, dass es nur die Nachfrageseite beschreibe. Deutschlands Erfolg aber habe ausschließlich mit der Angebotsseite zu tun. Erfolgsmotor sei der Standort Deutschland, der hoch produktiv, innovativ und attraktiv sei. Die Politik habe in den letzten Jahren kluge Investitionen im Rahmen ihrer Standortpolitik gemacht. Audretsch und Lehmann betonen, dass es auch andere Regionen in Europa gebe, die durch kluge Entscheidungen wettbewerbsfähig geworden sind. Dazu zählen Wien, Stockholm, Kopenhagen, das Baskenland, Katalonien und die Lombardei. Dass andere Staaten, besonders in Südeuropa, nicht erfolgreich seien, hänge mit niedriger Produktqualität, zu geringer Innovationskraft und hohen Produktionskosten zusammen. Deutschland dagegen würden die sieben Geheimnisse „the right Zeitgeist for our Zeitalter“ verleihen.

Was sind aber nun, in aller Kürze, die sieben Geheimnisse? Erstes Geheimnis: der Mittelstand. Hier profitiere das Land von loyalen Mitarbeitern und einer exzellenten Arbeitsethik. Familienunternehmen ermöglichen eine inspirierende Teamsphäre. Junge Menschen können in einer dualen Ausbildung zwischen 300 geregelten Ausbildungsberufen wählen. Positiv bewerten Audretsch und Lehmann auch die Metropolregionen und das Förderkredite-Programm der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW), die an dieser Stelle des Buches allerdings „Kreditveranstalt für Wiederentwicklung“ genannt wird.

Zweites Geheimnis: die gute Ausbildung in ihrer Breite, sowohl im beruflichen als auch im akademischen Sektor. Mögen Großbritannien und die Vereinigten Staaten die Spitzenplätze in den weltweiten Uni-Rankings belegen, der Vorteil Deutschlands ist die Homogenität seiner Hochschulen. Ihr Niveau sei in ihrer Gesamtheit gut. Zudem sei das Leistungsniveau an deutschen Schulen sehr hoch. Hier ist es freilich fraglich, ob der deutsche Autor Lehmann aus seiner bayerischen Perspektive auch die Gesamtschulen etwa in Nordrhein-Westfalen im Blick hatte.

Drittes Geheimnis: Standortpolitik und Ordnungspolitik. Dabei führen die Autoren auch das föderale System an, die Unternehmen seien in der Fläche verteilt. Und die Deutschen würden immer besser Englisch sprechen. Viertes Geheimnis: Deutschlands Infrastruktur sei eine der besten der Welt. Genannt werden Autobahnen, ICE-Züge und der gut ausgebaute öffentliche Nahverkehr. Genannt werden aber auch Sparkassen und Genossenschaftsbanken, Theater, Museen und Parks. Besonders hervorgehoben werden von Audretsch und Lehmann die Strukturiertheit und Organisiertheit der Deutschen. Sie seien kreativ, ideenreich und fokussiert.

Fünftes Geheimnis: Diversität. Man sei ein Einwanderungsland, und die Wirtschaft profitiere davon. Die Willkommenskultur wird von Audretsch und Lehmann begrüßt. Sie zitieren einen Vertreter der deutsch-israelischen Handelskammer, der sagt, dass Berlin für viele junge Israelis die Stadt ihrer Träume ist. Sechstes Geheimnis: das ausgewogene Verhältnis von Produktivität zu Arbeitskosten in einer weiterhin industriell geprägten Wirtschaft.

Siebtes Geheimnis: Es mache Spaß, Deutscher zu sein. Hier nennen die Autoren softe Faktoren. Das Land hätte seine Angst überwunden. Man sei Weltmeister im Fußball. In einer BBC-Umfrage von 2013 habe Deutschland weltweit das beste Image aller Nationen. Und die Flüchtlingskrise? Sie wird von den Autoren ausgespart. So aktuell ist das Buch nicht. Immerhin zeigen die allerneuesten Entwicklungen, dass die „German angst“ nicht dauerhaft zurückgekehrt war. Es macht sich wieder Optimismus breit.

Was haben die Autoren vergessen zu erwähnen? Ein ausgezeichnetes Rechtssystem, das Rechtssicherheit auch gegen den Staat gewährleistet; ein sich ständig verbesserndes Management und Controlling in den Unternehmen; die geographische Nähe zu manch starker Wirtschaftsregion wie Luxemburg oder der Schweiz; der Anspruch auf einen Kindergartenplatz; sowie ein qualitätsvolles Medienangebot, das die vierte Gewalt sicherstellt. Womöglich hat Deutschland nicht nur sieben Geheimnisse, sondern noch einige mehr.

JOCHEN ZENTHÖFER

David B. Audretsch/Erik E. Lehmann: The seven secrets of Germany. Economic Resilience in an Era of Global Turbulence. Oxford University Press, Oxford 2016. 229 Seiten. 30,40 Euro.

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