Freihandel statt Fiskalprogramme

Das Wachstum des Welthandels hat sich in den letzten Jahren drastisch verlangsamt.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat gerade noch einmal die Gefahren betont, die sich daraus für das ohnehin nur schleppende globale Wirtschaftswachstum ergeben. Während das globale Handelsvolumen in früheren Jahren rund doppelt so schnell stieg wie die globale Produktion, hat es zuletzt kaum mit der Wirtschaftsleistung Schritt gehalten. IWF-Chefin Lagarde appellierte an die Regierungen, in der Wirtschaftspolitik mit allen Mitteln gegenzusteuern und für mehr Wachstum zu sorgen. Doch leider sind die Mittel sowohl in der Geld- als auch in der Fiskalpolitik in den letzten Jahren fast überall schon bis an die Grenzen des Machbaren ausgereizt worden.

So lassen sich heute unter den Industrieländern diejenigen mit der Lupe suchen, die überhaupt noch über fiskalpolitischen Spielraum verfügen, weil sie in den letzten Jahren ihren Schuldenberg halbwegs unter Kontrolle gehalten haben. Deutschland wird hier meistens an erster Stelle genannt, neben Kanada, Schweden oder den Niederlanden.

Sollte Deutschland also seine Staatsausgaben erhöhen, um der Weltkonjunktur auf die Sprünge zu helfen? Die Bundesbank hat diese Frage kürzlich untersucht und kam zu dem Schluss, dass die positiven Effekte auf die Wirtschaft der Nachbarländer nur relativ gering und vorübergehend wären, der resultierende Anstieg der Staatsverschuldung jedoch dauerhaft. Ein öffentliches Ausgabenprogramm in Deutschland, wie es auch aus EZB-Kreisen immer wieder gefordert wird, sei daher „wenig geeignet“, um dem Ziel einer dynamischeren internationalen Konjunktur näher zu kommen.

Dem ist nur zuzustimmen. Es wird der Weltwirtschaft nicht helfen, noch mehr staatliche Schulden aufzutürmen. Privat- und Staatssektor zusammengefasst, ist die Welt schon mit mehr als dem Doppelten ihrer gesamten Wirtschaftsleistung verschuldet. In den G-7-Ländern hat die Staatsverschuldung allein seit 2007 um die Hälfte zugenommen – von etwa 80 auf rund 120 Prozent der Wirtschaftsleistung.

Was bleibt aber zu tun, wenn noch mehr Schulden nicht weiterhelfen? Die eingangs erwähnte Schwächephase des Welthandels wäre ein sinnvoller Ansatzpunkt. Denn sie ist auch das Resultat eines schleichenden Abschieds vieler Regierungen von Idee und Praxis des Freihandels. Populistische Bewegungen, die für nationale Abschottung eintreten, treiben die Politik zunehmend vor sich her. Das Brexit-Votum war nur der letzte, traurige Höhepunkt.

Die Wirtschaftspolitik sollte angesichts dieser Herausforderung Stärke zeigen und die Vorteile, die der freie Welthandel für alle Beteiligten mit sich bringt, auch deutlich machen. Denn mehr Handel bringt auch mehr Wachstum. Wichtig ist, dass die Vorteile auch denjenigen zugutekommen, die sich bislang abgehängt fühlen, weil sie an der Wohlfahrtssteigerung der letzten Jahre nur unzureichend partizipieren konnten.

Der Autor ist Chefvolkswirt und Leiter Research der DZ BANK

 

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