Indien wehrt sich gegen strengere Visavorgaben

Immer mehr Industrieländer verschärfen ihre Visaregeln

che. PORT MORESBY, 21. April. In Indien wächst der Ärger über die Verschärfungen der Visaregeln in immer mehr Industrieländern. Die indische Handelsministerin Nirmala Sitharaman hat nun damit gedroht, die Abgaben für amerikanische Unternehmen in Indien im Gegenzug zu erhöhen – Konzerne wie Microsoft, Cisco, aber auch Coca-Cola und bald wohl Apple setzen Milliarden in Asiens drittgrößter Volkswirtschaft um.

Nach Amerika hatten auch Australien und Neuseeland zu Wochenbeginn die Aufenthaltsbedingungen deutlich verschärft (F.A.Z. vom 19. April). Betroffen sind in allen Fällen vor allem Inder – in Australien gehen rund ein Viertel der ausgeteilten Arbeitsvisa 457 an sie. Sitharaman erklärte, Länder wie Amerika hätten der Welthandelsorganisation (WTO) gegenüber eine Verpflichtung abgegeben, eine bestimmte Menge Arbeitsvisa an indische Staatsbürger auszugeben. „Im Augenblick kann ich nur sagen, dass wir einen konstruktiven Dialog aufnehmen werden. Ich zögere aber auch nicht zu sagen, dass Indien es nicht hinnehmen wird, unfair behandelt zu werden“, sagte die Ministerin. Indien werde bei der WTO prüfen lassen, ob Zusagen eingehalten werden. Die Wirtschaftspresse in Indien warnt schon vor der Gefahr eines „Handelskrieges“. Australiens Ministerpräsident Malcolm Turnbull hatte erst vor wenigen Tagen Indien besucht, das Thema öffentlich aber nicht angesprochen.

Das Streichen des 457-Visums für ausländische Arbeitnehmer in Australien, das durch zwei neue Visaformen mit höheren Anforderungen ersetzt werden wird, wird auch die Freihandelsverhandlungen zwischen Canberra und Neu-Delhi belasten. „Wir werden im Rahmen der Gespräche auf dieses Thema schauen“, kündigte der Sprecher des indischen Außenministers an. Indien muss Monat für Monat rund eine Million Arbeitsplätze schaffen, um die heranwachsenden Jugendlichen in Lohn und Brot zu bekommen. Der Staat bleibt aber weit hinter diesem Ziel zurück, so dass den besser Ausgebildeten vor allem der Gang ins Ausland winkt. Wird diese Tür nun weiter geschlossen, wird dies negative Auswirkungen für jede indische Regierung haben, da der Druck im eigenen Land steigt. Deshalb ist der freie Austausch von Arbeitskräften, der in Wirklichkeit sehr einseitig verläuft, einer der wichtigsten Punkte der indischen Verhandlungen über Freihandel. Ministerpräsident Narendra Modi dürfte ihn aufgrund der Freihandelsgespräche mit der Europäischen Union auch bei seiner Reise nach Deutschland im Mai wieder ansprechen. Die Vereinten Nationen schätzen, dass die Zahl der Inder, die einen Arbeitsplatz brauchen, zwischen 1991 und 2011 um 300 Millionen wuchs, das Land aber nur 140 Millionen Stellen bieten konnte.

Am 18. April hatte Trump einen Erlass unterzeichnet, der die H-1B-Visa für ausländische Arbeitnehmer prüfen lässt. Bislang konnten ausländische Arbeiter bis zu sechs Jahre in den Vereinigten Staaten arbeiten. Besonders betroffen sind die indischen Datendienstleister Infosys, Tata Consultancy Services (TCS) und Wipro, die Zehntausende Inder in Amerika beschäftigen. Die Berater von Deloitte Touche Tohmatsu ermittelten gerade, dass sich infolge des wachsenden Nationalismus die Zahl der Inder in Amerika, die eine Stelle in ihrer Heimat suchen, verzehnfacht hat. Im Dezember vergangenen Jahres wollten 600 zurückkehren, im März dann plötzlich 7000 Menschen. Für die Konzerne wird es schwierig, die dann offenen Stellen mit anderen Arbeitnehmern zu füllen.

Auch in Großbritannien fühlen sich die Inder stärker unter Druck. Das Land hat die Anforderungen an die Beherrschung der englischen Sprache heraufgeschraubt und den Mindestlohn für ausländische Arbeiter angehoben. Etwa 60 Prozent der britischen Visa für ausgebildete Arbeiter gingen bislang an Inder. Indiens Software-Verband warnt, dass rund 30 000 Inder, die in der britischen Daten-Industrie arbeiten, kein neues Visum mehr bekommen werden. Längst schon hat der hochentwickelte Stadtstaat Singapur gegen den Zuzug von Ausländern mobil gemacht. Auch dort trifft die Verschärfung zahlreiche „Techies“ vom Subkontinent. Die Zahl der Beschäftigten sei auf unter 10 000 gesunken, Visaanträge dauerten statt früher einige Wochen nun mehrere Monate, kritisiert der Software-Verband.

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