Ökonomen übernehmen die Vorstandsetagen im Dax

Juristen werden in den Vorständen zu Exoten - und den Doktortitel braucht auch keiner mehr

FRANKFURT, 27. November
Vorstandsgremien sollten möglichst vielseitig zusammengesetzt sein, fordern Unternehmensberater seit vielen Jahren. Gemischte Teams brächten bessere Entscheidungen hervor und damit langfristig auch höhere Gewinne für die Unternehmen, heißt es von Personalberatern unisono. Tatsächlich ist die Zusammensetzung der Vorstandsgremien vielfältiger geworden: Mehr Frauen und mehr Ausländer sind in den vergangenen Jahren eingezogen. Nur in einem Punkt werden sich die Vorstände der Dax-Unternehmen zunehmend ähnlicher: Immer mehr Vorstände haben Wirtschaftswissenschaften studiert.
Zu diesem Ergebnis kommt eine Analyse der Personalberatung Odgers Berndtson, die einen genaueren Blick auf die Lebensläufe der rund 200 Vorstände der Dax-Unternehmen wirft. Über die Hälfte der heute amtierenden Vorstandsmitglieder hat demnach Wirtschaftswissenschaften studiert. Der Anteil der Ökonomen ist in den vergangenen Jahren stetig gestiegen: Im Jahr 2005 lag er noch bei rund 48 Prozent, inzwischen schon bei knapp 57 Prozent – und es geht weiter aufwärts: Von den 33 in diesem Jahr neu berufenen Dax-Vorständen waren 22 Ökonomen, das entspricht fast 67 Prozent.

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Leicht zurückgegangen ist der Anteil der Ingenieure, wobei die Studie Wirtschaftsingenieure nicht zu den Ingenieuren, sondern zu den Wirtschaftswissenschaftlern zählt. Die Zahl der Naturwissenschaftler unter den Dax-Vorständen ist ganz leicht gestiegen, Informatiker dagegen tun sich – trotz aller Digitalisierung – im Management oft schwer: „Ihnen fehlt häufig die Extrovertiertheit, die man als Manager haben muss“, sagt Personalberater Michael Proft: „Viele Informatiker wollen oft aber gar nicht ins Spitzen-Management aufsteigen“.

Die früher dominierenden Juristen sind in den Vorstandsetagen weiterhin auf dem Rückzug. Nur noch knapp 11 Prozent der heutigen Dax-Vorstände haben Rechtswissenschaften studiert. Unter den neu berufenen im vergangenen Jahr waren es sogar nur noch drei Prozent. Oft besetzen Juristen heute das Ressort „Recht & Compliance“, auf anderen Posten aber haben sie an Gewicht verloren. Kritiker der Juristenausbildung monieren schon länger, das Studium sei zu einseitig auf das Richteramt zugeschnitten. Der Bedeutungsverlust der Juristen begann schon Anfang der 90er Jahre. Damals war noch fast jeder dritte Vorstandvorsitzende der größten deutschen Unternehmen Jurist. „Die Karriereverläufe deuten darauf hin, dass es einen deutlichen Wandel im Verständnis gibt, wem die Leitung eines Unternehmens zugetraut wird“, sagt die Sozialwissenschaftlerin Saskia Freye, die sich in ihrer Dissertation mit deutschen Managerkarrieren befasst hat. „Die Karriereverläufe ändern sich insgesamt“, sagt Freye. Das gelte nicht nur für die Studienfächer.

Zwar sei in Deutschland noch immer die „Hauskarriere“ dominant, das heißt, die Spitzenposten im Management bekommen vor allem Leute mit „Stallgeruch“, die sich im Unternehmen hochgearbeitet haben. Doch die Hauskarriere selbst habe sich stark gewandelt: Auch die Eigengewächse brächten heute viel mehr unterschiedliche Erfahrungen mit als früher: „Diejenigen, die es an die Spitze der Unternehmen geschafft haben, haben das Stammhaus verlassen und bei Auslandstochtergesellschaften ihre Tauglichkeit unter Beweis gestellt.“ Vielversprechende Nachwuchsmanager werden innerhalb des Konzerns über Jahre in ausgeklügelten Nachwuchsprogrammen aufgebaut und gezielt auf Stationen ins Ausland geschickt. Bevor sie Chef werden, haben viele schon Tochtergesellschaften des Konzerns geführt. So haben etwa Siemens-Chef Joe Kaeser und Daimler-Chef Dieter Zetsche ihr gesamtes Berufsleben in ihrem Konzern verbracht, allerdings international auf den unterschiedlichsten Posten.

Anders als früher ist es nicht mehr erwünscht, dass Vorstandsmitglieder nebenher in etlichen Aufsichtsräten sitzen. Die Zahl der Mandate ist deutlich zurückgegangen: Saßen die Vorstände im Jahr 2005 im Schnitt noch in rund 5 Aufsichtsräten, sind es heute nur noch rund die Hälfte. Dafür müssen sie sich heute aber intensiver um die einzelnen Aufsichtsratsposten kümmern, nachdem die Politik nach Skandalen und der Finanzkrise die Regeln verschärft hat und die Aufsichtsräte strenger haften.

Auch der Doktortitel verliert im Management weiter an Bedeutung: Hatten im Jahr 2005 noch mehr als die Hälfte aller Dax-Vorstände einen Doktorhut, ist ihr Anteil mittlerweile auf 33 Prozent gefallen. Von den im Jahr 2017 neu berufenen Vorständen verfügte sogar nur noch rund jeder vierte über einen Doktortitel. Immer häufiger haben die Spitzenmanager dagegen eine praxisbezogene, betriebswirtschaftliche Zusatzausbildung wie den MBA. Hatten im Jahr 2005 nur 7 Prozent der Vorstände diesen Zusatzabschluss, sind es inzwischen doppelt so viele, bei den Neulingen sogar 21 Prozent. Der Personalberater Michael Proft erklärt den Wandel so: „Die Promotion hat gesellschaftlich an Bedeutung verloren. Für Managerkarrieren sind vor allem auch Kontakte wichtig. Während der MBA-Ausbildung an den einschlägigen Management-Kaderschmieden lassen sich besser wichtige Netzwerke knüpfen, die im späteren Berufsleben wichtig werden können. Das Promotionsstudium ist dagegen immer noch ein Kampf im stillen Kämmerlein.“

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