Österreich sucht weibliche Aufsichtsräte

Gesetz verpflichtet große Unternehmen zu Mindestquote von 30 Prozent im Kontrollgremium

Österreich zieht Deutschland mit einer Frauenquote für Aufsichtsratsgremien nach: Von kommendem Jahr an müssen größere oder börsennotierte Unternehmen ihre Aufsichtsräte zu 30 Prozent weiblich besetzen. Die Regel gilt für börsennotierte Konzerne und Unternehmen, die ständig mehr als 1000 Mitarbeiter beschäftigen. Ein zusätzliches Erfordernis sind ein Frauen- und Männeranteil von mindestens 20 Prozent in der Belegschaft sowie mindestens sechs Kapitalvertreter im Aufsichtsrat. Kleinere Gremien unterliegen nicht der Quote.
Derzeit sitzen in den Aufsichtsräten der börsennotierten Unternehmen mit 17,4 Prozent weniger als ein Fünftel Frauen, hat die Unternehmensberatung EY mit Stichtag Ende Juli erhoben. Fast jedes dritte Aufsichtsratsgremium setze sich immer noch ausschließlich aus Männern zusammen. Nur jedes fünfte Unternehmen würde demnach die von 2018 an geltende Frauenquote im Aufsichtsrat erfüllen. Die Mehrheit der betroffenen börsennotierten Unternehmen hat also deutlichen Aufholbedarf: Erst neun von 48 Unternehmen hätten aktuell mehr als 30 Prozent Frauen in ihrem Aufsichtsrat. Bereits erfüllt ist die Quote in der Ersten Bank, Oberbank, Post, Schlumberger, Semperit, Valneva, Vienna Insurance Group, Wienerberger und Wolford.
Von den im Wiener Leitindex ATX erfassten Unternehmen muss fast die Hälfte die Quote erst gar nicht erfüllen, da deren Belegschaft keinen Frauenanteil von 20 Prozent aufweist. Die gesetzliche Quote regelt nur Neubestellungen.
Auch die Chefetagen der börsennotierten Unternehmen Österreichs sind – wie in Deutschland – nach wie vor eine Männerdomäne. Unter 196 Vorstandsmitgliedern gibt es elf Frauen. Nur in 14 Prozent der 63 im Wiener Börsen Index (WBI) notierten Unternehmen findet sich überhaupt ein weibliches Vorstandsmitglied, analysiert EY. „Immer noch schaffen es zu wenige Frauen bis in die obersten Entscheidungsgremien von Österreichs Top-Unternehmen. Wenn der Anstieg weiter in diesem Tempo fortschreitet, braucht es noch 50 Jahre bis zu einem ausgeglichenen Verhältnis von Männern und Frauen in den Vorstandsetagen“, kommentierte Elfriede Baumann, Partnerin bei EY Österreich, die Untersuchung. Am höchsten sei der Frauenanteil in der Automobilbranche mit 14 Prozent, gefolgt von der IT-Branche und der Finanzbranche. In drei Branchen gebe es nach wie vor keine einzige Frau im Vorstand: Energie, Telekommunikation sowie Transport & Logistik.
Die Vergütung für ein Aufsichtsratsmandat fällt in Österreich vergleichsweise niedrig aus. Die Unternehmensberatung HKP hat für Vorsitzende der im ATX vereinten Unternehmen gut 76 000 Euro errechnet. HKP hat eine Mischung aus S-Dax und M-Dax analysiert, um ähnlich große Unternehmen in Deutschland abzubilden und damit zu vergleichen: In dieser Gruppe werden für den Posten knapp 150 000 Euro bezahlt, also praktisch das Doppelte von Österreich. Aus Sicht der österreichischen Aufsichtsräte passt die Relation zwischen dem Risiko, das man eingeht, und der Bezahlung nicht. Die Bezahlung sei – im internationalen Vergleich – „lausig“, doch Headhunter Michael Schaumann (Stanton Chase International) ist überzeugt, „man kann auch ganz wenig zahlen und würde dennoch genug Aufsichtsräte finden“. Grund dafür sei Eitelkeit, vor allem bei Männern.

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Mit der nach langen Debatten eingeführten Quote haben die Frauen in der Gleichstellung einen Etappensieg errungen. Wie in Deutschland wird die Diskussion über Quoten für Vorstände weitergeführt. Zudem beklagen Aktivisten eine Lohnschere zwischen Männern und Frauen, die mit fast 23 Prozent im europäischen Vergleich besonders hoch ausfällt. Grund dafür ist, dass Frauen in Österreich häufiger in schlecht bezahlten Berufen arbeiten, zudem öfter in Teilzeit und wegen Kinderpausen im Schnitt auch weniger Berufserfahrung haben.
ela.

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