Trotz des Brexits wird es Einwanderung geben

Minister: Briten wollen diese Arbeitsplätze gar nicht haben

theu. LONDON, 21. Februar. Die britische Regierung hat erstmals eingeräumt, dass das Land nach dem Brexit auf Einwanderer aus anderen europäischen Ländern angewiesen bleiben wird, weil britische Arbeitnehmer die Stellen der Migranten nicht übernehmen wollen. „Es werden Jahre und Jahre vergehen, bis wir britische Bürger so weit haben, dass sie diese Arbeit erledigen“, sagte der britische Brexit-Minister David Davis bei einem Besuch in der estnischen Hauptstadt Tallinn. Großbritannien werde nach dem EU-Austritt nicht nur hochqualifizierte Einwanderer benötigen, sondern auch ausländische Arbeitskräfte in einfachen Beschäftigungen, sagte Davis. Als Beispiele nannte er Hotels, Restaurants, die häusliche Pflege und die Landwirtschaft.

Die Tür für EU-Einwanderer werde offen bleiben, versicherte der Brexit-Minister. Innenpolitisch ist das brisant, denn vor und nach dem britischen Austrittsreferendum im Juni 2016 haben führende EU-Gegner auf der Insel immer wieder signalisiert, nach dem Brexit solle die unpopuläre Einwanderung stark gesenkt werden. Premierministerin Theresa May sagte diesen Monat, britische Arbeitnehmer würden durch die EU-Einwanderer „verdrängt“. Davis dagegen räumt nun ein, dass viele Briten die häufig schlechtbezahlten und körperlich anstrengenden Arbeitsplätze von Migranten gar nicht haben wollen.

Die stark gestiegene Einwanderung vor allem aus Ost- und Südeuropa war ein Hauptgrund dafür, warum viele Briten für den Brexit gestimmt haben. In den zwölf Monaten bis Juni 2016 kamen netto 189 000 EU-Migranten hinzu, ein Rekordwert. Sie machen inzwischen knapp 5 Prozent der britischen Bevölkerung aus, ein Anteil der in etwa gleich hoch ist wie in Deutschland und anderen europäischen Ländern.

Die Briten wollen die EU im Frühjahr 2019 verlassen. Doch schon jetzt gibt es wegen des Brexits Anzeichen für Engpässe am Arbeitsmarkt. Jedes vierte britische Unternehmen rechnet damit, dass Angestellte aus anderen EU-Staaten 2017 ihren Arbeitsplatz aufgeben und das Königreich verlassen werden. Das zeigt eine in diesem Monat veröffentlichte Umfrage des Berufsverbands der britischen Personalfachleute unter mehr als tausend Unternehmen auf der Insel. Supermarktketten wie Tesco und Asda sowie der britische Bauernverband haben in einem gemeinsamen offenen Brief vor einer Personalknappheit durch eine restriktivere Einwanderungspolitik gewarnt. Trotz der Zuwanderung ist die Arbeitslosigkeit in Großbritannien in den vergangenen Jahren deutlich gesunken. Im Herbst lag die Arbeitslosenquote bei 4,8 Prozent und damit auf dem niedrigsten Stand seit elf Jahren. Zugleich sind rund eine Dreiviertelmillion britische Arbeitsplätze mangels geeigneter Kandidaten unbesetzt.

Migrationsexperten erwarten, dass eine deutliche Beschränkung der EU-Zuwanderung die Zukunft arbeitsintensiver Branchen wie etwa des heimischen Gemüseanbaus in Frage stellen würde. Stattdessen müsse der britische Bedarf in Zukunft womöglich stärker durch Agrarimporte aus dem Ausland gedeckt werden. Die Regierung in London müsse nach dem Brexit bei der Vergabe von Arbeitsvisa für EU-Bürger entscheiden, welche Branchen bevorzugt mit ausländischen Arbeitskräften versorgt werden sollen und welche nicht, sagte kürzlich Madelaine Sumption (Universität Oxford). Wenn man die Einwanderungszahlen senken wolle, dann werde es bei den britischen Unternehmen zwangsläufig „Gewinner und Verlierer geben“.

 

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