Was hinter Amerikas Arbeitsmarktwunder steckt

Obama hinterlässt ein Land mit Vollbeschäftigung - warum will sein Nachfolger so viele Stellen schaffen?

svs. FRANKFURT, 19. Januar. Wenn Donald Trump an diesem Freitag das Amt des amerikanischen Präsidenten übernimmt, werden neue Arbeitsplätze ein zentrales Thema seiner Amtszeit werden. Schließlich war es eines seiner zentralen Wahlversprechen, den Arbeitsmarkt zu entfesseln und damit viele Tausende neuer Stellen für die „Abgehängten“ in der Bevölkerung zu schaffen. Schon vor seiner Amtseinführung war sein Stab deshalb bemüht, möglichst viele Erfolgsmeldungen auf diesem Gebiet zu verkünden. Auf der anderen Seite rühmt sich sein Vorgänger Barack Obama, ein Land zu hinterlassen, das nahe an der Vollbeschäftigung ist. Im Jahresdurchschnitt 2016 betrug die Arbeitslosenquote 4,9 Prozent – Tendenz fallend. Übernommen hatte Obama eine Wirtschaft in der Weltfinanz- und Wirtschaftskrise, in der die Erwerbslosenquote auf fast 10 Prozent hochschnellte. Traut Trump etwa dem Aufschwung nicht?

Wahr ist, dass sich die Beschäftigung in Amerika von dem Krisenschock mittlerweile gut erholt hat. Nach vergleichbaren Zahlen der Internationalen Arbeitsorganisation liegen die Vereinigten Staaten mittlerweile nur noch knapp hinter dem europäischen Primus Deutschland und etwa gleichauf mit Großbritannien. Andere Industrieländer wie Frankreich leiden dagegen noch immer unter hoher Arbeitslosigkeit, gerade unter jungen Menschen.

Der Erholungseffekt in Amerika wird allerdings durch ein anderes Phänomen überzeichnet. „Viele Amerikaner haben sich in den vergangenen Jahren vom Arbeitsmarkt zurückgezogen“, sagt Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Sie tauchen damit in der Arbeitslosenstatistik nicht mehr auf und entlasten die Bilanz. Wissenschaftler messen die Beteiligung mit der Partizipationsrate, die besagt, wie viele der Menschen im erwerbsfähigen Alter dem Arbeitsmarkt auch zur Verfügung stehen. In Amerika sank diese Quote seit Beginn des Jahrtausends von 77 auf zuletzt rund 73 Prozent. Laut Weber ist es allerdings schwer zu sagen, ob es sich um dauerhaft abgekoppelte oder um Personen im Bereitschaftsmodus handelt, die bei guter Gelegenheit auch wieder arbeiten würden. Die Motivlage sei sehr unterschiedlich. Ganz anders dagegen die Entwicklung in Deutschland mit einem Zuwachs um mehr als 6 Prozentpunkte im selben Zeitraum. Für Weber spielt die geänderte Rentenpolitik 2004 dabei eine entscheidende Rolle. Auch in Großbritannien und sogar in Frankreich (auf niedrigerem Niveau) stieg die Beteiligung.

„Die Gesamtentwicklung am Arbeitsmarkt unter Obama war dennoch beachtlich“, bilanziert Weber. Das lasse sich an den neu geschaffenen Stellen ablesen. Nach Angaben der Regierung kamen 2015 rund 2,7 Millionen Stellen hinzu. Zusammen mit dem Vorjahr war dies der stärkste Zuwachs in einem Zweijahreszeitraum seit 1999. „Auf der Bundesebene gibt es keinen Anlass für Trump, die Job-Peitsche rauszuholen“, findet der IAB-Forscher.

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