Wie gut geht es dem europäischen Arbeitsmarkt?

EZB-Analyse: Der Aufschwung wird überschätzt / Unterauslastung beträgt 15 Prozent

maj. FRANKFURT, 10. Mai. Die Beschäftigung im europäischen Währungsraum kennt derzeit nur eine Richtung: nach oben. Das ist der Eindruck, den die offiziellen Arbeitsmarktdaten der europäischen Statistikbehörde Eurostat Monat für Monat vermitteln. So ist die Arbeitslosenquote im Euroraum im vergangenen Jahr erstmals seit Beginn der Schuldenkrise wieder auf unter 10 Prozent gesunken. Mit 9,5 Prozent war sie im März so niedrig wie zuletzt im Frühjahr 2009.

Doch die Schieflage auf dem Arbeitsmarkt könnte weiterhin größer sein, als es die offiziellen Zahlen nahelegen. Zu diesem Fazit kommt die Europäische Zentralbank in einem am Mittwoch veröffentlichten Bericht. Knapp fünf Millionen Arbeitsplätze wurden nach Angaben der Notenbank seit Mitte 2013 in der Währungsunion geschaffen – was nach Lehrbuchmeinung dazu führen müsste, dass auch die Löhne im Euroraum wieder anziehen. Davon sei allerdings derzeit wenig zu sehen. Obwohl in den vergangenen zwei Jahren neue Arbeitsplätze über alle Länder und Sektoren hinweg entstanden seien, hinke die Lohnentwicklung stark hinterher, schreiben die EZB-Experten in ihrem Bericht. „Das deutet darauf hin, dass es nach wie vor eine starke Unterauslastung des Faktors Arbeit gibt“, heißt es dort.

Die Autoren führen ihre Diagnose auf die Erfassungsmethode der Statistiker zurück. So beziehen sich die Arbeitslosenzahlen lediglich auf Personen, die aktiv nach Arbeit suchen und innerhalb von zwei Wochen eine neue Stelle antreten können. Dabei gebe es zum Beispiel zahlreiche Arbeitslose, die zwar keine Arbeit hätten, aber sich auch gar nicht mehr um eine Stelle bemühten – und deshalb in der Arbeitslosenstatistik nicht auftauchten.

Zudem gebe es Teilzeitbeschäftigte, die gerne mehr arbeiten würden, was nach Schätzungen der EZB 18 Prozent der Erwerbsbevölkerung betrifft. Bezieht man all diese Personengruppen in die Berechnung ein, rechnen die Autoren vor, liegt die Unterauslastung bei rund 15 Prozent. In Deutschland ergibt sich auch nach der EZB-Methode ein positives Bild. So sei die Unterauslastung hierzulande seit 2013 merklich zurückgegangen. „Anderswo zeigen die breiteren Messungen hingegen, dass das Ausmaß der Arbeitsmarktschwäche noch erheblich ist“, heißt es. Vor allem in Italien und in Frankreich habe sich die Lage weiter verschlechtert.

Der Bericht dürfte jenen Zentralbankern Argumente liefern, die an der ultralockeren Geldpolitik festhalten wollen. Bei einem Auftritt vor dem niederländischen Parlament in Den Haag am Mittwoch verteidigte EZB-Präsident Mario Draghi abermals den derzeitigen Kurs und wies dabei unter anderem auf die „sehr verhaltene“ Lohnentwicklung im Euroraum hin.

 

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