Wie wichtig der Handel mit Großbritannien ist

In den bevorstehenden Brexit-Verhandlungen geht es auch um den Handel.

Wer hat dabei mehr zu verlieren, die EU oder die Briten?

theu. LONDON, 16. Oktober. Es ist eines der beliebtesten Argumente britischer EU-Gegner – und auf Anhieb klingt es ziemlich einleuchtend: Großbritannien habe bei den bevorstehenden schwierigen Brexit-Verhandlungen mit Brüssel gute Karten, denn schließlich exportierten die anderen EU-Staaten mehr Waren nach Großbritannien als umgekehrt britische Unternehmen nach Kontinentaleuropa.

Wirtschaftliche Eigeninteressen würden Brüssel deshalb stärker zu Zugeständnissen zwingen als London. Auch deutsche EU-Kritiker wie der frühere Bundesbank-Vorstand Thilo Sarrazin argumentieren, Deutschland und die anderen EU-Mitglieder hätten mehr zu verlieren, wenn es durch den Austritt der Briten zu neuen Handelshürden kommen sollte. Aber ist das wirklich so? Klar ist, dass die künftigen Handelsbeziehungen im Zentrum der Austrittsverhandlungen stehen werden – und das Schadenspotential ist groß.

Wenn die Briten durch den Brexit auch den freien Zugang zum EU-Binnenmarkt verlieren sollten, könnte das den Außenhandel erheblich behindern. Zölle und sogenannte nichttarifäre Handelshemmnisse, etwa durch abweichende Produktstandards, würden Sand ins Getriebe des Waren- und Dienstleistungsaustauschs streuen. Weniger Handel und internationale Arbeitsteilung würden aber auch weniger Wohlstand bedeuten – und zwar für alle Beteiligten. Dabei geht es nicht nur um Importe und Exporte fertiger Produkte, sondern auch um internationale Zulieferketten: Wenn also etwa ein Mittelständler in Birmingham Bauteile an einen Maschinenbauer in Stuttgart liefert.

Für bestimmte Branchen ist das Vereinigte Königreich besonders wichtig – so ist es etwa der wichtigste Exportmarkt für die deutsche Autoindustrie. 14 Prozent aller in Deutschland gefertigten Autos gingen 2015 auf die Insel. Umgekehrt allerdings wurden auch mehr als 40 Prozent der in Großbritannien produzierten Fahrzeuge in anderen EU-Staaten verkauft.

Dem japanischen Hersteller Nissan sicherte die britische Premierministerin Theresa May Ende vergangener Woche schon zu, das Land werde trotz des Brexits konkurrenzfähig bleiben. Nissan ist der größte Autobauer in Großbritannien.

Sollte der EU-Austritt der Briten zu Handelszöllen führen, würde dies die Autobranche auf beiden Seiten des Ärmelkanals treffen: Im Schnitt beträgt der EU-Zoll für Mitgliedstaaten der Welthandelsorganisation WTO, mit denen der europäische Staatenbund kein Freihandelsabkommen hat, zwar nur 5,5 Prozent. Für Autos aber liegt er bei 10 Prozent. Nichttarifäre Handelshürden wären für die Autoindustrie ebenfalls ein Problem.

Unbestritten ist auch, dass Großbritannien ein wirtschaftliches Schwergewicht in Europa ist: Das Land ist bisher, in etwa gleichauf mit Frankreich, die zweitgrößte Volkswirtschaft der EU. Für die deutsche Wirtschaft ist Großbritannien der drittgrößte ausländische Absatzmarkt überhaupt – und das Geschäft ist in den vergangenen Jahren kräftig gewachsen. Der Exportüberschuss Deutschlands gegenüber dem Vereinigten Königreich ist zudem groß: 2015 standen deutschen Ausfuhren nach Großbritannien in Höhe von 89,3 Milliarden Euro Einfuhren von nur 38,3 Milliarden Euro gegenüber. Auch die 27 Mitgliedstaaten der „Rest-EU“ insgesamt haben einen beträchtlichen Exportüberschuss im Handel mit Großbritannien.

Dennoch lässt sich aus alldem nicht ableiten, dass für die EU im Brexit-Poker mehr auf dem Spiel steht als für Großbritannien. Das Gegenteil sei der Fall, sagt Michael Hüther, der Direktor des arbeitgebernahen Instituts der Deutschen Wirtschaft in Köln: „Die Briten würden den freien Zugang zu 27 Volkswirtschaften verlieren, die EU-Länder lediglich zu einer“, sagt Hüther. In Zahlen ausgedrückt bedeutet das: Im vergangenen Jahr machten in Großbritannien die Ausfuhren in andere EU-Staaten 44 Prozent der Gesamtexporte des Landes aus.

Umgekehrt aber gingen nur 8 Prozent aller Exporte der Rest-EU ins Vereinigte Königreich. Großbritannien sei deshalb „sehr viel mehr von der Nachfrage in der EU abhängig“ als umgekehrt, bilanziert die renommierte Londoner Denkfabrik Chatham House in einer Analyse.

Wenn man die Exporte in Relation zur Wirtschaftsleistung setzt, ergibt sich ein ähnliches Bild. Beispiel Deutschland: Zwar ist das Vereinigte Königreich ein wichtiger Handelspartner, die Ausfuhren dorthin machen aber nur rund 3 Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts aus – denn Deutschlands Unternehmen exportieren eben in sehr viele Länder. Auch für die Rest-EU insgesamt macht der Großbritannien-Export weniger als 4 Prozent ihrer gesamten Wirtschaftsleistung aus. Großbritannien erwirtschaftet dagegen mehr als 12 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts mit Ausfuhren in die anderen 27 EU-Mitgliedsländer. Auch so betrachtet steht beim Brexit für die Briten also eindeutig mehr auf dem Spiel als für die EU.

 

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Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.10.2016, Nr. 245, S. 16